Esslinger Jazzfestival: Jazz-Stars Till Brönner und Dieter Ilg im virtuosen Dialog

Die stimmungsvoll illuminierte Stadtkirche bot eine ideale Kulisse für ein Konzert zweier Instrumental-Virtuosen.
Roberto BulgrinEr gilt als Deutschlands erfolgreichster Jazztrompeter, hat sich zudem als Komponist, Arrangeur, Musik-Professor, Radiomoderator, Grenzgänger und Fotograf einen Namen gemacht. Und wenn Till Brönner auftritt, begeistert er sein Publikum – ganz egal, womit er seine musikalische Vielseitigkeit und Finesse gerade beweist. Gewöhnlich steht Brönner in seinen Konzerten im Mittelpunkt. Doch genau so gern teilt er sich die Aufmerksamkeit mit Kollegen – vor allem dann, wenn er sich die Bälle mit einem nicht minder respektablen Musiker wie dem Bassisten Dieter Ilg zuspielt. Dem Esslinger Jazzfestival bescherten die beiden in der stimmungsvoll illuminierten Stadtkirche St. Dionys eine Sternstunde, die einmal mehr zeigte, zu welchen klanglichen Höhenflügen zwei Instrumentalvirtuosen in der Lage sind, wenn sie einander auf Augenhöhe begegnen.
Für Jazzfestival-Chef Maximilian Merkle war dieser Abend ein besonderer. Seit 2015 beschert er dem Jazzpublikum in der Region jedes Jahr im Herbst ein hochkarätiges Konzertprogramm, viele große Namen der Szene haben sich bereits in seine Gästeliste eingetragen. Doch der Abend mit Dieter Ilg und Till Brönner war auch für ihn ein ganz besonderer: „Zwei solche Musiker gemeinsam erleben zu dürfen, bedeutet auch für unser Festival ein Highlight. Ihre Musik spricht für sich selbst.“ Das sah offenbar auch das Publikum so, das in großer Zahl in die Stadtkirche gekommen war: Schon lange vorher war dieses Konzert ausverkauft – viele warteten vor dem Kirchenportal in der Hoffnung, am Ende doch noch ein Ticket zu ergattern.
Erlebnis für Publikum und Künstler

Maximilian Merkle präsentiert ein Festival voller Highlights.
Foto: Roberto BulgrinDoch nicht nur fürs Publikum – auch für die beiden Musiker war dieser Abend erklärtermaßen ein Erlebnis. „Es ist etwas ganz Besonderes, an einem solchen Ort spielen zu dürfen“, ließ Till Brönner seine Zuhörer wissen, und man war durchaus geneigt, seine Worte nicht nur als höfliches Kompliment zu nehmen. „Unsere Musik passt ideal in einen solchen Kirchenraum“, befand der Startrompeter, der nicht verhehlte, dass es sich die beiden nicht leicht gemacht hatten, das passende musikalische Material auszuwählen. Am Ende haben sich Ilg und Brönner großzügig im musikalischen Fundus bedient. Wie breit ihr Spektrum ist, zeigt ihr gemeinsames Album „Nightfall“, dessen Höhepunkte in der Stadtkirche ihren Widerhall fanden.
Aus nur scheinbar Gegensätzlichem formten Till Brönner und Dieter Ilg ein stimmiges Ganzes. Sie brachten Leonard Cohens „A thousand Kisses deep“ ebenso zum Klingen wie etwa den Beatles-Song „Eleanor Rigby“, den Broadway-Klassiker „Nobody else but me“, Johnny Greens „Body and Soul“ oder den Britney-Spears-Hit „Scream and Shout“, mit dem Till Brönner sogar bei seiner kleinen Tochter punkten kann. Doch Ilg und Brönner sind viel zu eigenständige musikalische Geister, als dass sie solche Nummern möglichst originalgetreu interpretieren würden. Die beiden nehmen sich die Freiheit, jeder Komposition ihren eigenen Stempel aufzudrücken – bisweilen muss man schon ganz genau hinhören, um die vertrauten Melodielinien zu erkennen.
Die Handschrift zweier Ausnahme-Musiker

Dieter Ilg entlockt seinem Kontrabass die unglaublichsten Töne.
Foto: Roberto BulgrinGenau das macht den Reiz ihrer gemeinsamen Auftritte in kleinstmöglicher Band-Besetzung aus: Jede Nummer trägt ihre unverwechselbare Handschrift, die von Konzert zu Konzert variieren kann. Denn genau so, wie Ilg und Brönner ihr Publikum mitreißen, so lassen sie sich auch gerne selbst von der Stimmung des Konzerts begeistern. Besonders gilt das natürlich für ihre eigenen Kompositionen, in denen sie ihre ganze musikalische Virtuosität zum Ausdruck bringen. Da kann es durchaus auch mal knallen und zischen wie in „Peng! Peng!“. Genauso kann man sich aber in einem Stück wie „Wetterstein“ auch wie in der freien Natur fühlen.
Es ist ein Erlebnis, diese Künstler im Zusammenspiel zu genießen. Till Brönner ist ein Meister auf der Trompete und versteht es, die Möglichkeiten seines Instruments perfekt und manchmal überraschend auszuspielen. Dieter Ilg zeigt derweil, welche klanglichen Möglichkeiten in einem Kontrabass stecken, der von manchen unterschätzt wird – selbst dem Korpus seines Instruments entlockt er Töne, über die man nur staunen kann. Und man spürt, dass da zwei Weltklasse-Musiker sind, wobei jeder für sich eine ganz eigenständige Künstlerpersönlichkeit ist und die sich gerade dadurch so wundervoll ergänzen.
Klanglicher Bogen zur Esslinger Stadtkirche

Keine Spur von Starallüren: Till Brönner.
Foto: Roberto BulgrinUnprätentiös und mit feinem Humor führte Till Brönner durchs Programm, zum Abschluss bewies Dieter Ilg Originalität nicht nur auf seinem Instrument, sondern auch in einer selbstironisch-kurzweiligen Plauderei. Und als die beiden am Ende das Kirchenlied „Ach bleib mit Deiner Gnade“ anstimmten, schlugen sie mit viel Gespür einen wundervollen Bogen zur Esslinger Stadtkirche, deren ohnehin bemerkenswerte musikalische Chronik nach diesem unvergesslichen Konzert um einen weiteren Eintrag mit vielen Ausrufezeichen reicher ist.
Finale zu Ehren des Schirmherrn
Schirmherr
Der international renommierte Bassist und Komponist Eberhard Weber steht als Schirmherr für den hohen musikalischen Anspruch des Jazzfestivals. Weber ist in Esslingen zur Schule gegangen und hat hier die Liebe zu seinem Instrument entdeckt. Später stand er mit Jazz-Größen wie Jan Garbarek, Pat Metheny, Gary Burton und Kate Bush auf der Bühne. Viele bescheinigen Eberhard Weber heute, er habe das Bassspiel revolutioniert und den Jazz in Europa entscheidend mit geprägt.
Abschlusskonzert
Der letzte Abend des Esslinger Jazzfestivals ist Eberhard Weber gewidmet. Zu seinen Ehren bildet der estnische Pianist Kristjan Randalu zusammen mit seinen Musiker-Kollegen Trygve Seim (Saxofon), Petros Klampanis (Bass) und Bodek Janke (Schlagzeug) am Samstag, 1. November, ab 19 Uhr im Kulturzentrum Dieselstraße ein Quartett. „Wie sie sich der Musik Eberhard Webers nähern, wird die große Überraschung des Abends werden“, sagt Festival-Macher Maximilian Merkle. Und er verrät: „Angekündigt haben sie bereits ein Arrangement von Lyle Mays‘ Komposition ‚Eberhard’.“ Außerdem ist im Abschlusskonzert des Festivals der Weltklasse-Bassist Larry Grenadier, der seit vielen Jahren zu den gefragtesten und meistgefeierten Bassisten des zeitgenössischen Jazz gehört, in einem Soloauftritt zu hören.