Urban Gardening in Nürtingen
: Der Wörth-Garten verbindet Sortenerhalt mit Sozialexperiment

Irgendwann werden womöglich die Bagger anrollen, um Häuser zu bauen. Doch jetzt ist ein Teil des Wörth-Areals in Nürtingen (Kreis Esslingen) Refugium für Fans alter Sorten. Die Initiative Bunte Beete hat hier ein Urban-Gardening-Projekt, das zugleich Sozialexperiment ist.
Von
Greta Gramberg
Esslingen
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  • Bundestagsabgeordneter Matthias Gastel mit Beteiligten der Gruppe „Bunte Beete“.

    Ines Rudel
  • Roman Lenz (Verein Genbänkle), Jan-Uli Kilian, Carolin Harscher (Ehrenamtskoordinatorin der Stadt Nürtingen), Monira Kilian, Halya Oppenländer und Elke Kirsch (von links) machen einen Rundgang durch den Wörth-Garten.

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  • Anlass ist ein Besuch des Grünen-Bundestagsabgeordneten Matthias Gastel.

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  • Der Wörth-Garten wirkt auf den ersten Blick wild und ungeordnet.

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  • Gemüsepflanzen dürfen hier auch in die Höhe schießen oder blühen - denn Ziel ist auch, die Samen zu ernten.

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  • Zudem sind die einzelnen Beete bunt bestückt, es steht schnell Wachsendes neben langsam wachsenden Pflanzen.

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  • Alte Sorgen wie die Rote Gartenmelde, eine Spinatalternative, wachsen hier.

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  • Sie stehen neben Gewürz- und Heilpflanzen wie Borretsch.

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  • Es gibt aber auch klassisches Gemüse wie Tomaten. Wichtig ist, dass das Saatgut nicht genmanipuliert ist.

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  • Zwischen dem Gemüse gibt es immer wieder Farbtupfer durch Blüten, beispielsweise Sonnenblumen oder Cosmea.

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  • Der Garten hat neben Hochbeeten auch zahlreiche andere Nischen für Pflanzen und Sitzecken.

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Wer den „Wörth-Garten“ finden möchte, muss genauer hinsehen. „Viele Leute, denen ich von unserem Projekt erzähle, sagen: Da ist doch kein Garten, da ist doch nur ein Parkplatz“, erzählt Monira Kilian, eine der Initiatorinnen. Hinter den parkenden Autos und einer Reihe von Büschen und Bäumen hat die Initiative Bunte Beete auf dem Wörth-Areal ein kleines Refugium geschaffen, das einerseits Urban-Gardening-Projekt ist zur Erhaltung der Sortenvielfalt. Andererseits soll es auch ein vorgelagertes Wohnzimmer für die Nachbarschaft sein und ein Experiment, wie Zusammenleben und -wirtschaften anders funktionieren kann.

Wer neben dem Geräteschuppen in den Garten geht, steht vor mehreren bunt und üppig bewachsenen, selbst gebauten Hochbeeten. Was dort zu sehen ist, wird allzu ordnungsliebende Hobbygärtner womöglich befremden: Die Gemüsepflanzen dürfen hier Meter hoch in die Höhe schießen und blühen, schließlich sollen nicht nur die Früchte sondern auch Samen geerntet werden. Kilian verweist auf alte Sorten wie die Rote Gartenmelde, eine hoch wachsende Alternative zu Spinat, die das ganze Jahr abgeerntet werden könne und wenig Fläche brauche. „Der Massenmarkt stellt Saatgut her, das wir nicht vermehren können“, sagt Kilian. Zudem gebe es von vielen Nutzpflanzen nur noch fünf Sorten – eine Katastrophe für die Menschheit, findet sie. Im Wörth-Garten, dessen Mitglieder in Kontakt mit Roman Lenz und dem Verein Genbänkle stehen, der sich als Netzwerk für Sortenretter versteht, werden vergessene und bedrohte Sorten kultiviert.

Keine Zäune, trotzdem kein Vandalismus

So führte Lenz kürzlich den Grünen-Bundestagsabgeordneten Matthias Gastel auf das Wörth-Areal. „Diese große Vielfalt an Dingen in den Beeten kann die Menschen inspirieren“, hofft Gastel, der auf seiner diesjährigen Wandertour durch den Landkreis im Wörth vorbeischaute. Der Grünen-Politiker sieht in dem Projekt ein Positivbeispiel für bürgerschaftliches Engagement.

In den viereinhalb Jahren seit Bestehen habe es keinen Vandalismus gegeben, obwohl es keine Zäune gebe, sagt Kilian. Täglich seien bis zu 100 Menschen im Garten, mit ganz unterschiedlichem Hintergrund. Es gebe einerseits organisierte Veranstaltungen wie das Sprechcafé des Integrationsbüros, Qigong-Kurse oder Tauschbörsen. Andererseits nutzten Menschen aus der Umgebung den Garten als Treffpunkt. Sie sei mal zum Gießen gekommen und habe 30 junge Männer vorgefunden, die feierten, erzählt Halya Oppenländer, eine der Aktiven der Initiative. Sie habe die Gruppe gebeten, keinen Müll zu hinterlassen. „Am nächsten Tag war nichts da“, sagt die Landschaftsgärtnerin.

Start mit einzelnen Beeten in der Stadt

Das Urban-Gardening-Projekt startete mit einzelnen Beeten in der Nürtinger Innenstadt 2018. Zwei Jahre später stellte die Stadt der Initiatorengruppe das jetzige Stück zur Verfügung. Etwa zehn Personen gehören derzeit zum Kernhelferteam. Bei „Bunte Beete“ hat nicht jeder sein eigenes Stück, sondern alle bewirtschaften alles – so könne jeder so viel helfen, wie gerade möglich, erklärt Kilian. Die Beteiligten entschieden gemeinsam, was wo gesät und gepflanzt werde. Nur eine Regel gibt es: Kein genmanipuliertes Saatgut soll eingesetzt werden.

Und wie sieht die Zukunft des Gartens aus? Das Wörth-Areal soll entwickelt werden, neue Wohnungen entstehen. Allerdings gibt es dazu seit Jahren eine Diskussion zwischen Bürgern, Stadtverwaltung und Gemeinderat. Ein Bebauungsplan wurde 2021 rückabgewickelt. Nun soll eine Bürgerbeteiligung stattfinden. Wann und ob die Bagger, am Wörth-Areal anrollen, ist unklar. Dennoch ist der Wörth-Garten zumindest an dieser Stelle wohl einer auf Zeit.

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