Traditionelles Straßentheater: Christi Geburt in der Sindelfinger Altstadt

Hirten bruddeln auf Schwäbisch und ein gefallener Engel treibt die Massen Richtung Kirche
Stefanie Schlecht„Ganget mit in die Kirche, bei dem Sauwetter!“ – das ließen sich mehr als 400 Zuschauerinnen und Zuschauer angesichts des Regens nicht zweimal sagen, als sie sich am Samstagabend zum Finale des Sindelfinger Straßentheaters „Die Sindelfinger Christgeburt“ in der trockenen Sindelfinger Martinskirche versammelten. Seit 1996 bereits findet das längst zur Tradition gewordene Gemeinschaftswerk von Profis, Amateuren und Bewohnern im Zweijahresrhythmus in der Sindelfinger Altstadt statt.
Diesmal gab’s Applaus aber nicht nur für die Darsteller, Musiker und Sänger, sondern gleich zu Beginn vor dem Sindelfinger Stadtmuseum auch für die kurzerhand eingesetzten zusätzlichen Sicherheitskräfte. „Absagen war keine Option“, betonte Veranstaltungsleiter Daniel Tepper mit Blick auf den schrecklichen Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt am Tag zuvor. Ein kurzes Gedenken leitete über zum musikalischen Auftakt und die Sindelfinger Altstadt wurde zur anfangs noch trockenen Bühne für die Mischung aus einem Stück Mittelalter und modernem Straßentheater, geschrieben von Dieter E. Hülle und Wolfram Graf.

Maria und Joseph in der Martinskirche
Foto: Stefanie Schlecht„Dona Nobis Pacem“ intonierten Chor und Instrumentalisten. Vor dem Stadtmuseum verkündete Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria, dass sie schwanger werden würde und ihren Sohn Jesus nennen solle. Einer der weiteren Hauptdarsteller auf dem Weg durch die Sindelfinger Kurze Gasse war Esel „Joschi“. Durfte auf dem Grautier, das normalerweise in Ehningen zuhause ist, doch Maria Platz nehmen. Vom Stadtmuseum ging es auf dem Weg nach Bethlehem und der dortigen Herbergssuche zunächst zum Schaffhauser Platz.
Hirten bruddeln im breitem Schwäbisch
„Ein Zeichen am Himmel“, sahen dort die Sterndeuter. „Kommt mit Leute, ich zeige euch, wo’s langgeht“, wies der Erzengel der immer größer werdenden Schar der Begleiter den weiteren Weg zur Martinskirche. Dort strahlte nicht nur der große Christbaum im zunehmenden Regen, sondern Gabriel verkündete den auf dem Vorplatz schlafenden Hirten sogleich die Geburt Jesu. Das Trio bruddelte munter in breitem Schwäbisch über das Geschrei im ganzen Flecken ob der königlichen Order zur Volkszählung, „dass sie immer mehr auspressen aus dem Ländle“.
Anspielung auf die Gegenwart waren sicher ausdrücklich erwünscht. Dazu habe „einer an der Tür geschellt, ob wir ihn nicht aufnehmen täten“. Eine muntere Tanzeinlage, „dass wir draußen nicht ganz störrig werden“, und die Engelsschar mit ihrem „Gloria“ leiteten zum Endspiel vor den am Ende vollständig gefüllten Sitzreihen in der Martinskirche über. Mit diebischer Freude über den von Herodes befohlenen Mord an allen Kindern bis zum Alter von zwei trieb der Teufel sein Unwesen: Er schickte sich an, den angekündigten Messias, der ihn angeblich vom Thron stoßen wolle, zu töten.

Sabine Duffner als Teufel
Foto: Stefanie Schlecht„Ich zieh mich zurück, dann will ich mich mit Messwein besaufen, bis ich die Engel singen höre“, ging die schwarze Schreckgestalt von der Bühne ab. Im musikalischen Schlussakkord kamen Blechbläserensemble, Schlagwerk und Orgel sowie der Sindelfinger Kinder- und Jugendchor und schließlich auch das Publikum mit einem gemeinsamen Lied zum mal lauten, mal leisen Einsatz. Rasender Beifall sowie reichlich Spenden statt Eintrittsgeld waren den Mitwirkenden sicher. Und die Neuauflage bei der nächsten „Sindelfinger Christgeburt“ in zwei Jahren.