Wiebke Beyer aus Leinfelden-Echterdingen hat die Alkoholsucht besiegt
: Alkohol getrunken bis zum „Blackout“

Wiebke Beyer aus Leinfelden-Echterdingen feiert jedes Jahr am 13. Dezember ihren zweiten Geburtstag. „Ich lebe noch“, sagt sie sich dann. Der Grund: Seit 1998 ist sie trocken.
Von
Brigitte Scheiffele
Stuttgart
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Wiebke Beyer ist heute Suchtkrankenhelferin.

Brigitte Scheiffele

„Bei mir ist alles ganz anders. Ich habe es im Griff“, so dachte es Wiebke Beyer damals. Damals, das war die Zeit, in der sie akut alkoholkrank war, eine chaotische und zerstörerische Zeit. Die heute 57-Jährige fügt hinzu: „Aber meistens wird man eines Besseren belehrt.“

Wie hat diese Abhängigkeit für Wiebke Beyer angefangen? Aufgewachsen ist sie als jüngstes von fünf Kindern im Ausland – in Mauretanien/Afrika und in Saudi-Arabien. Die Eltern waren dort unter anderem in der Entwicklungshilfe tätig. „Eine gute Zeit“, sagt sie heute, in der sie viel von der Welt gesehen hat und worum sie von vielen ihrer Mitschüler später beneidet wurde. Doch fiel es ihr als schüchternes Mädchen stets schwer, Kontakte zu knüpfen. Anfang der 1980er Jahre kehrte die Familie nach Deutschland zurück, weil die Kinder hier ihren Schulabschluss machen sollten.

Der Vater fand in Süddeutschland Arbeit, und die in Niedersachsen geborene Wiebke konnte viel, aber kein Schwäbisch: „Ich habe Deutsch als Fremdsprache gelernt, und mein Hochdeutsch kam bei den Mitschülern nicht gut an. Sie fanden mich deswegen eingebildet“, schildert sie die damalige Situation.

Sie rebellierte und fand neue Bekannte

Ihr Großvater war Journalist und Schriftsteller, der Vater im Druckereigewerbe tätig, sie lebten mit vielen Büchern, aber ihr fehlte die Sozialkompetenz im Umgang mit Gleichaltrigen. Stuttgart-Plieningen, wo die Familie damals lebte, sei noch eher wie ein Dorf gewesen, wo sich alle noch aus dem Kindergarten kannten – nicht aber Wiebke Beyer. Bis im Alter von 14 Jahren habe sie sich angepasst, erzählt sie. Als das nicht funktionierte, änderte sich ihr Verhalten schlagartig: Sie wurde rebellisch und war gegen alles, lernte andere Leute kennen und ging mit ihnen trinken. „Ich wurde dann locker, konnte andere Menschen anquatschen und am Wochenende waren wir viel unterwegs“, erzählt Wiebke Beyer. Die dadurch entstandene Lockerheit habe sie in eine psychische Abhängigkeit geführt.

Whisky und Tequila waren meine besten Freunde, sagt Wiebke Beyer rückblickend.

Foto: www.imago-images.de/IMAGO/Ulrich Roth, www.ulrich-roth.com

Mit 17 Jahren begann sie in Freiburg eine Ausbildung zur Hotelfachfrau – ein Umfeld, in dem Alkohol immer gegenwärtig ist. Auch hier setzte sie Alkohol bewusst ein, um sich losgelöst zu fühlen. „Ich habe immer mehr getrunken und vertragen als andere“, weiß sie rückblickend. Heute weiß sie auch, dass sie damit unbewusst gegen ihre depressiven Phasen kämpfte. 1988 arbeitete sie nach ihrer Ausbildung bei einer Autovermietung am Stuttgarter Flughafen, wechselte dann in das Büro ihres Vaters, der sich mittlerweile selbstständig gemacht hatte und Schulbücher verlegte. Eine Zeit, in der sie richtig aufdrehte und wilde Zeiten in und mit ihrem Motorradclub erlebte: „Whisky und Tequila waren meine besten Freunde. Ich habe nicht nur am Aperol genippt, sondern war gut trainiert und trank meistens bis zum Blackout.“ Gedächtnislücken füllte sie oft mit Hilfe einer Freundin, die negativen Auswirkungen ihrer Exzesse trank sie wieder weg. Beziehungen hielten selten und zerbrachen wegen ihres Alkoholkonsums.

Der Sekt kam in die Thermoskanne

Schließlich kamen zur Alkoholsucht Essstörungen hinzu, und 1994 war Wiebke Beyer körperlich so am Ende, dass sie sich umbringen wollte. Längst bestand kein richtiger Kontakt mehr zur Familie, die nichts von ihrer Sucht erfahren sollte. Doch in einem Telefonat mit einer Freundin schöpfte diese Verdacht und kümmerte sich um sie. Die Folge: dreieinhalb Monate Aufenthalt in einer Psychiatrie. Doch auch nach der Entlassung ging es weiter mit dem extremen Überlebenskampf, Essstörungen und Alkoholexzessen. Sekt wurde für eine Weile ihr Lieblingsgetränk, sie trank fünf Flaschen am Tag. Der Sekt kam sogar in die Thermoskanne, weil sie nicht bis zum Abend warten konnte.

Als Wiebke Beyer im Jahr 1997 bei einem Besuch der Schwester in den USA ihre vermeintlich große Liebe kennenlernte, verkaufte sie alles und zog 1998 zu diesem Mann. Doch das führte nicht zu einer Stabilisierung: Der Partner trank ebenfalls und rauchte Gras, und sie selbst trug einen mit Problemen gefüllten Rucksack mit sich. Nach wenigen Wochen war sie körperlich und seelisch wieder so am Ende, dass sie sich mit Tabletten und Alkohol in einem Waldstück umbringen wollte. „Ausgerechnet an diesem Tag kam dort ein Wanderer vorbei, der den Krankenwagen rief“, erzählt Wiebke Beyer und fügt hinzu: „Der da oben hatte wohl noch was vor mit mir.“

Ihre Schwester päppelte sie in den USA wieder einigermaßen auf und setzte sie in den Flieger nach Deutschland. Ohne Lebensmut, Wohnung oder Arbeit schlief sie zeitweise bei den Eltern auf dem Sofa, brauchte inzwischen eineinhalb Flaschen Wodka am Tag. Wenn sie nicht zahlen konnte, klaute sie. Über ihren Hausarzt kam sie zur Entgiftung, wurde rückfällig, kam wieder in die Klinik, wurde dort volltrunken rausgeschmissen und wachte in einer fremden Wohnung wieder auf. Ihre Gedanken: „Entweder ich springe aus dem fünften Stock oder ich ändere etwas.“ Im Spiegel habe sie sich selbst nicht mehr erkannt, und sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Der Vater holte sie ab, Wiebke Beyer ließ sich erneut auf eine Entgiftung ein – und diesmal hielt sie durch.

Eine Langzeittherapie rettete ihr das Leben, über die Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe fand sie eine Selbsthilfegruppe, in der sie schnell einen Halt fand. Später machte sie ein Studium zur Psychologischen Beraterin, ist heute ausgebildete Suchtkrankenhelferin und engagiert sich ehrenamtlich in der Suchtselbsthilfe. Auch, um etwas von der Hilfe zurückzugeben, die sie selbst erhalten hat. Sie lebt heute in Leinfelden-Echterdingen und sagt: „Früher musste ich Alkohol trinken. Heute habe ich die Wahl – und alkoholfreie Getränke gibt es unzählbar viele.“

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