Uli Gutscher in Böblingen: Ein wunderbares Geburtstagskonzert mit dem Ausnahmeposaunisten

Machen Freude und haben Freude: Der Posaunist Uli Gutscher und seine Begleiter
EppleNein, sie hatten sich nicht verirrt, wenngleich nebenan im Europa-Saal Cindy von Marzahn zur selben Zeit ihre Lachnummern zum Besten gab. Über 200 Jazzfans füllten den Württemberg-Saal der Böblinger Kongresshalle, der damit ausgebucht war. Und die wussten genau warum sie Uli Gutscher, dem württembergischen Altmeister der Posaune, gegenüber der jungen Berliner Komikerin den Vortritt gaben.
45 Jahre Jazzgeschichte mit alten Weggefährten des Uli Gutscher Quartetts/Quintetts waren zu erwarten. In dieser langen Zeitspanne ist einiges zusammengekommen, was das Jazzer-Herz erfreut.
Trotz Infekt: Lässig und präzise
Werner Acker an der Gitarre bereichert den Bandsound bereits seit 1979, dem Gründungsjahr, Thomas Krisch am Kontrabass stieß in den 80ern hinzu. Diese beiden sind heute noch dabei; so auch beim Jubiläumskonzert am vergangenen Freitag bei der JazzTime. Der Schlagzeuger Herbert Wachter, ebenfalls Uli Gutscher Quintett-Urgestein, musste krankheitsbedingt passen, konnte aber durch Jan-Philipp Wiesmann adäquat ersetzt werden. Tilman Jäger (Piano), der künstlerische Leiter der Böblinger JazzTime gehört mittlerweile ebenfalls zum legendären Quintett und war deshalb mit am Start.
Im Mittelpunkt standen natürlich die Posaune und die Kompositionen des Bandleaders – und der hatte auf seinem Instrument viel zu bieten. Sein polyfones Spiel unter Mitwirkung seiner Gesangsstimme ist eine seiner Spezialitäten, die er allerdings nur im Rahmen eines Intros oder einer Solopassage einsetzte. Ansonsten bewegte er sich von melodiös-zart bis hin zu kraftvollen funky- oder Latin-Grooves, immer genügend Raum lassend für die Qualitäten seiner Mitspieler. Tastenmeister Jäger glänzte wie gewohnt mit unglaublich innovativen und flächigen Soli, für die er viel Beifall erntete, wie auch als einfühlsamer dritter Mann der soliden Rhythmusgruppe um Krisch und Wiesmann.
Über Werner Acker muss dem Jazzkenner nicht viel erzählt werden. Der ehemalige Dozent der Stuttgarter Musikhochschule ist überall zu finden, wo ein versierter, mit allen Wassern gewaschener Gitarrist gebraucht wird. Dass er trotz grippalem Infekt mit einer scheinbaren Leichtigkeit und Präzision agieren konnte, zeugt von seiner Klasse.
Jazziges Abendlied zum Abschluss
Von Ballade über Swing, Samba, Jazzrock, Jazz Waltz, Cool Jazz und weiteren Stilrichtungen war an diesem Abend die bunte Farbpalette Gutschers Schaffens bestens abgebildet. Nahezu alle Kompositionen stammten aus seiner Feder. Das begeistert applaudierende Publikum bekam nach der letzten Nummer, Ackers „Cariffity“, natürlich noch eins, beziehungsweise zwei, obendrauf.
Beim Klassiker „Mo Better Blues“ spielten nochmals alle ihre Trümpfe aus und mit einer jazzigen Bearbeitung von „Guten Abend, gute Nacht“ mit wunderbaren Piano- und Posaunenphrasen, durften Besucher und Musiker den Genussabend wohltuend ausgleiten lassen. Ein Besucherehepaar aus Grafenau, das zum ersten Mal bei einem Konzert bei der JazzTime war, konstatierte: „Respekt vor den grauen Haaren! Das war richtig toll. Das war nicht das letzte Mal, dass wir hier waren.“