Esslinger Büchereidebatte: Stunde der Wahrheit für die Stadtbücherei naht – Spannung bis zuletzt

„Herzlich willkommen in der Stadtbibliothek“: Ob dieses Schild künftig im Modehaus Kögel stehen wird, soll sich nun entscheiden.
Roberto BulgrinKaum ein kommunalpolitisches Thema hat die Esslingerinnen und Esslinger in den vergangenen drei Jahrzehnten so intensiv und nachhaltig beschäftigt wie die Zukunft ihrer Stadtbücherei. Anders als beim Bürgerentscheid 2019 mit eindeutiger Mehrheit beschlossen, möchte die Verwaltung die Bibliothek nun ins frühere Modehaus Kögel verlegen. Am Montag soll die Entscheidung im Gemeinderat fallen.
Geschichte Seit den frühen 1990er-Jahren wird in Esslingen immer wieder über die Erweiterung der Stadtbücherei diskutiert. Konzepte und Standorte wurden diskutiert und wieder verworfen, ein Neubau in der Küferstraße wurde vom Gemeinderat beschlossen und in einem Bürgerentscheid 2019 gekippt. Stattdessen sprach sich die Bürgerschaft mit großer Mehrheit dafür aus, die Bibliothek im Bebenhäuser Pfleghof zu modernisieren und um das Nachbarhaus Heugasse 11 zu erweitern. Doch im Sommer 2022 legte die Stadt eine neue Kalkulation vor, korrigierte die Kostenschätzung für die große Lösung, die eine Aufstockung der nicht denkmalgeschützten Nanz-Halle vorsah, von ursprünglich knapp 25 auf 61,5 Millionen Euro, kippte mit Ratsmehrheit den Bürgerentscheid und beschloss eine „kleine, feine Sanierung“ ohne Erweiterung. Im September 2023 dann die nächste Kehrtwende: OB Klopfer regte an, das inzwischen frei gewordene Modehaus Kögel zur Bibliothek zu machen, über ein Kulturquartier für Stadtmuseum und Schreiber-Museum im Pfleghof nachzudenken und die Volkshochschule ins verwaiste Karstadt-Kaufhaus zu verlegen. Letzteres wurde nach dem Verkauf der Karstadt-Immobilie verworfen.
Esslinger Innenstadt soll belebt werden

Von einem Umzug der Bücherei ins Kögel-Haus erhofft sich die Verwaltung eine Belebung der Innenstadt.
Foto: Roberto BulgrinVorschlag Im Mai 2025 hat der OB seine Pläne für einen Umzug der Bücherei in die Gebäude Zehentgasse 1 und Rathausplatz 14 konkretisiert: Die Eigentümer-Gemeinschaft um den früheren Freie-Wähler-Stadtrat Alexander Kögel, die ihre Immobilie zunächst nur vermieten wollte, hat sich nun doch zum Verkauf bereit erklärt – im Gespräch ist „ein mittlerer einstelliger Millionenbetrag“. Hinzu kämen nach bisherigen Schätzungen 13,5 Millionen Euro für die Sanierung. Ein weiterer Teil des früheren Modehauses ist dagegen aus dem Rennen: „Die Flächen Fischbrunnen 4 und 4/1 werden entgegen der ursprünglichen Pläne nicht weiterverfolgt“, ließ die Verwaltung wissen. Durch einen Umzug ins Kögel-Gebäude hätte die Stadtbücherei nach Angaben der Verwaltung rund 700 Quadratmeter mehr Publikumsfläche als im Pfleghof ohne dessen Erweiterung in die Heugasse 11, die allein 490 Quadratmeter zusätzlich bringen könnte.
Bücherei könnte in Kögel-Gebäude laut Stadt „sehr gut funktionieren“
Möglichkeiten Im Kögel-Gebäude könnte die Bücherei einen größeren Kinder- und Familienbereich und einen eigenen Jugendbereich erhalten. Auch die Fahrbücherei kann angebunden werden, denn der Bücherbus könnte das Haus direkt anfahren. Das bisherige Bücherbus-Depot würde dann aufgegeben werden. Insgesamt ist man im Rathaus überzeugt, dass eine Stadtbücherei in diesen Räumen „sehr gut funktionieren könnte“. Außerdem könne eine Bücherei im Kögel-Gebäude zur Innenstadtbelebung beitragen.
Meinungen Bürgerausschuss und Jugendgemeinderat haben sich für den Umzug ausgesprochen und auf bessere Möglichkeiten für eine Bibliothek der Zukunft verwiesen. Beide legen aber Wert auf die Realisierung des Kulturquartiers, die vorerst nicht in trockenen Tüchern ist. Kritisch angemerkt hat der Jugendgemeinderat die „undurchsichtige Kostenlage“. Deutlich Vorteile sieht auch der Planungsbeirat im Standort Kögel. Dagegen beurteilt der Förderverein der Stadtbücherei die Umzugspläne nach intensiver Begutachtung der vorliegenden Daten und Fakten kritisch.
Muss Esslingen mehr Bücherei-Personal einstellen?
Kritik kommt nicht nur vom Förderverein, sondern auch von einigen Ratsfraktionen, die in einem Umzug keine entscheidenden Vorteile sehen. Vor allem beklagen Kritiker, dass es keinen fairen Vergleich zwischen den Kögel-Plänen und dem bereits weit gediehenen Konzept für eine modernisierte Bibliothek im Pfleghof gegeben hat und dass die Kalkulation für die große Lösung im Pfleghof deutlich zu hoch angesetzt sei. Ebenso wird kritisiert, dass bei allen Flächenvergleichen nie die Möglichkeit berücksichtigt wurde, die Heugasse 11 dem Pfleghof zuzuschlagen. Wert legen Kritiker der Kögel-Pläne auch darauf, dass eine erweiterte Bibliothek, die mit mehr Publikum rechnet, entsprechend mehr Personal brauche. Und schließlich wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass die bislang vorliegenden Untersuchungen zur Gebäudesubstanz noch große Kostenrisiken erwarten ließen.
Mehrheiten Kenner erwarten bei der finalen Abstimmung am Montag ein knappes Ergebnis. Die Stimme des Oberbürgermeisters könnte den Ausschlag geben. Er will den Bücherei-Umzug – genau wie Grüne und SPD, die den neuen Standort mit Blick auf die Anforderungen einer modernen Bibliothek und als Beitrag zur Innenstadtbelebung im Vorteil sehen. Die Freien Wähler haben „große Sympathie“ für die Kögel-Pläne, legen aber Wert auf eine verlässliche Finanzierung – auch für ein angedachtes Kulturquartier im Pfleghof, der nach dem Bücherei-Auszug 2028 frei werden würde. Die Verwaltung hat jedoch klar gemacht, dass es dafür keine Garantien geben kann. Die CDU will gegen den Umzug stimmen und hat zuletzt auf Probleme mit den klimatischen Bedingungen im Kögel-Haus mit seinen Glasfronten hingewiesen. Klar für eine Bücherei im Pfleghof haben sich auch die Fraktionen von FDP/Volt, AfD und Linke/FÜR sowie die Gruppe WIR/Sportplätze erhalten ausgesprochen.
Kritik an klimatischen Bedingungen im Kögel-Haus

Beim Bürgerentscheid 2019 hat sich die große Beliebtheit der Bücherei im Pfleghof gezeigt.
Foto: Roberto BulgrinBürgerentscheid Mit einem Grundsatzbeschluss am Montag wäre die Bücherei-Debatte vermutlich nicht beendet. Mit Blick auf den eindeutigen Bürgerentscheid 2019 haben Linke/FÜR sowie WIR/Sportplätze erhalten beantragt, dass die Stadt einen neuerlichen Bürgerentscheid anstreben soll. Ihr Argument: Ein so klarer Entscheid könne nur durch ein neuerliches Votum der Bürgerschaft korrigiert werden. Die Verwaltung lehnt das ab, eine Ratsmehrheit scheint nicht in Sicht. Deshalb haben die Antragsteller bereits angekündigt, dass sie einen Bürgerentscheid notfalls auch per Bürgerbegehren erreichen wollen – so wie 2018, als sich 12 485 Esslingerinnen und Esslinger in einem Bürgerbegehren dafür ausgesprochen hatten, der Bürgerschaft die Standort-Entscheidung zu überlassen.
Der Zeitplan der Stadtverwaltung
Entscheidung
Der Gemeinderat soll am Montag, 30. Juni, ab 16 Uhr in einer öffentlichen Sitzung über einen Umzug der Esslinger Stadtbücherei ins frühere Modehaus Kögel und den damit verbundenen Kauf der Immobilie entscheiden. Die Sitzung findet im Gemeindehaus am Blarerplatz statt.
Bibliothek
Sollte der Gemeinderat dem Büchereiumzug zustimmen, ist der Erwerb der Kögel-Immobilie im vierten Quartal 2025 geplant. Bis Februar 2026 sollen die Planungsleistungen vergeben werden, bis Juli 2026 soll eine Genehmigungsplanung vorliegen, bis Oktober 2026 die Genehmigung, wobei parallel an einer Ausführungsplanung gearbeitet werden soll. Ausschreibung, Vergabe und Beauftragung der Arbeiten sollen bis Februar 2027 vorliegen, dann sollen die Bauarbeiten beginnen. Die Fertigstellung einer Bibliothek im Kögel peilt die Verwaltung bis zum zweiten Quartal 2028 an.
Kulturquartier
Erst nach einem möglichen Auszug der Bücherei im Jahr 2028 könnten die Arbeiten für ein neues Kulturquartier im Bebenhäuser Pfleghof beginnen. Im ersten Quartal 2026 soll die Verwaltung „eine inhaltliche Grobkonzeption für ein zukünftiges Stadtmuseum unter Einbeziehung des Schreiber-Museums“ vorlegen. Stimmt der Gemeinderat zu, soll eine Machbarkeitsstudie für ein mögliches Kulturquartier erarbeitet werden. Ob und wann ein Kulturquartier Realität werden kann, ist noch unklar.