Krankheit auf dem Vormarsch: Diagnose Hautkrebs: Alarmierende Entwicklung im Kreis Esslingen

Ist der Fleck auf der Haut auffällig? Experten raten zu regelmäßigen Früherkennungsuntersuchungen.
dpa/Peter KneffelSonnenlicht, sagt Theodora Wahler, sei durchaus wichtig für unseren Körper. Denn es regt die Vitamin-D-Produktion an. „Zu viel Sonne kann jedoch Hautschäden und ein erhöhtes Risiko für Hautkrebs verursachen“, weiß die Chefärztin der Medius-Klinik Nürtingen aus ihrem Berufsalltag nur zu gut: Die Diagnose wird immer öfter gestellt. Dabei wäre Hautkrebs in vielen Fällen vermeidbar.
Eine schuppige Stelle? Ein rötliches Knötchen? Eine wunde Stelle, die nicht abheilt? Klingt harmlos, kann aber gefährlich sein. „Häufig bemerken Menschen Hautveränderungen erst spät oder ignorieren sie, weil Hautkrebs selten Schmerzen verursacht“, berichtet Wahler. „Die Folgen sehen wir leider zu oft. In unserer Klinik werden oft Fälle behandelt, die fortgeschrittener sind und im niedergelassenen Bereich nicht mehr behandelt werden können.“
Die Klinik für Hand-, Plastische und Ästhetische Chirurgie am Krankenhaus des Landkreises Esslingen hat laut der Professorin im vergangenen Jahr rund 390 Patienten mit Hautkrebs, die eine plastisch-chirurgische Behandlung benötigten, ambulant oder stationär betreut. Tendenz steigend. Es sind in der Regel herausfordernde Fälle: „Bei fortgeschrittenem Hautkrebs ist die Behandlung komplexer und bedarf oft größerer Operationen.“

Nicht nur bei praller Sonne sollte man sich gut eincremen. Mittel mit einem hohen Lichtschutzfaktor bieten Schutz gegen schädliche UV-Strahlen.
Foto: dpa/Christoph SoederDer schwarze Hautkrebs sei deutlich gefährlicher als der weiße oder helle Hautkrebs, erläutert die Medizinerin. „Das Melanom kann schnell metastasieren und sich auf andere Organe ausbreiten.“ Die Sterblichkeitsratesei höher, besonders wenn der Krebs spät erkannt werde. Weißer Hautkrebs, die häufigere Form, sei in der Regel weniger aggressiv, „kann aber unbehandelt ebenfalls zu schwerwiegenden Schäden führen“, warnt Wahler. Zum Beispiel Gewebe, Knorpel oder Knochen angreifen.
Die gute Nachricht: „Frühzeitig erkannt, besteht bei weißem Hautkrebs eine sehr gute Heilungschance.“ Deshalb: „Augen auf bei Hautveränderungen“, appelliert die Expertin. Und vorbeugen sei besser als behandeln. Wahler sagt in aller Deutlichkeit: „Es ist besser, auf Sonnenbräune zu verzichten.“ Denn Sonnenbrand sei keine Lappalie, sondern eine akute Entzündung der Hautzellen. „Jede Wiederholung erhöht das Risiko für weißen und schwarzen Hautkrebs.“
Immer mehr Menschen mit bösartigen Tumoren werden In Krankenhäusern behandelt
Vor allem an sonnigen Sommertagen, wenn die UV-Strahlung sehr hoch ist, sollte man sich schützen: reichlich Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor verwenden, Kopfschutz und lange Kleidung tragen, im Schatten bleiben. Aber auch bewölkte Tage bergen ein gewisses Risiko. Denn die Haut reagiere auf UV-Strahlen mit vermehrter Produktion des Farbstoffes Melanin, „was den natürlichen Versuch darstellt, sie vor weiterem Schaden zu schützen“, erläutert die Ärztin. Eine Überproduktion von Melanin kann jedoch zu Leberflecken führen, die wiederum entarten können.

Theodora Wahler ist Chefärztin der Klinik für Hand-, Plastische und Ästhetische Chirurgie an der Medius Klinik Nürtingen.
Foto: Medius Klinikk/EbingerWas die Chefärztin der Nürtinger Medius Klinik beobachtet, ist keine Ausnahme: In den deutschen Krankenhäusern werden immer mehr Menschen mit Hautkrebs behandelt. Das zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Gab es 2003 noch 62 000 stationäre Aufnahmen von Patienten mit bösartigen Hauttumoren, stieg die Zahl im Jahr 2023 auf 116 900 an – ein Plus von 87,5 Prozent. Insbesondere der weiße Hautkrebs hat zugenommen. Und auch die Anzahl der Todesfälle ist auffällig: 2023 starben 60,8 Prozent mehr Menschen an Hautkrebs als 2003.
Ein wesentlicher Teil des Anstiegs ist Experten zufolge auf demografische Veränderungen in der Gesellschaft zurückzuführen. „Hautkrebs tritt vorwiegend bei älteren Menschen auf“, erläutert Hautarzt Jochen Utikal vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Die Krebsfälle, die man heute sehe, gingen häufig auf Hautschäden in den 70er- und 80er-Jahren zurück. Damals habe man noch weniger auf Sonnenschutz geachtet, so Utikal. Eine Rolle für die Zunahme würden aber auch die seit 2008 angebotenen Früherkennungsuntersuchungen spielen. So hätten gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren einen Anspruch auf regelmäßige Hautchecks.
Hautkrebs kann in jedem Alter entstehen – die Gefahr lauert in der Kindheit
Pro Jahr erhalten in Deutschland rund 372 000 Menschen die Diagnose an Hautkrebs. Vor diesem Hintergrund warnt die Nürtinger Medizinerin eindringlich vor zu sorglosem Umgang mit der UV-Strahlung. Hautkrebs sei nicht ausschließlich eine Alterskrankheit, sagt Wahler. „Hautkrebs kann in jedem Alter entstehen.“ Die Gefahr lauere in der Kindheit: Sonnenbrände in jungen Jahren könnten das Risiko im späteren Leben stark erhöhen. „Gerade für kleine Kinder ist der Schutz vor der Sonne besonders wichtig“, betont die Ärztin. „Denn Kinderhaut ist empfindlicher als die von Erwachsenen.“
Häufung im Kreis Esslingen
Statistik
Auskunft über die Anzahl der Hautkrebsdiagnosen gibt der „Gesundheitsatlas Deutschland“ der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK). Die Daten werden durch ein Hochrechnungsverfahren ermittelt. Als erkrankt gilt, wem in den letzten zehn Jahren die Diagnose weißer oder schwarzer Hautkrebs attestiert wurde. Gezählt werden Personen ab dem 30. Lebensjahr.
Weißer Hautkrebs
Demnach gab es 2023 im Kreis Esslingen 15 300 an hellem Hautkrebs erkrankte Menschen. Mit einer Quote von 4,08 Prozent an der Bevölkerung liegt der Kreis im landesweiten Vergleich hinter dem Kreis Heilbronn (4,3 Prozent) an zweiter Stelle und weit über dem baden-württembergischen Durchschnittswert von 3,24 Prozent.
Schwarzer Hautkrebs
Der deutlich aggressivere schwarze Hautkrebs tritt insgesamt viel seltener auf. 2023 waren im Kreis Esslingen 3200 Menschen daran erkrankt. Das entspricht einem Anteil von 0,69 Prozent der Bevölkerung und ist der höchste Wert im Kreisvergleich. Landesweit waren 0,5 Prozent der Bevölkerung an dieser Krebsart erkrankt.