Elektroswing in Esslingen: Parov Stelar bringt Fans zum Tanzen – Wohlfühlmusik mit Tiefgang

Parov Stelar und seine Band punkteten bei ihrem Auftritt auf der Esslinger Burg mit starken Cyber- und Lichteffekten.
Roberto BulgrinTausende Besucher gingen beim Auftritt von Parov Stelar und seiner Band in die Knie. So schön war der Elektroswing, den der Österreicher vor der historischen Kulisse der Esslinger Burg spielte. Ausgelassen tanzte das junge und ältere Publikum zu den sphärischen Klängen, die in klassische Melodien aus der Jazz-Ära münden. Mit einer grandiosen digitalen Bühnenshow riss der Musiker und Designer das Publikum nicht nur mit. Die musikalischen Grenzgänge raubten den antiquierten Jazz-Standards ihre Behäbigkeit.
Parov Stelar und seine Band, die 2024 auf dem Stuttgarter Schlossplatz für starke Vibes gesorgt hatten, kamen nicht alleine. Zu den letzten Regentropfen des Abends ließ erst mal der DJ El Siciliano die Stimmungskurve hochschnellen. Mit seinen Beats und Mixes sorgte Toni Galfo, ein deutscher Musikproduzent mit italienischen Wurzeln, für eine entspannte Stimmung auf der Wiese innerhalb der Burgmauern. Etwas nostalgisch mutete sein tanzbarer, am Stil der 1980er-Jahre orientierter Sound an. So ganz sprang der Funke zum Publikum da noch nicht über. Sein entspannter Mix mag am Strand von Mallorca funktionieren. Das Esslinger Publikum reagierte bei diesem Vorspiel noch ziemlich verhalten.
Stilisierte Jungfrauen und Cybermonster
Das änderte sich schlagartig, als Parov Stelar mit seiner Band die Bühne betrat. Der Produzent und Pionier des Elektroswing, mit bürgerlichem Namen Marcus Füreder, stand am Pult und mischte die Bild- und Soundeffekte. Stilisierte Jungfrauen, die Cybermonster küssen, pinkfarbene Kitschszenen aus den 1950er-Jahren und abstrakte Digitalkunst flimmerten über den Bildschirm. Solche Filmsequenzen wühlten auf. Manchmal spielte Parov Stelar bewusst mit dem unvollkommenen Charme der Flimmerkiste. Im nächsten Moment setzte der Designer und Künstler auf visuelle Perfektion. Klug jonglierte er auf dem Bildschirm mit Retro-Elementen. Diese Videokunst ist aus den Konzerten der Band nicht wegzudenken.

Parov Stelar dirigiert die Konzerte am Mischpult.
Foto: Roberto BulgrinDennoch ist die Musik das Herzstück von Parov Stelars bis ins kleinste Detail inszenierten Auftritten. Als Pionier des Elektro-Swing hat sich Marcus Füreder auch international einen Namen gemacht. Das ist eine Kombination, die erst mal verblüfft – und die doch bestens funktioniert. Die klassischen, manchmal angestaubt anmutenden Standards des Swing mischt er mit computergenerierter, harter Musik. Wie spannend dieser Seiltanz zwischen den Stilen sein kann, zeigten Titel wie „All Night“. Da begann die gefühlvolle, starke Stimme der Sängerin Elena Karafizi zu tanzen. Trompete, Saxophon und Posaune bringen die schlichte, schnell getaktete Melodie zum Swingen. Schon nach den ersten Takten tanzte das Publikum auf der Wiese in dem historischen Gemäuer ausgelassen mit. Dass Parov Stelar eine große Fan-Community hat, spürte man schnell. Manche kamen in Petticoats und in Blusen mit Gold-Pailletten zum Konzert. Zum Tanzen animierte die Musik aber auch alle anderen. Parov Stelar hat zehn Jahre lang auf Mallorca gelebt. Auf der Baleareninsel hat er seine Musik weiterentwickelt. Seit Jahren ist er nun mit seiner Band in Europa auf Tour. Im August spielt er beim Delta-Festival in Marseille an der südfranzösischen Küste.
Beim Auftritt auf der Burg waren die Temperaturen mit rund 20 Grad spätsommerlich. Die Wohlfühlmusik mit Tiefgang, für die Parov Stelar bei allen Generationen steht, ließ entspannte Sommernachtsgefühle aufkommen. Saxofonist Sebastian Grimus, der seit 2015 mit Parov Stelar auf Tour geht, begrüßte das Esslinger Publikum und stellte den Kopf der Band vor. Der österreichische DJ sei der, bei dem alles zusammenläuft, und der diese großartigen Konzerte erschafft. Aus seiner Bewunderung machte der Grimus da keinen Hehl. Mit ihren Soli und ihrem brillanten Spiel bewiesen die Musiker allesamt, dass sie die musikalischen Zeitreisen auch großartig umsetzen.

Die Lichtshow von Parov Stelar begeistert das Publikum.
Foto: Roberto BulgrinWie faszinierend sie Emotionen wecken kann, unterstrich Elena Karafizi, die seit 2019 die Stimme von Parov Stelar ist, im Titel „In Between“. Lustvoll überwindet die Sängerin in dem wunderschönen Liebeslied die harten Klänge der Elektromusik, taucht das Publikum in ein Wechselbad der Gefühle. Im Spiel mit diesen Widersprüchen entfaltet die Musik gefühlvolle, berührende Tiefe.
Dagegen ist „Ich singe keine Melodie – ich singe 1,2,3,4“ ein echter Klassiker der elektronischen Popmusik. Zum Ende des Konzerts verblüfften Parov Stelar das Publikum mit dem relativ eindimensionalen Song, der 2015 in Zusammenarbeit mit der Berliner Band Jeans Team entstand. Vor dem Nachthimmel tauchte eine Videoshow die Burg in ein Farbenmeer. Das peppte den monoton hämmernden Sound auf, und so blieb kaum noch jemand im Publikum ruhig. Mit einem Remix des Eurythmics-Hits „Sweet Dreams“ verabschiedete sich die Band, obwohl viele Zuschauerinnen und Zuschauer weitere Zugaben forderten und kaum glauben wollten, dass das Konzert nach drei Stunden schon zu Ende war.