Kunst am Neubau des Esslinger Landratsamts: Starkünstler Tobias Rehberger sichert die Lufthoheit der Verwaltungssprache

Und das Wort ist Kunst geworden: Die Visualisierung zeigt Tobias Rehbergers Buchstaben-Installation im Foyer des neuen Landratsamts.
Tobias RehbergerNa, wenn da nicht eine gehörige Portion Ironie mitschwingt: Tobias Rehberger, Kunst-Weltstar, gebürtiger Esslinger und beauftragt mit Kunst am Neubau des Esslinger Landratsamts in den Pulverwiesen, will mit dreidimensionalen LED-Buchstaben einen Satz wunderbarer Bürokratenpoesie im Luftraum des künftigen Foyers schweben lassen: „Dort der Aktenfluss, hier das Ufer“. Mag ja sein, dass manche der schnellen Bürobrüter in Gedanken am rettenden Ufer des nahen Neckars sind, wenn der Strudel digital verflüssigter Daten- und Aktenzeichen schwindelerregend wirbelt.
Aber bevor die Assoziationen allzu weit schweifen, sichert das lapidare Leuchtwort „Erledigt“ über dem Empfangstresen die Lufthoheit der Verwaltungssprache. Für vorstellig werdende Bürgerinnen und Bürger signalisiert es ein Versprechen und die Hoffnung, dass es gehalten werde: endlich erledigt.
Wohlfühlbunte Buchstabengrafiken
An den Wänden plant Rehberger wohlfühlbunte, elegant abstrahierte Buchstabengrafiken. Nicht auf den allerersten, aber auf den genaueren zweiten Blick sind die Majuskeln, die das Kunstalphabet spielen lässt, entzifferbar: als von Amts wegen gängige Abkürzungen.
Doch bei aller Behördensprachartistik: Das Ganze muss im vorgegebenen Raum funktionieren. Also „vom Foyer aus betrachtet ebenso wie von der Galerie herab, die es umgibt“, sagt Tobias Wall, Berater des Landkreises in Sachen Kunst, der Rehberger in der Konzeptions- und Entwurfsphase begleitete.
1,5 Millionen Euro machte der Kreistag für die Kunstausstattung des Neubaus locker – weniger als das eine Prozent der Baukosten, das eine Richtlinie des Landes seit 1955 als Minimalobolus bei öffentlichen Bauvorhaben vorsieht. Damit sollte Kunstförderung festgeschrieben werden – die ein Rehberger nicht mehr nötig hat. Aber für ein „Leuchtturmprojekt“, sagt der Landrat Marcel Musolf, mit einer „Strahlkraft“, die durch die Neubaumauern und über die Region hinausdringen soll, braucht es Prominenz.
Da ist Rehberger mit seiner Kreativität und seinem biografischen Lokalbezug eine passende Wahl. Zumal er, zwischen Skulptur und Grafik arbeitend, als Raum-Gestalter „alle mitnimmt“, sagt Wall. Als Beispiel für die Attraktivität solch in- statt exklusiver Kunst nennt er Rehbergers 2009 eröffnete Cafeteria für die Biennale in Venedig.
Es ist auch nicht so, dass der Star in Esslingen exklusiv abkassiert. Rund 400 000 Euro sind für seine Beiträge vorgesehen, alles inklusive. Von den übrigen 1,1 Millionen Budget-Euro fließen 350 000 Euro in die weitere Grundausstattung mit Kunst. Der Rest wird in den Pulverwiesen nicht sofort verpulvert, sondern steht in Tranchen von jeweils 250 000 Euro in den Jahren 2026 bis 2028 für zusätzliche Kunstprojekte im Haus zur Verfügung. Ein ursprünglich geplantes Projekt, ein weiterer Rehberger, kommt aus ganz anderen als Kostengründen nicht zustande: Eine Wand, die der Meister fürs alte Landratsamt gestaltet hatte, ins neue zu versetzen, erwies sich als unmöglich.
Kreissparkasse stiftet Holzschnitte
Auch eine tatsächliche Anschaffung fällt aus dem Kostenrahmen: Matthias Mansens Holzschnitte mit Motiven aus dem Landkreis, die die Sitzungssäle zieren sollen, werden von der Kreissparkasse gestiftet, die sie anlässlich des gemeinsamen 50-Jahr-Jubiläums im vergangenen Jahr bezahlt hat. „Mit zwei Dritteln des Budgets betreiben wir echte Kunstförderung“, sagt Christian Greber, der Leiter des Amts für allgemeine Kreisangelegenheiten.
In der Galerie im ersten Obergeschoss sind Wechselausstellungen mit regionalen Künstlerinnen und Künstlern oder auch mit Schulkunst geplant. Ebenso kommt die hiesige Szene bei der Bebilderung der Wandflächen zum Zug. Sie werden zugleich Arbeiten aus der Kunstsammlung des Landkreises als Dauerausstellungsfläche dienen.
Mitarbeiter stimmen über Skulpturen ab
100 000 Euro finanzieren einen Skulpturenwettbewerb für den Innenhof, der im nächsten Jahr regional ausgeschrieben wird. Besonderer Clou: Eine fachkundige Jury trifft zwar die erste Auswahl aus den eingereichten Werken. Die endgültige Entscheidung, welche der Skulpturen angeschafft und aufgestellt werden, fällen aber die, die sie täglich anschauen müssen oder dürfen: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landratsamts in einer Abstimmung.
Denn wie sagt Landrat Musolf so treffend? Es geht um einen „Ort, wo man gerne hingeht und sich gerne aufhält“. Und natürlich spekuliert man auch auf die Außenwirkung, wenn Kunstfans kommen, um Rehberger zu gucken, und Regionales entdecken. Dass aber in all den schönen Künsten das Behördliche nicht ganz untergeht – dafür sorgt auf charmant ästhetische Weise auch wieder: Rehberger.
Regional und international
Star
Tobias Rehberger, 1966 in Esslingen geboren, zählt mit seinen Skulptur und Graphik verbindenden Installationen zu den Größen der internationalen Kunst. Er ist Professor an der Frankfurter Städelschule.
Stipendiaten
Seit 1992 bietet der Kreis Esslingen Künstlerinnen und Künstlern ein dreijähriges Atelierstipendium im Dettinger Park in Plochingen an. Werke von Stipendiaten werden teilweise für die Kunstsammlung des Landkreises aufgekauft.