Onlineeinkäufe zwingen den Einzelhandel auf den Fildern in die Knie
: Nach 23 Jahren schließt jetzt auch die Villa Leinfelden

2016 war es die Villa in Stetten, 2022 in Bernhausen und jetzt ist die Villa Leinfelden und damit das letzte Geschäft von Inge Behrendt-Mertens dran. Ende Mai schließt der Schreibwarenladen. Was sind die Gründe für das Aus?
Von
Sandra Belschner
Stuttgart
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Stuttgarter Zeitung

Die roten Plakate, die auf den Räumungsverkauf hindeuten, sieht man schon von Weitem. Nachdem Inge Behrendt-Mertens bereits 2016 ihren Schreibwarenladen in Stetten und 2022 in Bernhausen wegen rückläufiger Kundschaft schließen musste, ist nun der dritte und letzte Standort an der Reihe. Die Villa Leinfelden an der Stuttgarter Straße wird es bald nicht mehr geben.

Noch sind die Regale und Aufsteller gut gefüllt: Füller und Wasserfarben, Zeitschriften und Geschenkkarten und natürlich Schulranzen mit verschiedensten Mustern – dafür ist Inge Behrendt-Mertens bekannt. Viele Eltern machten sich in den letzten Jahren in der Villa Leinfelden auf die Suche nach dem richtigen Modell für ihre Kinder. Doch mit den Jahren mehrten sich die Eltern, die sich zwar im Geschäft beraten ließen, aber am Ende dann doch online einkauften. „Dass wir in Vorleistung gehen müssen, das alles bezahlen und unsere Zeit reinstecken, spielt dann keine Rolle“, ärgert sich Behrendt-Mertens.

Räumungsverkauf nach 23 Jahren

Schon in wenigen Wochen muss der Verkaufsraum geräumt sein: Ende Mai schließt die Villa Leinfelden ihre Tür für immer. Das Gebäude wird für zukünftige Wohnungen renoviert. Was passiert mit den Sachen, die dann noch übrig sind? „Wir machen jetzt den Räumungsverkauf und dann müssen wir sehen, was noch übrig ist. Das ein oder andere wird dann sicherlich auch an Kindergärten gehen“, sagt die Inhaberin, die vor 23 Jahren den Schreibwarenladen eröffnete. Damals noch in einer belebten Nachbarschaft, bestehend einer Schneiderin, einem Laden mit Haus- und Gartenartikeln, einem Imbiss, einem Drogeriemarkt. „Nach und nach haben die alle zugemacht und ich bin jetzt die letzte, die dran ist“, sagt Behrendt-Mertens.

Die Liste der Gründe ist lang und doch lassen sie sich kurz zusammenfassen: Die Kundinnen und Kunden bleiben aus. Die Entwicklung sei schon seit einigen Jahren so, dass immer mehr im Internet gekauft werde. Die Coronapandemie habe das ganze noch befeuert, resümiert die gelernte Einzelhandelskauffrau, „viele sind im Internet hängen geblieben, die früher nicht online gekauft haben“. Vor der Pandemie seien es zwischen 150 und 160 Kundinnen und Kunden gewesen, die pro Tag in der Villa Leinfelden einkauften. In den letzten Monaten sei es nicht mal mehr ein Drittel davon gewesen.

Ein weiterer Grund sei die lange Sperrung der Stuttgarter Straße gewesen, sagt Behrendt-Mertens. Damals hätten ihre Kundinnen und Kunden über Echterdingen fahren müssen, um zu ihrem Laden zu gelangen. Viele, die durch die Sperrung zurück blieben, kamen danach nicht wieder. Auch der Abriss des Hallenbads in Leinfelden trägt zur schwindenden Kundschaft bei. Früher seien Eltern, die ihre Kinder in den Schwimmkurs fuhren, noch schnell in der Villa vorbeigekommen um Hefte und Stifte zu besorgen.

Tablets statt Papier und Füller im Unterricht

Die neueste Änderung im Kaufverhalten habe die Inhaberin erst mit der Zeit bemerkt: „Ich wunderte mich, warum wir auf einmal viel weniger Collegeblöcke verkauften“. Als sie sich umhörte, fand Behrendt-Mertens heraus: Viele Klassen der weiterführenden Schulen arbeiten mittlerweile ausschließlich mit Tablets – Papier und Füller brauchen die Schülerinnen und Schüler also nicht mehr. Durch einen Zufall stieß die Einzelhandelskauffrau auf einen weiteren Grund: „Die Schulen in der Umgebung sind angewiesen, ihre Materialien beim Großhändler zu kaufen, früher kamen sie zu mir“. Eine Kreisentscheidung sei das.

Eine Reihe an Gründen führt nun dazu, dass es für die Villa Leinfelden keine Zukunft geben wird. „Einige unserer Stammkunden hatten deswegen schon Tränen in den Augen“, erzählt Behrendt-Mertens, „viele sind alleinstehend. Da haben wir auch einen sozialen Auftrag und hören uns die Sorgen und Nöte an“. Genau dieser Kontakt mit Menschen sei es gewesen, dass die Einzelhandelskauffrau, die eigentlich schon im Rentenalter ist, noch weiter im Laden stehen wollte: „Mein Herz hing daran.“

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