Dekan aus Filderstadt
: Dieser Pfarrer sammelt Kirchen im Netz

Gunther Seibolds Internet-Portal kirchbau.de versammelt mehr als 25.000 Gotteshäuser. Aktuell bietet er Führungen durch Filderstadt evangelische Kirchen an.
Von
Torsten Schöll
Stuttgart
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Auch bei Kirchenführungen erzählt Gunther Seibold versammltes Wissen von den Kirchen.

Torsten Schöll

Es ist eine Kirchenführung der anderen Art: Gerade das, was man erwartet – jede Menge Jahreszahlen und Informationen zu Baustilen – , soll nicht im Mittelpunkt stehen. Stattdessen bittet Gunther Seibold die rund 20 Interessierten, die mit ihm an einem Augustsamstag die Martinskirche in Sielmingen erkunden, zum Beispiel Zettel, auf denen lachende und ernste Gesichter aufgemalt sind, an lange Bretter zu heften. Sie sollen in den Kirchbänken aufgestellt werden, als ob es Besucher eines Gottesdienstes wären.

„Wo in der Kirche sitzen die gut Gelaunten und wo die Traurigen?“, fragt der Dekan des Kirchenbezirks Bernhausen. Ganz hinten, unter der Empore, wo es dunkel ist, haben die Teilnehmer der Veranstaltung einige traurige Gesichter platziert. Dort also, wo man nicht gesehen wird, wo die Dunkelheit ein wenig schützt vor den Blicken der anderen. „Vorne“, sagt eine Frau. „wird man von allen gesehen.“

Führungen durch die großen Kirchen aller fünf Stadtteile von Filderstadt

Vor der Theologie kam die Architektur

Dekan Gunther Seibold führt anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Stadt im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Volkshochschule durch die fünf großen Kirchen aller fünf Stadtteile von Filderstadt. Titel der Führungen: „Kirchen neu entdecken“. Und genau um solche Entdeckungen geht es bei den Führungen, die Seibold ganz bewusst „Erkundungen“ nennt. „Bei der Erkundung kann jeder selbst herausfinden, was ihn interessiert.“ Klar: der Fachmann für Kirchenbauten erzählt, wenn es gewünscht wird, auch etwas zu Architektur und Geschichte der jeweiligen Kirche. „Aber das steht nicht im Fokus.“

Und so fragen die Teilnehmer häufig ganz Praktisches: Was verbirgt sich hinter dieser Tür? Wann wird von der Kanzel gepredigt? Wo ist Platz für Kinder? In der Sielminger Martinskirche gibt es für die Kleinsten zum Beispiel einen eigenen Raum auf der Empore, in dem die Eltern den Gottesdienst über Bildschirm mitverfolgen können, während die Kinder unbefangen spielen.

Bevor er evangelischer Theologe wurde, hat Seibold Architektur studiert. Insofern muss es nicht wundern, dass der Dekan immer wieder die beiden Felder seiner Leidenschaft miteinander kombiniert. Ob in Führungen oder mit seiner Datenbank kirchenbau.de, die er seit 2001 betreibt und in der sich aktuell Informationen zu 25.613 Kirchen in ganz Deutschland und darüber hinaus finden.

Gotteshäuser aus der Hochphase des Kirchenbaus in Württemberg

„Anfangs war es das einzige Portal seiner Art“, erzählt der 59-Jährige. Die umfangreichste Sammlung für Kirchenbauten in Deutschland sei es noch immer. Knapp 40 000 Bilder von Kirchen finden sich hier, rund 1000 Grundrisse. Daneben viel Wissenswertes zur Baugeschichte. Zur Sielminger Martinskirche ist dort stichwortartig unter anderem zu lesen „Gotische Saalkirche, durch Emporen und Saalanbau erweitert und verändert. 1310 Weihestein der Vorgängerkirche. 1489 erbaut (Inschrift im Turmgewölbe und am Portal).“ Alle fünf großen Filderstädter Kirchen, sagt Seibold, stammten aus der Hochphase des Kirchenbaus in Württemberg um 1500. „Man hatte vermutlich an allen Orten bereits romanische Kapellen, die aber zu klein waren.“ Auf ihrem Grund wurden dann die großen gotischen Kirchen errichtet. Nur die Kirche in Harthausen war von Anfang an ein evangelisches Gotteshaus. Die anderen vier zur Bauzeit katholisch.

Gunther Seibold ist Dekan in Filderstadt.

Foto: Torsten Schöll

Führungen im August

Kostenlos
Die nächsten zwei kostenlosen Kirchenerkundungen mit Gunther Seibold finden an den kommenden beiden August-Samstagen statt. An diesem Samstag, 9. August, steht ab 10 Uhr die Jakobus-Kirche in Bernhausen auf dem Programm, am Samstag, 16. August, folgt dann die Georgskirche in Bonlanden.

Anmeldung
 Um Anmeldung über die VHS wird gebeten. Gunther Seibolds Kirchenportal jedoch hat jederzeit – 24 Stunden am Tag – geöffnet – man muss sich nur auf Online-Erkundung begeben.

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