Stadtarchiv Böblingen: Jüdisches Leben und Leid sichtbar gemacht

Konrad „Conny“ Sprai mit seiner Cousine Liselotte „Lilo“ Scheu auf einer Fotografie aus dem März 1937.
Privatbesitz- Stadtarchiv Böblingen schließt Projekt „Jüdische Biografien in Böblingen (1880–1945)“ ab.
- Ergebnisse stehen auf Stadtgeschichte.boeblingen.de – mit Dossiers und Bildmaterial.
- Historikerin Marie Lindner rekonstruierte Lebenswege aus vielfältigen Quellen und Gesprächen.
- Beispiel Konrad W. Sprai: Jugend in Böblingen, Verfolgung, Deportation nach Stutthof, später Ausland.
- Dossiers eignen sich für Schulen und bleiben offen für Ergänzungen; weitere folgen online.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Das Stadtarchiv Böblingen hat das Dokumentationsprojekt „Jüdische Biografien in Böblingen (1880–1945)“ abgeschlossen und die Ergebnisse nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Mittelpunkt des Dokumentationsprojekts stehen Menschen und Familien mit Bezügen zur jüdischen Religion, Kultur oder Gemeinschaft sowie Personen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Von Mai 2025 bis März 2026 fand die Historikerin Marie Lindner in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Böblingen unbekannte Spuren jüdischen Lebens in der Stadtgeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie finden sich nun dokumentiert und verständlich erklärt auf der Homepage Stadtgeschichte.boeblingen.de
Die biografischen Dossiers beleuchten individuelle Lebenswege und eröffnen zugleich neue Perspektiven auf die Geschichte Böblingens zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Diktatur. Für das Forschungsprojekt wurden umfangreiche Quellenbestände ausgewertet, darunter Unterlagen aus dem Stadtarchiv Böblingen, dem Staatsarchiv Ludwigsburg sowie nationalen und internationalen Gedenk- und Forschungsinstitutionen wie den Arolson Archives oder dem Yad Vashem. Ergänzt wurden die Recherchen durch Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Angehörigen, die wertvolle Hinweise zur Rekonstruktion einzelner Lebenswege lieferten.
Konkrete Beispiele machen Geschichte greifbar
Wie überraschend und vielschichtig die Ergebnisse ausfallen können, zeigt das Beispiel von Konrad W. Sprai. Der 1924 in Berlin geborene Jugendliche kam Mitte der 1930er Jahre nach Böblingen und lebte mehrere Jahre bei Verwandten in der heutigen Friedrich-List-Straße. Lange war über diesen Abschnitt seines Lebens nur wenig bekannt. Erst durch die Auswertung von Archivquellen und die Erinnerungen seiner Witwe konnte seine außergewöhnliche Biografie rekonstruiert werden: Von Böblingen führte ihn sein Weg zurück nach Berlin, wo er unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Verfolgung überlebte, zeitweise untertauchte und schließlich sogar in das Konzentrationslager Stutthof deportiert wurde.
Nach dem Krieg lebte er unter anderem in Amsterdam, Lima, New York und später wieder in Berlin. Sein Lebensweg zeigt eindrucksvoll, wie lokale Geschichte mit europäischen und globalen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts verwoben ist und welche bislang unbekannten Geschichten sich hinter einzelnen Namen in den Quellen verbergen.
Die Dossiers eignen sich auch für Schülerinnen und Schüler
Das Dokumentationsprojekt spiegelt die Vielfalt jüdischer Lebensrealitäten in Böblingen wider und verdeutlicht zugleich die Folgen der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik. Damit versteht sich das Projekt als Beitrag zur Erinnerungskultur der Stadt Böblingen und als Impuls für weitere Forschungen zur lokalen Geschichte. Die biografischen Dossiers machen deutlich, dass hinter den historischen Quellen individuelle Lebensgeschichten stehen, deren Spuren bis in die Gegenwart reichen.
Die Dossiers sind mit Quellenzitaten und begleitendem Bildmaterial versehen, die auch für Schülerinnen und Schüler ein lebensortnahes Anknüpfen ermöglichen können. In den kommenden Wochen werden noch weitere Dossiers online gestellt. Die Forschungsergebnisse bilden den aktuellen Kenntnisstand ab und bleiben selbstverständlich offen für Ergänzungen, neue Quellenfunde und weiterführende wissenschaftliche Untersuchungen.