Bildung in Ostfildern
: Nach der Flucht aus Syrien – Physikstudent auf Erfolgskurs

Mit zwölf Jahren musste Hatem Alnasri mit seiner Familie aus Syrien fliehen. Jetzt ist Ostfildern seine Heimat. Er studiert Physik und setzt sich für Bildung ein.
Von
Elisabeth Maier
Esslingen
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In Ostfildern fühlt sich der Physikstudent Hatem Alnasri wohl.

Elisabeth Maier

Teilchenphysik findet Hatem Alnasri besonders spannend. Deshalb hat sich der 22-Jährige für ein Studium am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entschieden. Er ist in Syrien geboren und kam vor zwölf Jahren mit seiner Familie nach Ostfildern. „Anfangs war es schwer“, erinnert sich der Student. Doch dann fasste er schnell Fuß in der neuen Kultur und schaffte den Sprung aufs Otto-Hahn-Gymnasium.

Die Erinnerungen an die Flucht sind noch nicht verblasst. „Wir waren in einem Lager im Libanon, das war schwer“, sagt der gebürtige Palästinenser, der seine Jugend in Syrien verbracht hat. Sorgenvoll blickt er angesichts des Kriegs in den Nahen Osten. Doch inzwischen fühlt sich der junge Mann in Deutschland zuhause. Als er nach Ostfildern kam, besuchte er zunächst die Vorbereitungsklasse der Erich-Kästner-Schule. Das Lernen fiel Hatem Alnasri leicht. Obwohl er anfangs kein Deutsch konnte, hat er die Sprachbarriere schnell überbrückt. Bald durfte der begabte Schüler ins Otto-Hahn-Gymnasium wechseln. Da hat er sein Abitur 2022 mit der Note 1,5 bestanden.

Viel Hilfe im neuen Kulturkreis

Er habe viel Hilfe bekommen, sagt der 22-Jährige heute und blickt dankbar zurück. Seine Eltern lernten viel mit ihm, obwohl sie selbst anfangs wenig Deutsch konnten. „Mit dem Google-Übersetzer war das kein Problem“, sagt Alnasri lachend. Bildung hatte in seiner Familie immer einen hohen Stellenwert. In Syrien arbeitete seine Mutter als Lehrerin. Dankbar ist Alnasri auch, dass ihn die Mitarbeitenden des Freundeskreises Asyl in Ostfildern intensiv und mit großem Zeitaufwand begleitet haben. Mit der Vorsitzenden Ursula Zitzler ist er bis heute in Kontakt. „Durch das Mentoring-Programm lernten wir die Kultur kennen.“ Hatem Alnasris Familie hat das Café Syria angestoßen, das zwei Mal im Jahr Menschen aller Kulturen im katholischen Gemeindehaus in Ruit zusammenbringt. „Wir haben hier schnell Fuß gefasst und fühlten uns willkommen.“ Inzwischen hat die Familie die deutsche Staatsbürgerschaft.

Hatem Alnasri und Ursula Zitzler pflegen seit zehn Jahren Kontakt.

Foto: Elisabeth Maie

Dass er studieren möchte, war immer Hatem Alnasris Ziel. Seine Schwester studiert in Hohenheim Ernährungswissenschaften. Im Juli 2025 will er seinen Bachelor of Science in Physik am KIT abschließen. An der Hochschule werde er optimal gefördert. Seit 2022 ist er Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, die besonders begabte Studierende unterstützt. Von Seminaren und Fortbildungsangeboten der Stiftung profitiert der junge Physiker. Im vergangenen Jahr nahm er an einer Sommerakademie in der Schweiz teil, deren Schwerpunkt erneuerbare Energien waren.

Für die Zukunft zu forschen, darin sieht Hatem Alnasri eine wichtige Perspektive. Deshalb möchte er seine Hochschulausbildung fortsetzen, denkt auch an eine Promotion. Als Tutor für experimentelle Physik sammelt er Lehrerfahrungen. Ihm ist es wichtig, jungen Leuten den Weg in eine erfolgreiche Zukunft zu ebnen. „Bildung fängt schon im Elternhaus an“, findet der junge Mann, den seine Familie immer auf dem Weg in die Wissenschaft unterstützt hat. Deshalb setze ich mich für Chancengleichheit ein.

Engagement für junge Leute aus bildungsfernen Familien

Deshalb engagiert sich Hatem Alnasri im Verein Sprungbrett Bildung in Stuttgart, dessen Vorsitzender er ist. „Die Zeit für das Ehrenamt nehme ich mir gerne“, sagt der Student. Ziel des Vereins ist es, mehr Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit in der Gesellschaft zu erreichen. Gerade junge Menschen aus bildungsfernen Familien hätten an den Universitäten oft Probleme.

Da hilft der Verein mit einem Mentoring-Programm. Junge Leute aus allen Kulturen, die studieren möchten, werden da von den Mitgliedern des Vereins betreut. Da ließen sich Schwellenängste leicht abbauen, findet Alnasri. Im Austausch mit Studierenden ihrer Generation lernen die jungen Leute, wie man Ängste vor dem Alltag an der Universität abbaut. Das betrifft nach Alnasris Worten nicht nur Familien mit Migrationshintergrund. Auch viele deutsche Abiturienten bekommen vom Elternhaus nicht die Unterstützung, die sie brauchen.

Obwohl Hatem Alnasri in Karlsruhe lebt, besucht er seine Familie in Kemnat oft. „Das ist meine Heimat.“ Dass der Freundeskreis Asyl Geflüchtete in die Stadtgesellschaft integriert, das lobt der junge Mann ausdrücklich. „Dass sich so viele Menschen engagieren, ist besonders.“ Ihm ist es wichtig, kulturelle Unterschiede kennenzulernen und respektvoll stehen zu lassen. Andererseits habe man so viele Gemeinsamkeiten. Er wünscht sich ein positives Miteinander aller Menschen.

Der Verein Sprungbrett Bildung

Struktur
Der Verein Sprungbrett Bildung hat 61 Mitglieder und betreut zurzeit 30 Mentees. „Unser Team setzt sich aus Studierenden und Auszubildenden mit vielfältigen Hintergründen zusammen“, fasst der Vorsitzende Hatem Alnasri zusammen. Da neben dem individuellen 1:1-Mentoring auch organisatorische Aufgaben anfallen, ist die Organisation in vier standortübergreifende Ressorts aufgeteilt: Eventplanung, Recruiting und Marketing, Fundraising und Wettbewerbe sowie Qualitätssicherung.

Ziele
Die Vereinsmitglieder wollen einen Beitrag zur Chancengleichkeit in der Bildung leisten. Junge Menschen aus bildungsfernen Familien, denen der Wechsel an die Universität oder in die Berufsausbildung schwerfällt, werden da unterstützt. „Es geht darum, eine Vertrauensbasis zu schaffen, damit sich die jungen Leute sicher fühlen“, sagt Hatem Alnasri. Weitere Informationen im Internet: www.sprungbrett-bildung.de

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