Kreis Esslingen: „Wer das nicht beherrscht, wäre eine Gefahr“: Feuerwehrleute kommen ans Limit
Das Feuer prasselt bedrohlich laut. Es ist stockdunkel, die Sicht im dichten Rauch beträgt keine zwei Meter. In voller Schutzausrüstung zwängen sich zwei Feuerwehrmänner durch eine enge Röhre, klettern durch eine schmale Luke, steigen über Barrieren – und gehen bis an ihre Belastungsgrenze.
Nur, wenn sie den wohl härtesten Trainingsparcours im gesamten Kreis Esslingen bewältigen, dürfen sie in vorderster Reihe Brände bekämpfen. „Wer das hier nicht beherrscht, wäre im Ernstfall eine Gefahr für sich und seinen Partner“, erklärt Kirchheims Stadtbrandmeister Michael Briki die strenge Regelung für die sogenannten Atemschutzgeräteträger der Feuerwehr.
Ein Trupp besteht immer aus zwei Leuten, Teamarbeit ist unerlässlich. Im Einsatz muss sich jeder auf den anderen zu 100 Prozent verlassen können. „Und jeder Handgriff muss sitzen. Auch, wenn man mitten in der Nacht aus dem Bett geholt wird und sofort voll konzentriert bei der Sache sein muss“, verdeutlicht Briki die Herausforderung. Ob die Rettungskräfte den physischen und psychischen Anforderungen gewachsen sind, wird regelmäßig überprüft. Die jährliche Atemschutz-Belastungsübung ist Pflicht.
„Das Wichtigste ist, dass am Ende noch etwas Luft in der Flasche ist.“
Michael Schlegel, AusbilderSeit gut einem Jahr steht dafür in Kirchheim auch wieder eine spezielle Anlage zur Verfügung – im Keller der Feuerwache in der Henriettenstraße. Laut Briki ist es die einzige öffentliche Atemschutzübungsstrecke im Kreis Esslingen und kann von allen 44 Gemeindefeuerwehren für die Aus- und Weiterbildung genutzt werden. Übungsbetrieb herrscht hier in der Regel an drei Abenden in der Woche und an einem Wochenende im Monat.
Das war auch schon so beim Vorgängermodell aus den 80er Jahren. „Die Strecke war zum Teil selbstgebaut“, erinnert sich Ausbildungsleiter Klaus Holder schmunzelnd. 357 Lehrgänge mit zigtausend Teilnehmern hatte die Freiwillige Feuerwehr Kirchheim dort ehrenamtlich durchgeführt – bis die Anlage aufgrund altersbedingter Mängel ausgemustert wurde. Die neue Übungsstrecke samt Atemschutzwerkstatt hat die Stadt Kirchheim rund 620 000 Euro gekostet, gut ein Drittel davon haben das Land und der Kreis mit Zuschüssen übernommen.

Die Übungsstrecke ist videoüberwacht. Ausbilder Michael Schlegel verfolgt das Geschehen über einen Monitor.
Foto: Roberto BulgrinTraining auf der Übungsstrecke in Kirchheim
Herzstück der Anlage ist eine Art Käfig. Boden, Wände und Decken sind aus Stahlgitterboxen zu einer zweigeschossigen Bahn mit diversen Türen, Klappen und Röhren zusammengefügt. Jeder Abschnitt des Labyrinthes ist gerade mal so hoch, dass man nur gebückt gehen oder sich auf Knien fortbewegen kann. „Platzangst darf man hier drin nicht haben“, sagt Holder, der mit gutem Beispiel vorangeht und selbst jedes Jahr die Übung absolviert.
Die Kulisse für das Training soll so realitätsnah wie möglich sein. Völlige Dunkelheit oder grelles Licht simulieren das Innere eines brennenden Gebäudes. Mit Heizstrahlern wird Hitze erzeugt, mit Kunstnebel dichter Rauch. Über Tonband lassen sich verschiedene Geräusche einspielen – von menschlichen Hilferufen über Babygeschrei und Funksprüchen bis hin zu angstvoll brüllenden Kühen.

Die Atemschutzmaske muss richtig sitzen.
Foto: Roberto BulgrinZur echten Tortur wird der 53 Meter lange Parcours aber erst durch den Zweck der Übung: den Einsatz mit Atemschutzgerät. Allein der sogenannte Pressluftatmer wiegt um die 15 Kilo. Nur mit der Druckluftflasche auf dem Rücken ist es den Rettungskräften möglich, in verrauchte Räume vorzudringen, sie versorgt sie mit der lebensnotwendigen Atemluft. Ausbildungsleiter Holder demonstriert, wie man die Maske richtig übers Gesicht zieht: Sie muss luftdicht anliegen. „Das ist der Grund, warum Feuerwehrleute keinen Bart tragen.“
Körperliche Belastung ist selbst für fitte Feuerwehrleute extrem hoch
In vollständiger Montur schleppt ein Feuerwehrmann oder eine Feuerwehrfrau gut 30 Kilo Zusatzgewicht mit sich herum. Und damit müssen auch noch bestimmte Gerätetests absolviert werden: Das Ziehen am Schlaghammer simuliert körperliche Tätigkeiten wie das Aufbrechen von Türen, auf dem Laufband mit zehnprozentiger Steigung sind 220 Meter mit sieben Kilometern pro Stunde zurückzulegen und an der Endlosleiter müssen 30 Meter überwunden werden – das entspricht der Länge einer Drehleiter. Eine schweißtreibende Angelegenheit, die den Puls in die Höhe treibt und selbst die fittesten Feuerwehrleute an ihr Limit bringt.
„Die Belastungsübung ist zu unserer eigenen Sicherheit“, betont Ausbilder Michael Schlegel, der zusammen mit Klaus Holder für die Übungen und Lehrgänge zuständig ist. Vom Kontrollpunkt aus verfolgt er das Geschehen auf der Trainingsstrecke über einen Monitor. Die Bilder liefern Wärmebildkameras, die an verschiedenen Ecken installiert wurden. Sollte es zu akuten Problemen kommen, kann innerhalb weniger Sekunden das Licht angeschaltet, der Rauch abgezogen und die Übung abgebrochen werden. „Das kommt durchaus vor“, räumt Schlegel ein.
Er weiß aus eigener Erfahrung: Die Simulation ist Stress pur. Um den Test zu bestehen, ist jedoch nicht die Zeit entscheidend – in der Regel dauert ein Durchgang auf der Übungsstrecke etwa 20 Minuten. „Das Wichtigste ist, dass am Ende noch etwas Luft in der Flasche ist.“
Feuerwehren im Kreis
Anzahl
Im Landkreis Esslingen gibt es 44 Freiwillige Feuerwehren mit fast 4000 Mitgliedern in den Einsatzabteilungen, hinzu kommen mehr als 2500 Mitglieder in den Jugend- und Altersabteilungen. Zudem leisten fünf Werksfeuerwehren mit mehr als 270 Angehörigen diesen Dienst.
Einsätze
Im Jahr 2024 gingen bei den öffentlichen Feuerwehren im Kreis ingesamt 5254 Alarme ein, in rund 1000 Fällen handelte es sich um Fehlalarmierungen. Die Feuerwehrleute wurden unter anderem zu rund 800 Bränden und zu mehr als 2600 technischen Hilfeleistungen gerufen. Die Statistik des Jahres 2025 liegt noch nicht vor.









