Musikgeschäft in Nürtingen: Willy Wondra macht seinen Laden nach fast 50 Jahren zu

Die letzten Gitarren stehen im Musikgeschäft von Willy Wondra zum Verkauf.
Tim KirsteinDer Name Wondra ist seit nun fast einem halben Jahrhundert eine Institution in Nürtingen und darüber hinaus: Musikbegeisterte lassen sich von Willy Wondra beim Kauf oder bei der Reparatur von Instrumenten beraten. Doch Ende des Jahres schließt der Laden in der Europastraße 19. „Man muss auch irgendwann mal den Schlussstrich ziehen“, sagt Wondra.
Für den 74-Jährigen haben Musik und Instrumente schon immer eine Rolle gespielt: „Schon bei meinem Vater und meiner Mutter war die Musikalität vorhanden“, erzählt Willy Wondra. Sein Onkel war Profi-Musiker. Mit neun Jahren fing Wondra an, Gitarre zu lernen. Im Alter von 15 Jahren begann er in Altbach eine Lehre als Klavierbauer, später arbeitete er als Klavierstimmer in Göppingen.
„Dann kam der Gedanke auf, mich selbstständig zu machen“, erzählt er. Im Jahr 1978 eröffnete er einen Laden für Musikinstrumente in der Nähe der Nürtinger Neckarbrücke. Dabei waren die Gegebenheiten durchaus schwierig: „In Nürtingen gab es bereits vier andere Geschäfte.“
Zum Musikgeschäft kommt eine Musikschule
Doch der Laden lief. „Nach wenigen Monaten war auch die Nachfrage nach einer Musikschule da“, erzählt Wondra. Räume hierfür fand er in der Stadtmitte. Anfangs habe er selbst noch Unterricht geben wollen, doch das Ladengeschäft ließ ihm dafür keine Zeit mehr. Nach acht Jahren zog das Musikhaus an seinen heutigen Standort in die Europastraße 19: „Von der Größenordnung her war das traumhaft. Wir hatten drei Mal so viel Fläche und konnten unsere Auswahl ausbauen.“ Zu Spitzenzeiten waren fünf Mitarbeiter im Laden, dazu kamen acht Musiklehrer, die bei Wondra angestellt waren.
Das Geschäft wuchs – nicht zuletzt durch gute Ideen. Wondra erzählt etwa von einer fahrbaren Musikschule in einem umgebauten Lastwagen. Damit fuhren die Musiklehrer in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren unter anderem nach Bad Urach oder auf die Fildern. „Anfangs wurden wir von der Konkurrenz belächelt, aber das Ding hat funktioniert“, erzählt der Initiator. Für viele Kinder sei es praktisch gewesen, die Musikschule direkt im Heimatort zu haben, anstatt eine halbe Stunde nach Nürtingen fahren zu müssen.
Ein Serviceangebot, auf das Wondra besonders stolz ist, ist die Instrumentenwerkstatt im Laden. „Das gab es damals so hier nicht“, sagt er. Vor allem die teils akribische Fehlersuche habe ihm stets viel Freude bereitet. Wobei er auch gesteht: „Man kann sagen, ich bin diesbezüglich ein bisschen verrückt.“ Neben gerissenen Saiten oder verbogenen Instrumententeilen kamen über die Jahre auch immer wieder interessante Fälle zu ihm. Das verrückteste Projekt sei die Rekonstruktion einer Art Ukulele gewesen. Diese sei in Einzelteilen zu ihm gebracht worden. „Da musste ich erst einmal herausfinden, was wo hinkommt“, erzählt er. Doch gerade diese Aufträge hätten ihn immer gereizt.
Während der 47 Jahre hat Willy Wondra viele Musiktrends miterlebt, Filialen in Bad Urach und Rottenburg-Weiler eröffnet, aber auch viele Ladenschließungen miterlebt. „Man kämpft teils gewaltig als Händler“, sagt er. Vor allem das Aufkommen des Online-Handels habe vielen Fachgeschäften zu schaffen gemacht. „Das Internet hat Preise vorgegeben, da haben wir als Händler graue Haare bekommen“, sagt der 74-Jährige. Für Wondra erwies sich vor allem die Reparatur als wichtiges Standbein: „Ich habe mit Laden und Werkstatt zwei große Füße gehabt. Deswegen gibt’s mich noch.“
Bis Weihnachten läuft der Räumungsverkauf bei Wondra
Doch nun soll Schluss sein. Der Räumungsverkauf läuft, wenn alles gut geht, soll er zu Weihnachten enden. „Ich höre nicht auf, weil mir die Luft ausgeht, sondern weil ich viel Zeit im Laden und mit der Musik verbracht habe“, sagt Wondra. Nun sei auch mal Zeit für etwas anderes. Die Musikschule hat er bereits vor vier Jahren an seinen ehemaligen Musiklehrer Sven Frey verkauft, der sie unter dem Namen Sound-Akademie weiterführt. Der Laden in der Europastraße 19 wird schließen.
Doch ganz kommt Wondra nicht weg von seiner Passion: Zuhause in Kirchheim-Nabern wird der 74-Jährige weiterhin eine Instrumentenwerkstatt betreiben. Auf die Idee brachte ihn seine Stammkundschaft. „Für ältere Kunden, die nicht so internetaffin sind, ist das ein großes Problem, dass der Laden zu macht. Für die bricht eine Welt zusammen“, sagt Wondra. Und fügt hinzu: „Ich mache das aber auch ein bisschen für mich, dass ich auf Trab bleibe und den Antrieb behalte.“
Wenn der Räumungsverkauf beendet ist, steht jedoch erst einmal eine Tour mit dem Wohnmobil an. Wohin ist noch nicht klar. Sicher ist aber, dass es irgendwann wieder nach Süditalien geht, wo der 74-Jährige schon früher mit der Familie Urlaub gemacht hat. Schließlich wird er künftig dafür die nötige Zeit haben.