Rutesheim
: Ein Umbau-Martyrium mit Happy-End

Dieses Weihnachten haben die Bar­tels aus Rutesheim gleich doppelt Grund zur Freude. Denn die sechsköpfige Familie feiert das Weihnachtsfest erstmals in ihrem renovierten Zuhause. Vorausgegangen waren drei Jahre voller Entbehrungen und Rückschläge. Schweiß und Tränen flossen, die Nerven lagen blank. Und am Ende kamen die Bartels auch noch ins Fernsehen.
Von
Bartek Langer
Stuttgart
Jetzt in der App anhören

Die Baustelle scheint endlos

privat

Leonberg - Dieses Weihnachten haben die Bar­tels aus Rutesheim gleich doppelt Grund zur Freude. Denn die sechsköpfige Familie feiert das Weihnachtsfest erstmals in ihrem renovierten Zuhause. Vorausgegangen waren drei Jahre voller Entbehrungen und Rückschläge. Schweiß und Tränen flossen, die Nerven lagen blank. Und am Ende kamen die Bartels auch noch ins Fernsehen.

Zunächst der Reihe nach: die Bartels sind eine Patchwork-Familie. Mutter Marion, eine Frohnatur mit österreichischen Wurzeln, brachte Tochter Lena Marie, 16, und Sohn Manuel, 15, in die Partnerschaft mit Wolfgang. Obendrein kam vor drei Jahren ein Zwillingspaar dazu. Seitdem bereichern die lebenslustigen Tom und Luca, der unter dem Down-Syndrom leidet, das Familienglück.

Als sich die Familie vergrößerte, tat mehr Platz dringend Not. Vater Wolfgang, gelernter Mechaniker und ein Mann, der Herausforderungen nicht scheut, hatte eine Idee: preiswertes Haus kaufen, auf Vordermann bringen, dort alt werden. Eine passende renovierungsbedürftige Immobilie war schnell gefunden. Der Hausumbau und -Anbau waren beschlossene Sache.

Gattin Marion bezog Anfang 2010 samt den Kindern die knapp 50 Quadratmeter großen Räumlichkeiten in der zweiten Etage des 1949 erbauten Hauses. Eine kleine Kochnische, bescheidenes Bad, Kinder- und Schlafzimmer, alles im Rohbau. Unten machte sich derweil Wolfgang Bartel an die Arbeit. Erstmal ranklotzen, lautete die Devise. Tagsüber stand der 46-Jährige in der Entwicklungsabteilung eines großen Maschinenbauunternehmens, abends im Blaumann auf der Privatbaustelle. Wochenende? Gestrichen!

Den Wintergarten schuf er mit seiner Hände Arbeit, den Anbau rings um das Haus, die Terrasse, das Treppenhaus. Die Decken und Wände verputzte und tapezierte – alles ohne fachlichen Hintergrund. „Ein Bekannter hat mir einige grundlegende Tipps mit auf den Weg gegeben“, sagt Vater Bartel lapidar. Für alles andere galt: Probieren geht über Studieren.

Wolfgang Bartel schuftete und wusste sich auch aus scheinbar ausweglosen Situationen zu helfen. Doch so sehr er sich ins Zeug legte, ein Ende war nicht abzusehen. Die Familie stieß an ihre Grenzen. Als die Heizung monatelang ausfiel, musste Mutter Marion die Kleinsten bei fünf Grad Zimmertemperatur in einem Wasserkübel schrubben. Irgendwann platzte der Babysitterin der Kragen. Klammheimlich wandte sich das besorgte Kindermädchen an die Umbauprofis der RTL 2-Doku-Soap „Zuhause im Glück“. Das Konzept der Sendung: 15 Handwerker bauen das Haus einer in Not geratenen Familie innerhalb von acht Tagen um.

Eine Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Die Redaktion bekundete Interesse, bat um Bilder des Hauses, wollte mehr über die Familie erfahren. „Wir hatten wochenlang fast täglich miteinander telefoniert“, so Marion Bartel. Ende 2012 folgte der erste Besuch im Haus, Architekten verschafften sich einen Überblick, die Bartels wurden sozusagen gecastet.

Dann aber brach der Kontakt ab. „Es hieß, unser Haus sei zu groß und wir sollten uns keine Hoffnung machen“, berichtet Wolfgang Bartel, der damals noch immer bis über den Kopf in Arbeit steckte. Als wäre das nicht genug, brachte auch noch Sohn Luca die Eltern an den Rand der Verzweiflung. Der kleine Mann verweigerte jegliche Nahrungsaufnahme. Die Ärzte waren ratlos. „Ich wusste nicht mehr weiter“, gesteht die 44-Jährige.

Doch die schönsten Dinge passieren bekanntlich, wenn man sie am wenigsten erwartet. Und so klingelte ausgerechnet in der größten Not das Telefon. Am Apparat: eine Redakteurin von „Zuhause im Glück“, die mitteilte, die Sache wäre geritzt. „Mir verschlug es die Sprache“, erinnert sich Wolfgang Bartel. „Es war wie ein Sechser im Lotto“, ergänzt seine Frau. Eine aufregende Zeit stand der Familie ins Haus.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Telefonate, Terminabsprachen, Hausbesuche. Am 21. Mai rückten die Umbauprofis an. Architekten, Maler, Schreinermeister, Elektriker tummelten sich auf dem Grundstück der Bartels. Auch der halbe Ort war auf den Beinen. Freunde und Bekannte packten mit an. Das Rutesheimer DRK-Team sorgte für das leibliche Wohl. Und auch Fans aus ganz Deutschland machten den Bartels ihre Aufwartung. Alle wollten einen Blick auf ihr Zuhause erhaschen.

Die Familie harrte derweil in einem Hotel in Leonberg aus. Erst nach acht Tagen durften die Bartels ins traute und renovierte Heim zurück. Vor laufenden Kameras. „Das Team hat uns ein perfektes Zuhause geschenkt“, resümiert Marion Bartel überglücklich. Dem hat auch ihr Gatte nichts hinzuzufügen. Bis auf eines: „Ich selbst hätte uns nie angemeldet“, gibt er sich kämpferisch. „Wenn ich etwas anfange, dann bringe ich es auch zu Ende!“ Doch über mangelnde Arbeit wird sich der unermüdliche Hausherr auch in Zukunft nicht beschweren müssen. Die ein oder andere Baustelle, darunter die Außenfassade, wartet noch in dem knapp 180 Quadratmeter großen Haus.

Für das erste Weihnachtsfest im neuen Zuhause haben sich die Bartels viel vorgenommen. Auch wenn Marion Bartel hie und da auf die Bremse treten muss. Erst kürzlich rutschte die 44-Jährige auf eisglattem Gehweg aus und verletzte sich schwer am rechten Ellbogen. „Statt der gefüllten Pute gibt es nun Gulasch mit österreichischen Knödeln und schwäbischen Spätzle“, verrät sie ihr Weihnachtsmenü. Und der Nachtisch? Darum kümmert sich die liebe Verwandtschaft, die am ersten Weihnachtstag nach Rutesheim kommt. „Schließlich haben wir jetzt genug Platz, um die gesamte Familie einzuladen“, sagt Marion Bartel mit Vorfreude.

StZ Kreis Böblingen
Montag - Samstag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus dem Kreis Böblingen im kompakten Überblick: Von Montag bis Samstag schicken wir Ihnen unseren Newsletter mit den fünf beliebtesten Themen unserer Leserinnen und Leser in Ihr E-Mail-Postfach. So bleiben Sie immer auf dem Laufenden.