Nostalgisches Konzert in Leonberg
: Wenn Musiker noch Anzug und Krawatte tragen

Das bestens aufgelegte Sophisticated Orchestra nimmt mit viel Charme und Augenzwinkern beim Leonberger Jazzclub das Publikum auf eine musikalische Zeitreise mit. Wir waren dabei.
Von
Thomas Slotwinski
Stuttgart
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Mit Schlips und Kragen: Richard Herfeld (rechts) und das Sophisticated Orchestra spielten beim Leonberger Jazzclub.

Slotwinski

Spätestens, seit die Aufregerserie „Babylon Berlin“ ihren Siegeszug durch die deutschen Wohnzimmer angetreten hat, ist sie buchstäblich salonfähig: Jene Musik, die zwischen zwei Weltkriegen Deutschland ein beschwingtes musikalisches Zwischenhoch beschert hat. 100 Jahre später lassen Künstler wie Max Raabe die „Goldenen Zwanziger“ wieder aufleben. Oder das Sophisticated Orchestra, das sich zum lauschigen Ausklang des Maifeiertages im Leonberger Jazzclub vorgestellt hat.

Der Glamour goldener Zeiten

Sophisticated ist ein englischer Begriff, der sich vieldeutig übersetzen lässt: Kultiviert, elegant, raffiniert oder komplex. Auf die Musik der von Schlagzeuger Andrew Andrews gegründeten Formation treffen all diese Tribute zu. In der gut gefüllten Steinturnhalle treten die Musiker um den Sänger und Conférencier Richard Herfeld allesamt in Anzug und mit Krawatte auf. Selbst das Mikrofon ist nostalgischer Machart. Der Glamour goldener Zeiten ist überall optisch zu sehen.

Und auch musikalisch orientiert sich das Orchester an Komponisten und Künstlern, deren Namen jetzt nicht mehr alle kennen. Allen voran die große Zarah Leander. Oder Michael Jary, der sich in der NS-Zeit für Künstler eingesetzt hat, die ins Visier der Nazis geraten waren. Und auch Peter Igelhoff wird präsent, der damals mit einem Auftrittsverbot belegt wurde, weil seine Musik „zu amerikanisch“ war.

Mit Charme durch das Programm

Echt amerikanisch sind tatsächlich einige Songs, die das Sophisticated Orchestra zu bieten hat. Musikalische Ausflüge nach New Orleans oder New York, dazwischen aber auch immer wieder deutsche Lieder. Es klingt fast wie eine politische Botschaft, wenn Richard Herfeld „Der moderne Mensch braucht einen Kleinwagen“ singt. Der Sänger führt äußert eloquent und mit viel Charme durchs Programm, oft unterlegt mit einem musikalischen Teppich des Pianisten Franky Ballet.

Zum Schluss hat er einen augenzwinkernden Gruß an den Ort des Geschehens parat: „Die kleine Stadt geht schlafen.“ Doch so müde ist das Leonberger Publikum noch lange nicht und entlässt das erfrischende Orchester erst nach drei Zugaben in die Nacht.

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