Klimawandel im Kreis Esslingen: Nach der Hitze ist vor der Hitze

Karsten Stolle zeigt die aktuelle Temperatur im vorderen Teil, wo die Konditorei zur Südseite liegt.
Marion BruckerEs ist kurz vor 8 Uhr früh. Ousman Ceesay wiegt Brotteig ab. In der Backstube der Bäckerei Stolle in Aichwald herrschen rund 24 Grad. Wohlfühltemperatur für den 29-Jährigen aus Gambia. Als vor rund drei Wochen die Hitzewelle über Deutschland schwappte, machte der Afrikaner zufällig Urlaub zuhause im afrikanischen Winter. Dort gab es angenehme 20 bis 25 Grad. Ceesay lacht. Bis 35 Grad könnte es schon mal im Sommer in seiner Heimat werden. „Er ist der einzige, der immer lange Hosen in der Backstube trägt“, sagt sein Chef Manuel Stolle.
Seit ein Uhr sind sie am Werk. Bäcker Patrick Seifert steht neben dem 210 Grad heißen Ofen, in dem gerade Laugenbrezeln und Laugenbrötchen backen. „Es war anstrengend mit der Hitze draußen, aber da muss man durch“, sagt er. Und Wasser trinken, trinken, trinken. Er trägt wie Bäckermeister Stolle und dessen Geschwister Karsten und Tanja, die gemeinsam das Geschäft führen, kurze Hosen. „Wir versuchen so gut es geht in Zeiten, in denen es abkühlt, alles zu lüften“, sagt Tanja Stolle. Da sie mitten im Ort sind, gelinge dies jedoch nur bedingt. „Die Anwohner sind nicht sehr begeistert, wenn es nachts laut ist“, sagt sie. Um Abhilfe zu schaffen, haben sie in der Backstube mobile Ventilatoren und im Verkaufsraum eine Klimaanlage.
Ab 30 Grad kostenloses Mineralwasser für alle Mitarbeitenden

Die Atemschutzwerkstatt gehört zu einem der heißeren Arbeitsplätze in der Feuerwache Esslingen.
Foto: marÄhnlich sieht es bei der Feuerwache in Esslingen aus: Teilbereiche wie Wachraum, Stabsräume und Leitstelle sind klimatisiert, aber nicht die Arbeitsplätze in den Werkstätten. Jörg Wagner, Leiter der Werkstätten, steht vor einer Waschmaschine und öffnet sie. Bis zu 50 Grad Wärme strahlt sie ab. „Da hilft nur, von Zeit zu Zeit die Tür aufzumachen und durchzulüften“, meint er.
Bis zu 40 Grad hatten sie in den nicht klimatisierten Werkstätten diesen Sommer schon, wenn wärmeerzeugende Maschinen betrieben werden. „Wir passen gegebenenfalls die Arbeitszeit an, für Arbeitsplätze mit hoher körperlicher Belastung auf 7.30 Uhr bis 12 Uhr morgens und spät nachmittags“, sagt Oliver Knörzer, Amtsleiter der Feuerwehr. Außerdem gibt es ab 30 Grad kostenloses Mineralwasser für alle Mitarbeitenden. Bei Einsätzen werde unter anderem die individuelle Einsatzzeit der Feuerwehrangehörigen reduziert.
Thomas Heubach vom Gärtnerei-Blumenhaus Heubach GbR in Esslingen behilft sich auf ähnliche Weise: „Ich versuche, die anstrengenden Arbeiten in die kühlen Morgenstunden zu verlegen – Arbeitsbeginn mit Sonnenaufgang“, sagt er. Ebenso das Gießen, um die Pflanzen effektiv mit Wasser zu versorgen. „Bei sehr heißen Temperaturen müssen wir abends nochmals im Gewächshaus ran, um die Pflanzen mit Wasser zu versorgen“, sagt er. Im Gewächshaus könnten 40 Grad schnell mal erreicht werden. Um sich abzukühlen, trinkt er viel. Außerdem schützt er sich vor Hitze mit einem Strohhut: „Der ist klasse, und ich trage kurze Hosen“, sagt er. In der Regel vertrage er die Hitze gut, aber bei über 32 Grad werde es ohne Luftbewegung schon sehr heiß, und die Arbeit gehe langsamer. Die optimale Sommertemperatur für ihn und seine Arbeit wären 26 Grad – und ab und an ein schöner Landregen.
Arbeiten auf den Feldern in den frühen Morgenstunden
Auch Barbara Groner vom Lobenroter Hof in Aichwald hat während der Hitzewelle die Arbeiten auf den Feldern auf die frühen Morgenstunden verlegt. Die Saisonleute hätten mit Pflücken spätesten um 10.30 Uhr aufgehört und dann wieder ab 17 Uhr bis 21.30 Uhr gearbeitet. Die Hitze sei mit größerem Organisieren verbunden gewesen. Sie habe darauf geachtet, dass ihre Saisonkräfte einen Sonnenhut trugen, und geschaut, dass alle immer genügend getrunken hätten. Außerdem hätten sie Obststräucher mit Hagelnetzen abgedeckt, um die Früchte vor zu viel Sonne zu schützen. Und sie hätten die Beeren mehr bewässern müssen.
Doch die Hitze habe auch etwas Gutes gehabt: Es gab keine Essigfliegen, weil diese ihre Eier nur unter 25 Grad legen könnten, sagt sie. So sei die Qualität der Früchte sehr gut gewesen wie die der Johannisbeere, von denen sie gerade die letzten erntet. Als nächstes kommt der Weizen dran. Groner steht in einem Feld vor ihrem Haus. „Jetzt brauchen wir noch eine Woche schönes Wetter und zur Ernte trockenes“, sagt sie und wiegt drei Ähren in ihren Händen.
Halbzeitbilanz
Regional sehr trocken
Am 16. Juli war genau die Hälfte des meteorologischen Sommers 2025. Er war bisher insgesamt durchaus sehr warm, sonnig und regional sehr trocken, zuletzt allerdings mit gewissen „Normalisierungstendenzen“. Noch hat der Sommer aber fast 50 Tage Zeit, um sich in alle möglichen Richtungen zu entwickeln. Nach Auswertungen der Ergebnisse der rund 2000 Messstationen des Deutschen Wetterdienstes lagen die besonders warmen Orte im Juni 2025 in Baden-Württemberg, und zwar wie folgt: 1. Platz Waghäusel-Kirrlach, 2. Platz Ohlsbach, 3. Platz Lahr. Auch bei den besonders sonnenreichen Orten punkten im Juni zwei Orte aus Baden-Württemberg. Platz 1 belegte Waghäusel-Kirrlach mit 319 Stunden und Platz 3 Buchen im Odenwald mit 317 Stunden.
Rekordwerte
Die Hitzewelle vom Juni wurde im Landkreis Esslingen nach Aufzeichnungen der privaten Wetter- und Klimastation Oberesslingen zwischen 1. Januar 2014 bis 22. Juli 2025 im Jahre 2023 noch getoppt. Ihr zufolge kletterte die Temperatur am 15. Juli 2023 auf 38,3 Grad. Die niedrigste dagegen gab es am 12. Februar 2021 mit minus 13,1 C. Den maximalen Niederschlag an einem Tag verzeichnete die Station am 7. August 2019 mit 47,2 Liter pro Quadratmeter, den maximalen Regen innerhalb einer Stunde mit 19 Liter pro Quadratmeter am 26. Juni 2020.