Stadtteil- und Kreisserie
: Deizisauer Zehntscheuer ist die gute Stube des Dorfs

Die Deizisauer Zehntscheuer ist seit über 30 Jahren ein sozialer Hotsport in der Gemeinde. Das generationenübergreifende Konzept war wegweisend.
Von
Kerstin Dannath
Esslingen
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Stuttgarter Zeitung

Mehr als ein halbes Jahrtausend hat die Deizisauer Zehntscheuer auf dem Buckel – was einst als Lagerstätte für den so genannten „Großen Zehnt“ diente, also die traditionelle Steuer der Bauern auf die Erträge, die sie auf ihnen von Adel oder Kirche überlassenem Ackerland erwirtschafteten, ist heute ein lebendiger Treffpunkt für Jung und Alt.

Das denkmalgeschützte Fachwerkgebäude (Baujahr 1520) befindet sich mitten im Herzen des Dorfs mit seinen 6900 Einwohnern, umrahmt von der Alten Kelter, einer Wohneinrichtung für Senioren, der Geschäftsstelle des TSV Deizisau und des örtlichen Motorradklubs. Für Menschen, die Kultur genießen wollen, etwas Neues erleben oder erlernen wollen und neugierig auf andere Leute und Themen sind, ist die Zehntscheuer, die eine gemeinsame Einrichtung des Kreisjugendrings Esslingen und der Gemeinde Deizisau ist, seit der Eröffnung im Mai 1994 ein zentraler Hotspot in der Gemeinde geworden.

Anfang der 90er Jahre revolutionär

Anfang der 1990er Jahre war das Konzept fast ein bisschen revolutionär: „Wir wurden damals zunächst kritisch beäugt“, erinnert sich die Hausleiterin Heike Banzhaf-Frasch. Die Sozialpädagogin war von Anfang an dabei. Unterstützt wird sie heute von den beiden pädagogischen Mitarbeitern Daniel Wycislo und Charlotte Jahn-Westhoff.

Die Zehntscheuer ist seit mehr als 30 Jahren der zentrale Treffpunkt im Dorf.

Foto: Kerstin Dannath

Das hauptamtliche Trio teilt sich zwei volle Stellen, dazu kommen zwei junge Menschen, die den Bundesfreiwilligendienst sowie ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Heute sind Mehrgenerationen-Häuser als Treffpunkte für Menschen in jedem Alter nicht mehr ungewöhnlich – Anfang der 1990er Jahre schon. So hat das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend erst im Jahr 2006 das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser ins Leben gerufen, bis 2020 wurden bundesweit rund 540 Mehrgenerationenhäuser gefördert. „Wir waren vor den 2000er Jahren praktisch ein bisschen hip“, sagt Banzhaf-Frasch und lacht. Das Konzept der Zehntscheuer wurde zusammen mit dem damaligen Ortsjugendring und dem Arbeitskreis Bürgertreff entwickelt. Mit im Fokus stand, dass neben Kindern und Jugendlichen alle Generationen bis hin zu den Seniorinnen und Senioren angesprochen werden sollten.

Schulkindbetreuung enorm gewachsen

Durchlässigkeit wurde von Anfang an groß geschrieben – bis heute. Auch wenn sich die Bedarfe im Laufe der Zeit verschoben haben. Während es beispielsweise anfangs in den Schulferien lediglich tageweise Angebote gab, ist die Kinderspielstadt „Klein NeFingen“, die immer in den letzten beiden Wochen der Sommerferien in Kooperation mit der Stadt Wernau stattfindet, nicht mehr aus dem Programm wegzudenken. „Die Schulkind- und Ferienbetreuung ist enorm gewachsen“, bestätigt die Zehntscheuerleiterin. Man arbeite inzwischen auch eng mit der örtlichen Gemeinschaftsschule zusammen. Die Schüler können sich in der Zehntscheuer etwa in ihrer Mittagspause zwanglos treffen, einmal in der Woche gibt es obendrein ein gut frequentiertes Mittagessens-Angebot.

Dabei ist das hauptamtliche Zehntscheuerteam immer vor Ort: „Es ist uns wichtig ein niederschwelliges, pädagogisches Angebot zu machen. Wir sind immer ansprechbar für die Jugendlichen“, erklärt Banzhaf-Frasch. Aus dem Pool an jungen Leuten, die so regelmäßig in die Zehntscheuer kommen, rekrutieren sich bisweilen auch neue ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wie etwa der 14-jährige Lukas Klöss. Der Plochinger hat kürzlich eine Lego-Ausstellung mit initiiert und baut aktuell an einem Modell der Zehntscheuer. Gesponsert wird das Projekt von einer erwachsenen Ehrenamtlichen, die die Aktion einfach gut findet.

Die Renovierung der 500 Jahre alten Zehntscheuer war ein Kraftakt.

Foto: Kerstin Dannath

„Es ist einfach gut, hier zu sein“

„Ich bin fast die ganze Woche da“, erzählt Lukas. In der Zehntscheuer trifft er seine Freunde und auch das Programm sei ansprechend: „Aber auch die Freiräume, die sich bieten, sind super – wie etwa einfach die Zehntscheuer aus Lego zu bauen.“ Und seine Begeisterung steckt an, auch seinen kleinen Bruder hat Lukas bereits mit in die Zehntscheuer geschleppt: „Es ist einfach gut, hier zu sein.“

Im Deizisauer Rathaus ist man sich der Sonderstellung der Einrichtung, die im Zuge der Ortskernsanierung Anfang der 1990er entstand, bewusst und schätzt sie. „Die Zehntscheuer ist als Mehrgenerationentreff ein wichtiger und wertvoller Baustein des kulturellen und sozialen Zusammenlebens in unserer Gemeinde – und das schon seit über 30 Jahren“, lobt Bürgermeister Thomas Matrohs.

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