Abschluss des Tonart-Festivals in Esslingen: Musiker bringen die Sehnsucht nach Freiheit zum Klingen

Kraftvolle, dunkle Klänge beim Tonart-Festival in Esslingen.
/Rainer KellmayerAm Internationalen Frauentag stand im finalen Konzert des mit „Zeiten wenden“ überschriebenen Esslinger Tonart-Festivals im Münster St. Paul eine außergewöhnliche Person im Zentrum: Maryja Kalesnikava. Die Flötistin und Bürgerrechtlerin wurde 2020 als eine der drei weiblichen Galionsfiguren der Demokratiebewegung in Belarus international bekannt. Nach der Niederschlagung der Demonstrationen wurde die Kämpferin für die Freiheit in der weißrussischen Hauptstadt Minsk verhaftet und wegen ihrer oppositionellen Aktivitäten zu elf Jahren Haft verurteilt.
Maryja Kalesnikava, die 2012 an der Stuttgarter Musikhochschule ihr Studium abgeschlossen hat und in der Region künstlerisch tätig war, wurde im Jahr 2022 von der Stadt Esslingen geehrt: Für ihre Verdienste um die Menschenrechte erhielt sie den Theodor-Haecker-Preis.
Unter dem Motto „Ave Maryja“ hatte die Crew um den Tonart-Vorsitzenden Albrecht Imbescheid ein breit gefächertes Oeuvre zeitaktueller Musik zusammengestellt: Solistische Beiträge kontrastierten mit farbigen Ensembleaktionen. Zwei Uraufführungen bereicherten die Programmdramaturgie. Den literarischen Kontrapunkt setzten die Texte des weißrussischen Juristen und Aktivisten Maxim Znak, der die Bürgerrechtlerin als Anwalt vertreten hat und der später selbst inhaftiert wurde.
Zum Auftakt wartete das „Trio vis-á-vis“, in dem Maryja Kalesnikava einst die Flöte gespielt hat, mit Helmut Lachenmanns „temA“ auf – einer zerklüfteten Komposition, die sich im Spannungsfeld punktueller instrumentaler Aktionen, schriller Pfeiftöne, mannigfacher Stimm- und Kehlgeräusche sowie gedehnter Pausen bewegt.
In Wojciech Blecharz‘ „Blacksnowfalls“ bearbeitete Aleksandra Nawrocka eine Pauke mit vollem Körpereinsatz. In der gekonnt choreografierten Performance streichelte sie das von unten beleuchtete Paukenfell zunächst mit bloßen Händen, doch dann war das Tongewitter nicht mehr aufzuhalten: Mit kräftigen Handkantenschlägen und Ellenbogenchecks malträtierte Nawrocka das Fell derart heftig, dass man um das Wohl ihres Instruments fürchten musste.
Mannigfache Farben der Schlaginstrumente
Wesentlich ruhiger ging es in „Echo 3“, der Uraufführung einer Studie für fünf Schlagzeuger von Matthias Hermann, zu. Klaus Dreher koordinierte die subtilen Klänge mit klarer Dirigiergestik: Die mannigfachen Farben der verschiedenen Schlaginstrumente verwoben sich zum edel schimmernden Klangteppich. Nach den von Frank Wörner pointiert vorgetragenen Lesungen aus „Zekamerone“, in denen Maxim Znak den Irrsinn des Lebens in einem Gefängnis illustriert, gab es Erheiterndes. Tamara Kurkiewicz genügten ein Paar hochhackiger weißer Damenschuhe, um auf einem Tisch ein virtuoses Feuerwerk perkussiver Aktionen abzubrennen. Im abgedunkelten Kirchenraum schienen die Schuhe in einem Spotlight zu tanzen – mal an einen flotten Stepptanz erinnernd, dann wieder wilde rhythmische Kapriolen schlagend: Ein vergnügliches Erlebnis.
Im Finale gab es die Uraufführung von „Ave Maryja“, einer Musik, die Klaus Sebastian Dreher Maryja Kalesnikava gewidmet hat. Aus der Keimzelle eines fröhlichen Renaissancetanzes spreizten sich die Klänge in atonale Dimensionen, wobei das hochkarätig besetzte Ensemble vokale und instrumentale Klänge kunstvoll verwob. Die drastische Wandlung von harmonischen Tönen hin zu erratischen Klangballungen schienen die wechselhafte Biografie Kalesnikavas zu symbolisieren: eindrucksvoll, und in ihrer Intensität stets zutiefst berührend.