Nostalgiereise ab Böblingen
: Mit dem Zug in die Schweizer Berge wie vor langer Zeit

Endstation Sehnsucht: Am Samstag macht am Böblinger Bahnhof ein ungewöhnlicher Zug Halt. Ein Eurocity aus den 70er Jahren.
Von
Thomas Morawitzky
Stuttgart
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Am Böblinger Bahnhof wird der alte Zug schon erwartet: Mehr als zwei Dutzend Parteien steigen hier zu.

Morawitzky

Natürlich müssen sie warten. Der Eurocity, der am Samstagmorgen mit rund zehn Minuten Verspätung auf Bahnsteig fünf des Böblinger Bahnhofs einläuft, ist ein alter, aber kein langsamer Zug. Er wird gezogen von einer Schnellfahrlock BR 103.

„Die Lok“, erklärt Lee Schröter, Reiseleiter der Arbeitsgemeinschaft „NostalgieZugReisen GmbH“, später dann, „war bahnbrechend in der Eisenbahngeschichte, zu ihrer Zeit, denn mit dieser Lokomotive war es erstmals möglich, planmäßig bis zu 200 Stundenkilometer auf deutschen Strecken zu fahren.“

Unterwegs auf einer der schönsten Bahnstrecken Mitteleuropas

Schade nur, dass vor der BR 103 am Samstag ein gemütlicher Regionalzug dahinzuckelt. Begonnen hat die Nostalgie-Reise in Mannheim, enden wird sie in Chur im Schweizer Kanton Graubünden – von Böblingen aus noch mehr als 300 Kilometer. Dort steigen die Fahrgäste um in einen Zug der Rhätischen Bahn, reisen auf dem regionalen Streckennetz weiter in den Kurort St. Moritz. Gegen 12 Uhr mittags wird die Reisegesellschaft in Chur anlangen, um 17.30 wird sie die Rückfahrt antreten, ihre Ankunft in Mannheim ist für 1.55 Uhr geplant.

Lee Schröter ist der Reiseleiter auf dieser besonderen Fahrt.

Foto: Morawitzky

In Konstanz soll die Lok getauscht, der Zug von einer langsameren Maschine weiter gezogen werden. „In der Schweiz“, sagt Lee Schröter, „gab es keine Notwendigkeit, so schnell zu fahren.“ Ebendies kommt der Nostalgiereise sehr zupass, denn bei ihr geht es den Fahrgästen vor allem darum, aus den Zugfenstern zu spähen und die schöne Landschaft zu betrachten, die vorüberrauscht – erst entlang der Bodenseeküste, dann in der Schweizer Bergwelt. „Es ist eine der schönsten Bahnstrecken Mitteleuropas.“

Aber noch sind die Böblinger Fahrgäste nicht im Zug. Sie reisen, um zu schauen, sie haben oft genug aber auch ein Faible für alte Bahnen, schwelgen in Erinnerung. Die Reise ist ausverkauft, Zustiege sind nur in Deutschland möglich, in Böblingen warten weit mehr als zwei Dutzend Parteien darauf, in einem Abteil von anno dazumal Platz nehmen zu können.

Die Fahrgäste haben eine Verbindung zu Zügen

Gottfried Burkhardt beispielsweise, aus Grafenau, in Begleitung. „Wir kommen sehr selten nach St. Moritz!“, sagt er. Wie man dorthin kommt, das ist für ihn aber auch nicht unwichtig. „Ein wenig“, sagt Burkhardt, „interessiere ich mich schon für Züge. Früher bin ich oft von Köln nach Stuttgart gefahren, und am Rhein gab es damals noch keinen ICE.“ Auch mit dem „Tübinger Jockele“, einem Sonderzug, der bis in die 1980er Jahre zwischen Freudenstadt und Bregenz verkehrte, ist er einmal gefahren. Und mit einem Dampfzug der Eisenbahnfreunde Zollernalb.

Christoph und Andrea Jeremias aus Leonberg warten darauf, schöne Handy-Fotos aufzunehmen, vom Kurort St. Moritz – aber auch sie haben ein Herz für alte Bahnen. Das sieht man, denn Christoph Jeremias trägt ein T-Shirt, auf dem eine Dampflok qualmt, eine Erinnerung an den Besuch des Dresdener Dampfloktreffens im vergangenen Jahr. „Manchmal“, sagt er, „taugt die alte Technik mehr, als die neue.“ „Und“, sagt sie, „sie weckt Erinnerungen an die Kindheit. Meine Eltern haben sich erst spät ein Auto gekauft. Wir waren viel mit Zügen unterwegs.“

Schöne Aussicht: Hinter der Scheibe und an der Scheibe

Foto: Morawitzky

Otto Schittenhelm aus Leonberg kennt sich noch besser aus. Er arbeitete einst für ein Unternehmen, das im Auftrag der Deutschen Bahn Loks prüfte, er war als Ingenieur zuständig für die Abnahme. „Ich kenne die 103“, sagt er. „Ich weiß noch, wie ich in den 1980er Jahren von Lüneburg her zum ersten Mal in einem Eurocity gefahren bin.“ Und er erzählt gerne und ausführlich von jenen Zügen, die schneller als 160 Kilometer pro Stunde fahren konnten – „wenn das die Strecke hergab.“

Vorliebe für altmodisches Reisen auf Schienen

Die Arbeitsgemeinschaft „NostalgieZugReisen“ besteht aus Freunden des altmodischen Schienenreisens und ist, wie Reisebegleiterin Nicole Sobottka erklärt, nicht auf Gewinn ausgelegt. „Unsere Einnahmen kommen der Erhaltung der Züge zugute.“ Die Züge, mit denen die Arbeitsgemeinschaft reist, befinden sich nicht in deren Besitz. Die BR 103 beispielsweise ist Eigentum des DB Museums in Koblenz. Sie wurde gebaut in den 1970er Jahren. Der Zug, den sie zieht, besteht aus unterschiedlichen Wagen, die in den 1970er und 1980er Jahren gebaut wurden – ein durchaus authentisches Bild, wie Lee Schröter erklärt: „Solche Garnituren sind auch damals schon gefahren.“

Und die Reisenden, aus Böblingen, Leonberg, Grafenau und anderswo, haben am Samstag einen schönen Tag in dieser Garnitur: „Das Wetter in der Schweiz war schön, und es war weniger kalt, als wir erwartet hatten“, meldet Sönke Windelschmidt, Geschäftsführer der „NostalgieZugReisen“, anderntags.

Und gewiss entstanden viele prachtvolle Fotos, die lange an den Ausflug in die Schweiz erinnern werden.

StZ Kreis Böblingen
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