Esslingens Vergangenheit: Die Geheimnisse der Gläser aus der Latrine werden gelüftet

Bei Ausgrabungen in der Adlerstraße haben Experten Gebäudereste und kostbare Gegenstände gefunden. Aus einzelnen Scherben konnte inzwischen ein Glas fast vollständig zusammengesetzt werden.
Roberto BulgrinDer dunkle Untergrund gibt seine Geheimnisse preis. In der Esslinger Adlerstraße residierten einst Menschen mit hohen Wohnstandards und viel Kleingeld: Um Stil und historische Stilikonen geht es beim nächsten Altstadtviertele an diesem Donnerstag, 23. Oktober.
Wer solche Gläser besaß, nagte nicht am Hungertuch. Bei Ausgrabungen in der Adlerstraße in der Esslinger Innenstadt kam Kostbares ans Licht, erklärt Jonathan Scheschkewitz vom Landesamt für Denkmalpflege als Referent des nächsten Altstadtvierteles. Eine Latrine habe sich als wahre archäologische Fundgrube erwiesen. In der in der Erde festgemauerten Einrichtung aus dem 13. oder 14. Jahrhundert wurden im Mai vergangenen Jahres unvermutete Schätze entdeckt – Spuren früherer Besiedlungen, Hinweise auf ehemalige Bewohner, Keramikscherben.

Referent beim Altstadtviertele: Jonathan Scheschkewitz vom Landesamt für Denkmalpflege.
Foto: Landesamt für Denkmalpflege, Yvonne MühleisWie bei einem Puzzle wurden die einzelnen Splitter zusammengesetzt. Das Ergebnis bringt sogar den Fachmann ins Schwärmen: Die Gläser stammten aus dem Mittelmeerraum und müssten einst die Lippen von Gutbetuchten berührt haben. Ihre Einzigartigkeit führt der promovierte Archäologe einmal auf die Qualität der Verarbeitung und der Bemalung zurück. Das Aussehen der dargestellten Motive behält Jonathan Scheschkewitz aus Gründen der Dramaturgie für sich. Fotos werden erst im Rahmen des Altstadtvierteles am Donnerstag gezeigt.
Gläser aus dem zehnten Jahrhundert gehörten wohl Gutbetuchten
Aussagekräftige Aufnahmen der nostalgischen Relikte gibt es inzwischen. Denn, und das ist der zweite Punkt, der die Gläser so besonders macht, die bei der Ausgrabung in der Adlerstraße gefundenen Scherben seien so zahlreich und so gut erhalten gewesen, dass ein Glas nahezu vollständig habe zusammengesetzt werden können, sagt Scheschkewitz: „An zwei, drei Stellen fehlen noch ganz kleine Teilchen. Doch das fällt kaum auf.“ Es gebe Pläne, die restaurierten Gläser zu einem späteren Zeitpunkt im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt zu präsentieren.
Bei den Arbeiten für das Bauprojekt in der Adlerstraße kamen aber noch andere kulinarische Grüße aus der Vergangenheit ans Tageslicht. Relikte des ehemaligen Gasthofs „Zum goldenen Löwen“ wurden laut Jonathan Scheschkewitz ausgebuddelt. Das Lokal sei 1606 erstmals urkundlich erwähnt worden, könne aber durchaus älter sein. Auch in und im Umfeld der Latrine habe noch mehr zum Vorschein gebracht werden können: Reste von Grubenhäusern, die ganz oder teilweise in den Boden vertieft waren, seien ebenfalls entdeckt worden.

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Stuttgarter ZeitungEsslinger Geheimnisse werden bei einem Gläschen Wein diskutiert
Die Latrine dechiffriert Geschichte und Geschichten. Beim Altstadtviertel sollen ein paar dieser historischen Esslinger Geheimnisse auch im Hinblick auf das Stadtjubiläum 2027 gelüftet werden. „Hochmittelalterliche Siedlungsspuren und edle Gläser aus der Esslinger Adlerstraße“ lautet der Titel des Vortrags von Jonathan Scheschkewitz. Die Moderation übernimmt Christel Köhle-Hezinger vom Esslinger Geschichts- und Altertumsverein, unter dessen Dach das Altstadtviertele veranstaltet wird.

Bei Ausgrabungen in der Adlerstraße wurde viel zu Tage gefördert.
Foto: Roberto BulgrinBei dem offenen Bürgertreff werden drei- bis vier Mal im Jahr brisante, aktuelle Esslinger Themen in kurzen Impulsreferaten angeschnitten und dann im Plenum diskutiert. Wechselnde Moderatorenteams führen durch den Abend. Der Eintritt ist frei, Brezeln, Wein und andere Getränke sorgen für eine lockere Atmosphäre.
Das nächste Altstadtviertele beginnt an diesem Donnerstag, 23. Oktober, um 19 Uhr im Bürgersaal des Alten Rathauses in Esslingen.