Weinlese in Esslingen
: Warum das Viertele nicht mehr ganz so beliebt ist

Vor dem Genuss steht der Schweiß: In Esslingen hat die Weinlese begonnen und viele Helfer sind in den Weinbergen im Einsatz. Wegen der Klimaerwärmung beginnt die Ernte früher – und auch der Weingenuss hat sich verändert.
Von
Simone Weiß
Esslingen
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Bei den Kusterers in Esslingen hat die Lese begonnen.

Roberto Bulgrin

Ein selbst geerntetes Produkt schmeckt doppelt so gut. Doch dieses Gefühl hat nachgelassen. Zum Mittagessen seiner Helfer bei der am Freitag begonnenen Weinlese stellt Maximilian Kusterer nur noch eine Flasche Wein auf den Tisch. Früher, so sagt der Esslinger Wengerter, hätte diese Menge nicht lange gereicht. Doch die Gesellschaft habe sich gewandelt. Es werde weniger Alkohol getrunken, auch der Weinkonsum lasse nach. Selbst das den Schwaben heilige Viertele zünde nicht mehr auf der ganze Linie. Bei Festen werde es kaum noch ausgeschenkt, und unter der Woche verzichteten viele ganz auf Alkohol. An den Wochenenden dürfe es dann aber etwas mehr und auch gerne etwas Hochwertigeres und Hochpreisigeres sein. Damit aber niemand auf dem Trockenen sitzen muss, werden die Trauben gerade geerntet.

Bei der Esslinger Genossenschaft Teamwerk geht es in der nächsten Woche wohl mit einem Lesetag los, sagt Jochen Clauß vom Teamwerk-Team. Ausschlaggebend für den Startschuss zur Weinernte sei nicht mehr nur allein der Öchsle-Grad, also der Zuckergehalt. Auch der Anteil an Säure sowie die Reife und das Aussehen der Trauben gelte es zu beachten. Sind die Kerne noch grün, warte man lieber ab. Sind sie braun und lösen sie sich leicht vom Fruchtfleisch, dann ist das Weinlese-Timing besser.

Große Konkurrenz

Bis in den Oktober hinein werden die Helfer zu Gange sein. Jede der 40 Wengerterfamilien, die sich im Teamwerk zusammengeschlossen haben, gehe mit bis zu acht Leuten an den Start, sodass mit etwa 300 Helfern gerechnet werden kann. Sie seien mit Spaß bei der Sache – obwohl das Weingeschäft nicht immer nur ein reines Vergnügen sei. Die Konkurrenz, auch aus dem Ausland, sei groß, bedauert Jochen Clauß. Nur noch etwa 42 Prozent des in Deutschland getrunkenen Weins stamme aus heimischem Anbau.

Von schwierigen Rahmenbedingungen spricht auch Maximilian Kusterer. Der falsche Mehltau habe im Weinberg gewütet. Die gefürchtete Pflanzenkrankheit habe sich wegen des vielen Regens stark vermehren können und etwa 20 bis 30 Prozent der Trauben befallen. Personalmangel komme in seiner Branche hinzu. Er habe Glück und einen Winzer-Azubi bekommen.

Urlaubsparadies Weinlese

Der Beginn der Weinlese erfüllt ihn trotz aller Probleme mit einem tiefen Gefühl der Zufriedenheit und Dankbarkeit. Zwölf Helfer sind bei ihm im Einsatz. Freunde, Bekannte, Familienangehörige und treue Mitstreiter aus den Vorjahren nehmen sich die Zeit und manche sogar extra Urlaub. Einer der Mitarbeiter sei bald seit 50 Jahren dabei, ergänzt sein Vater Hans Kusterer: „Er bekommt für seine Treue die goldene Weinschere verliehen“, witzelt der Senior.

Der Job ist nichts für Langschläfer. Start ist gegen 6.30 Uhr. Sind die Temperaturen gegen Mittag zu hoch, wird für diesen Tag Schluss gemacht. Das schone die Gesundheit der Helfer und die Qualität der Trauben. In der Hitze könnten sie sonst auf dem Transportweg vom Weinberg zur Verarbeitung gären, und das sei nicht gewollt, sagt Maximilian Kusterer. Denn Weine aus Württemberg sollen von Kennern getrunken werden.

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