Theaterprojekt Rutesheim: „Das ist nicht wie am Bildschirm, man kann nicht einfach weiterwischen“

Das Duo Fortissimo aus der Slowakei hat pantomimisch Rutesheimer Viertklässler beeindruckt.
Simon GranvilleEs kommt ganz ohne Worte aus, das Duo Fortissimo aus der Slowakei. Und es zieht doch eine knappe Stunde lang mehr als hundert Kinder in seinen Bann, so sehr, dass die Viertklässler selbst zum Teil des Schauspiels werden. Schon nach wenigen Minuten hat der Pantomime Vlado Kulisek die ersten Lacher auf seiner Seite. Und wenn der Künstler nicht redet, sondern sich nur mit Mimik, Gestik und dem Körper ausdrückt, spricht der Musikbegleiter mit seinem Klavier, kongenial und passgenau. Das reicht, um Geschichten zu erzählen, Gefühle mitzuteilen und das junge Publikum ohne Mühe ins Geschehen auf der Bühne einzubeziehen.
Theater mit 60 Aufführungen für 7000 Kinder und Jugendliche
Es ist wieder Zeit für „Theater im Kreis“. Das Kinder- und Jugendtheaterfestival wurde in Rutesheim mit dem Pantomimenstück „Der Koffer“ der Gruppe Fortissimo eröffnet. An fünf Tagen steht für rund 7000 Kinder und Jugendliche in fast allen Städten und Gemeinden im Landkreis Böblingen statt Mathe, Deutsch und Englisch Schauspiel auf dem Stundenplan. 60 Aufführungen von acht verschiedenen Klein-Ensembles oder Solokünstlern aus ganz Deutschland und der Slowakei gibt es in dieser Zeit. Viele von ihnen sind schon seit gut 20 Jahren mit von der Partie, erklärt Ekaterina Ohngemach vom Kreisjugendring Böblingen, der diese Veranstaltungsreihe maßgeblich auf die Beine stellt.
Theater live: „Da stehen echte Menschen auf der Bühne“
Was 1992 mit einem Zirkuszelt in Böblingen begonnen hat, ist längst fester Bestandteil in vielen Schulen und Kindergärten: Analog und ganz direkt Geschichten zu sehen und zu hören und manchmal auch mittendrin im Geschehen zu sein. „Da stehen echte Menschen auf der Bühne“, erklärt der Sozialdezernent des Landkreises, Dusan Minic, den Kindern bei der Begrüßung. „Das ist nicht wie am Bildschirm, man kann nicht einfach weiterwischen, das ist live“, sagt der Vertreter des Landkreises.
In Rutesheim kommen nicht nur die Viertklässler in den Genuss einer Theateraufführung, sondern alle 540 Grundschüler und Vorschulkinder in den Kindergärten. Erstklässler sowie die Vorschulkids lernen mit dem Verein namens Theaterlandschafft das Drachenbaby Walli Wolle kennen. Die Zweit- und Drittklässler erleben mit dem Theater „TamBambura“, wie Pira durchs Wunderbuch fliegt.

Vlado Kulisek (links) spricht Zuschauer auch ohne Worte an – musikalisch von seinem Kompagnon begleitet.
Foto: Simon GranvilleAber nicht nur für die jüngeren Kinder werden unter dem Festivalmotto „Starke Stücke – Starke Kinder“ Aufführungen angeboten. Auch für Jugendliche haben die Festivalmacher vom Kreisjugendring Ensembles engagiert. Beispielsweise das „ue Theater“ aus Regensburg, das mit dem Stück „Ich bin kein Nazi, aber …“ zum Nachdenken über Klischees und Vorurteile anregen will und das Publikum dabei einbezieht. An zwei Tagen sind die Schauspieler damit an Leonberger Schulen zu Gast. Finanziert wird das ganze Theaterfestival überwiegend vom Landkreis und den Kommunen sowie durch eine Spende der Kreissparkasse Böblingen.
Auf der Bühne dürfen auch Zuschauer mitspielen
In der Rutesheimer Aula hat Fortissimo sein junges Publikum gewonnen. Die Spannung, die Vlado Kulisek auf der Bühne erzeugt, überträgt sich auf die Kinder, sie recken die Hälse, kichern, klatschen und sparen auch nicht mit Buh-Rufen, wenn der Schauspieler aus ihrer Sicht mit einem der ihren bei einem imaginären sportlichen Wettbewerb ungerecht umgeht. Einer der Höhepunkte ist es, als der Schauspieler es schafft, dass zwei Kinder und ein Erwachsener als Schiedsrichter auf der Bühne pantomimisch ein Tennisspiel austragen. Ohne den Profi, und das zur Freude aller kleinen und großen Zuschauer.