Migration auf den Fildern
: Im neuen Camp gilt die Kehrwoche

Menschen aus 16 Ländern haben im Leinfelder Neubaugebiet Schelmenäcker in mobilen Unterkünften eine Heimat auf Zeit gefunden. Wie klappt das Zusammenleben?
Von
Natalie Kanter
Stuttgart
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Auf den ehemaligen Parkplätzen in den Leinfelder Schelmenäckern leben auch viele Kinder.

Natalie Kanter

Ein schwarzer Turnschuh, ein vom Regen durchweichtes Manga-Comic und auch ein rot-weißer Spielzeugbagger sind auf dem Echterdinger Renault-Gelände liegen geblieben. Sie erinnern an das Leben, das bis vor wenigen Monaten noch hier getobt hat. 120 Menschen hatten auf dem Areal an der Leinfelder Straße zuletzt gelebt. Um zu sparen und weil die Zahl der Geflüchteten stark zurück gegangen ist, hat die Stadt entschieden, den Vertrag über die Mietcontainer nicht mehr zu verlängern. Bis Ende des Jahres soll nun das städtische Gelände geräumt sein. Ein paar der mobilen Unterkünfte wurden inzwischen schon abgebaut.

Die Bewohner sind zwischen April und Juli nach Leinfelden ins Neubaugebiet Schelmenäcker gezogen. An der Max-Lang-Straße und an der Kohlhammerstraße hatten Handwerker zuvor auf Schotterparkplätzen neue, moderne Container zu Unterkünften gestapelt, die Würfeln gleichen. Platz gibt es dort für 360 Menschen, 186 leben aktuell dort. Die Bauten sind laut Roman Stuiber, dem Leiter des städtischen Sozialamtes, auch energieeffizienter. Jede Etage habe ihre eigene Küche, ihre eigenen Duschen sowie Toiletten.

Auf dem Renault-Gelände lagen die Nasszellen außerhalb der Wohncontainer. Die Bewohner mussten über den Hof laufen, um zu ihnen zu gelangen. Die Türen der Container seien so oft offen standen, es sei zum Fenster hinaus geheizt worden, erinnert Stuiber. In Leinfelden müssen die Bewohner die Etage nicht mehr verlassen, um sich frisch zu machen. Jeder habe außerdem seinen eigenen Briefkasten am Gebäude.

Bewohner müssen nicht mehr über den Hof, um aufs Klo zu gehen

Dieser Spielzeugbagger ist auf dem Echterdinger Renault-Gelände liegen geblieben.

Foto: Natalie Kanter

Kehrwoche hilft bei Konfliktlösung in Leinfelder Unterkunft

Blick in die mobilen Unterkünfte an der Leinfelder Max-Lang-Straße.

Foto: Natalie Kanter

Die Veränderung zeigt Wirkung: „Die Atmosphäre ist hier eine ganz andere“, sagt er. Es herrsche mehr Ruhe, weniger Aufregung. Konflikte gebe es trotzdem. Menschen aus 16 Ländern haben auf dem sogenannten Baufeld F und K eine Heimat auf Zeit erhalten. Mütter mit ihren Kindern, aber auch Paare sind aus der Ukraine nach Deutschland geflohen und warten hier, dass der Krieg vorbei ist. Andere haben früher in Russland, Georgien, Marokko, Togo, Guinea oder Kamerun gelebt. Sie kommen aus Afghanistan, Uganda, Palästina, dem Iran, Eritrea, oder Nigeria. Sie haben das vom Bürgerkrieg geschundene Syrien verlassen oder sind Sinti und Roma. „Die Herausforderung ist, dass das Zusammenleben hier gut gestaltet wird“, sagt Roman Stuiber.

Immer wieder gebe es Streit ums Putzen: „Weil Sauberkeit ein sehr individueller Wert ist“, erklärt Jolin Oswald, die zuständige Gebäudemanagerin. Auf der Suche nach einer Lösung „haben wir die Kehrwoche eingeführt“, sagt sie. „Jede Woche ist ein anderes Zimmer dran.“ Das funktioniere ganz gut. Außerdem gibt es Regeln, eine Hausordnung, die jeder einhalten muss. „Besuch muss angemeldet werden“, sagt die 23-Jährige. „Dauerhafte Fremdschläfer“ seien nicht erlaubt. In den Gebäuden herrsche Rauchverbot. Ehrenamtliche Helfer bieten eine Sprechstunde und eine Bastelgruppe für Kinder an.

Auch eigene Möbel sind erlaubt in den Containern in den Schelmenäckern

Gebäudemanagerin Jolin Oswald und Sozialamtsleiter Roman Stuiber führen über das Gelände.

Foto: Natalie Kanter

Celal Karas Heimat ist derweil die Türkei. Der 24-jährige Kurde besucht hier die Berufsschule, will Handwerker werden, auf Baustellen arbeiten. „Das kann ich gut“, betont er. Vor zweieinhalb Jahren ist er nach Deutschland gekommen, weil es hier egal sei, wie er sagt, welche Religion man habe. Der junge Kurde spricht schon gut Deutsch, will aber noch besser werden, bald den B1/B2-Kurs abschließen. „Mein Leben ist gut hier“, sagt er. Auch mit seinem Mitbewohner, mit dem er sich einen Container teilt und der ebenfalls Türke ist, komme er gut zurecht.

Der Quader mit der Hausnummer 30/6 steht bisher noch leer. Es ist ein behindertengerechtes Gebäude. Rollstuhlfahrer können über eine Rampe hinein rollen. Im Inneren riecht es nach Neubau. Jeweils zwei Betten, zwei Spinde, zwei Tische und ein Kühlschrank stehen bereit. „Die Bewohnerinnen und Bewohner können sich mit diesen und auch eigenen Möbeln selbst einrichten“, sagt Jolin Oswald. Der Hausmeister hilft dabei. Familienzimmer haben eine Durchgangstür, die offen bleiben oder auch geschlossen werden kann.

Jolin Oswald hat ihre Ausbildung bei der Stadt gemacht und ist geblieben. An ihrer Arbeit gefällt ihr die Abwechslung. „Jeder Tag ist anders“, sagt die Gebäudemanagerin. Sie erlebe viele Familien, „die sich toll entwickeln“. Das Team der Unterkunftsverwaltung sei fast so international, wie die Bewohner. Das gefällt der jungen Mitarbeiterin.

Ein paar Zahlen

Renault-Gelände
Auf dem Renault-Gelände waren schon in den 1980er und 1990er Jahren Geflüchtete untergebracht. Bis zu 300 Menschen hatten dann in den Jahren nach 2015 im „Camp“ gelebt, wie die Flüchtlingsunterkunft im Flecken bezeichnet wurde. Sie bestand aus Containern und winterfesten Zelten. Beides wurde später wieder abgebaut. Im Jahr 2023 hatte die Stadt Leinfelden-Echterdingen auf dem Areal dann ein zweistöckiges Gebäude aus Wohncontainern errichten lassen, um Menschen aus der Ukraine und anderen Krisenregionen der Welt ein Dach über dem Kopf bieten zu können.

Unterkünfte
Exakt 22 Gebäude für Geflüchtete gibt es in Leinfelden-Echterdingen. Sie leben aber auch in 100 Wohnungen, welche die Stadt für sie angemietet hat. Mit den Mietcontainern, die im Leinfelder Neubaugebiet Schelmenäcker aufgestellt worden sind, möchte die Stadt die Zwischenzeit überbrücken bis der Standort Dieselstraße in Betrieb gehen kann. Die Stadt hat zwei ehemalige Bürotürme an der Echterdinger Dieselstraße gekauft. Diese will die Kommune in eine große Geflüchtetenunterkunft umwandeln.

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