Neue Strompumpe in Kirchheim unter Teck
: Mit Muskelkraft das Handy laden

Der Künstler Sebastian Fleiter hat in der Teckstadt (Kreis Esslingen) ein spezielles kinetisches Objekt aufgestellt. Weitere sollen folgen. Was die Stadt mit diesem Projekt bezweckt.
Von
Elke Hauptmann
Esslingen
Jetzt in der App anhören

So sieht das öffentliche Ladegerät für Smartphones in Kirchheim aus.

Elke Hauptmann

Was ist das denn für ein seltsames Ding? Nein, die knallgelbe Säule an der Kreuzung von Max-Eyth-Straße und Alleenstraße in Kirchheim ist kein neuartiger Designer-Briefkasten der Deutschen Post, sondern eine sogenannte Strompumpe, geschaffen vom Kassler Künstler Sebastian Fleiter. Das Projekt mit dem Titel „Kirchheim unter Strom“ hat der Kunstbeirat in Kooperation mit der Stadtverwaltung initiiert. Es soll die Bürgerschaft im wahrsten Sinne des Wortes elektrisieren.

Angst vor einem leeren Akku

Sich mit der Energieerzeugung näher zu beschäftigen, erscheint nicht wirklich wichtig, sagt Fleiter. „Es funktioniert ja, irgendwie.“ Doch seit ein kleines technisches Gerät zu unserem ständigen Begleiter wurde, wird uns die Abhängigkeit von Strom vor Augen geführt: Ein leerer Handy-Akku bringt so manchen ins Schwitzen. Die Angst, ohne Mobiltelefon unerreichbar für soziale und geschäftliche Kontakte zu sein, hat sogar einen Namen: Nomophobie, erläutert der Künstler die Idee zu seinem Werk. „Was gibt es für einen geeigneteren Moment, Elektrizität zu thematisieren, als jemandem mit entleertem Smartphone auf der Straße die Möglichkeit zu geben, dieses mit selbsterzeugtem Strom wieder aufzuladen?“

Der digitalen Notlage begegnet er auf spielerische Weise: Man muss den Hebel an der Stele auf und ab bewegen, die Mechanik überträgt Muskelkraft auf einen Generator, der wiederum über eine Steuerelektronik Strom an Standard-USB-Anschlüsse liefert. Hier können dann Smartphones oder Kameras angeschlossen werden. Es braucht laut Fleiter nicht viel Strom, um ein Handy aufzuladen: Fünf Minuten reichten, um ein paar Prozent Akkuleistung draufzupacken. Fünf Minuten, in denen man mit anderen Menschen analog ins Gespräch kommen kann. Die Strompumpe, hofft der Künstler, wird so auch zu einem Treffpunkt.

Ersten Belastungstest nicht bestanden

Doch kaum war sie eingeweiht, war sie auch schon kaputt. Mehrere Wochen verbarg sich die Strompumpe hinter Bauzaun und Plane, erst seit wenigen Tagen ist sie wieder in Betrieb. „Aufgrund kleinerer Zwischenfälle mit Jugendlichen war eine Nachjustierung des Mechanismus erforderlich“, informiert Doreen Edel, die Sprecherin der Stadt Kirchheim. Sie räumt im gleichen Atemzug ein: „Da es sich bei der Pumpe zur Stromerzeugung um ein von Grund auf neu konzipiertes kinetisches Objekt im öffentlichen Raum handelt, waren und sind anfängliche Anpassungen zu erwarten.“ Ein Abbau kommt jedenfalls nicht infrage. „Die Strompumpe wird dort dauerhaft verbleiben.“

Die bislang gemachten Erfahrungen sollen in die weiteren Stationen einfließen, die noch im Stadtgebiet geplant sind. „Das Projekt ist auf ein dauerhaftes Wachstum angelegt“, betont Edel. Wie viele Strompumpen es letztendlich geben werde, lasse sich nicht sagen. Das hänge zum einen von geeigneten Standorten ab: Die Kunstwerke sollen an die alten Orte der energetischen Infrastruktur Kirchheims erinnern. Zum anderen müsse man dafür Sponsoren finden. Ganz preiswert sei die Aufstellung nämlich nicht, insbesondere wenn Eingriffe in den Boden notwendig seien, fügt die Stadtsprecherin hinzu. So habe die Installation der ersten Strompumpe um die 15 000 Euro gekostet. Diese Summe könne vollständig aus dem Budget des Kunstbeirates gedeckt werden.

Zur Person

Berufliches
Sebastian Fleiter, 1971 in Hamburg geboren, studierte nach einer Ausbildung zum Bühnenbildner an der Kunsthochschule Kassel Freie Bildende Kunst und Visuelle Kommunikation. 2004 gründete er in Kassel das Kreativwirtschaftszentrum Nachrichtenmeisterei für unterschiedlichste kreative Gewerke, seit 2007 hat er sein eigenes künstlerisches Label Atelier Fleiter. Er arbeitet auch als Berater, thematisiert in Vorträgen und Workshops den Umgang mit Energie.

Künstlerisches
Sein mobiles Showcase-Projekt The Electric Hotel tourt seit 2011 kreuz und quer durch die europäische Musikfestivalszene. Er wurde unter anderem mit dem Designpreis der Bundesrepublik in Gold geehrt und erhielt zahlreiche renommierte internationale Auszeichnungen.

StZ Kreis Esslingen
Montag - Samstag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus dem Kreis Esslingen im kompakten Überblick: Von Montag bis Samstag schicken wir Ihnen unseren Newsletter mit den fünf beliebtesten Themen unserer Leserinnen und Leser in Ihr E-Mail-Postfach. So bleiben Sie immer auf dem Laufenden.