Wilderei auf den Fildern
: Die Wilderer-Geschichten Plattenhardts

„Et vertwischt?“ – „Nicht erwischt?“ So lautet der Plattenhardter „Morgengruß“. Verständlich ist er nur, wenn man in die Geschichte des waldreichen Filderortes zurückblickt.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
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Der Plattenhardter Wilderer Gottlob Ruck (Mitte) nach seiner erneuten Verhaftung 1918.

Schönbuch-Museum Dettenhausen

Als wir in der Redaktion jüngst gesammelte Zuschriften zu der Dialektserie „Auf gut Schwäbisch“ durchsahen, fiel auf, wie oft darin vom Filderstädter Stadtteil Plattenhardt die Rede ist. Wiederholt wiesen Leserinnen und Leser auf das Wildererunwesen hin, das in dem Filderort, dessen Gemarkungsfläche zu 37 Prozent aus Wald besteht, einst weit verbreitet war.

Dokumentiert ist dieses Phänomen auch in der Filderstädter „Schriftenreihe zur Geschichte und Landeskunde“: „Filderstadt und sein Wald.“ Darin schreibt der Stadtarchivar Nikolaus Back: „Die Wilderei war ein Delikt, das in früherer Zeit weniger mit Jagdleidenschaft als vielmehr mit der Armut zu tun hatte.“ Beschrieben wird der Fall eines Plattenhardter Wilderers – Georg Bieser – aus dem Jahr 1588, der 19 Fälle von Wilderei gestand. Der Verfasser erinnert daran, „dass auch noch im späten 19. Jahrhundert von zahlreichen Wilderer-Fällen aus Plattenhardt und Bonlanden berichtet wurde: Spektakulär war die Ermordung des Försters Wilhelm Klingler 1913, als er zwei Wilderer auf frischer Tat ertappte“.

Fallback Image STZ

Stuttgarter Zeitung

Back bestätigt, „dass das Thema Wilderei in der Erinnerung fortlebt“. Speziell der Förstermord von 1913 hat Spuren hinterlassen. Ein Gedenkstein auf dem Betzenberg erinnert bis heute an das gut dokumentierte und von dem Stuttgarter Historiker Ulrich Gohl eindrücklich beschriebene blutige Geschehen. Ein Foto im Filderstädter Stadtarchiv zeigt einen der Todesschützen nach seiner erneuten Verhaftung 1918.

Auch danach wurde noch gewildert – nicht nur in Plattenhardt. Auch Weil im Schönbuch und Dettenhausen werden genannt. Nach dem Ersten Weltkrieg waren reichlich Waffen vorhanden. Die Umtriebe führten 1923 sogar dazu, dass das Forstamt Plattenhardt auf die Liebenau und später nach Waldenbuch verlegt wurde. Unzumutbar sei es im Plattenhardter Forst gewesen, erklärt Back.

„Wenn die Not am Größten, ist der Wald am Nächsten“

Die alten, bis ins 18. Jahrhundert zurückgehenden Geschichten fanden auch in unserer Dialektserie Widerhall. Herbert Gscheidle aus Filderstadt schrieb in einem „Auf-gut-Schwäbisch“-Beitrag: „Meist trieb der Hunger, aber auch Wildschaden die Menschen in den Wald, besonders in armen Gegenden. Und von Plattenhardt stellte das Oberamt Stuttgart noch 1851 fest, dass es sich um ,meist unbemittelt‘ lebende Menschen handle.“ Im Revolutionsjahr 1848 war das Jagdprivileg des Adels aufgehoben worden. Der Wildbestand ging stark zurück. Der Stadtarchivar schreibt von „ständigen Konflikten mit der Obrigkeit in Person des Revierförsters und seinen Waldschützen“. Allerdings hätten die Wilderer längst nicht mehr den Rückhalt in der Bevölkerung gehabt, wie im 18. Jahrhundert. Viele seien auch gefürchtet gewesen.

Gleichwohl hielt der Leser Gscheidle in seinem Beitrag fest: „Noch in späterer Zeit sagte ein Forstbeamter immer mal wieder: ,Wenn die Not am Größten, ist der Wald am Nächsten.‘ Aber deshalb war die Wilderei schon immer mit drakonischen Strafen belegt, galt sie doch als Frevel, und noch im Jahre 1935 wurde (nach vorausgegangenen Lockerungen, die Redaktion) festgeschrieben, dass auf ,fliehende Wilderer geschossen werden‘ kann. Vor diesem Hintergrund wird der ,Morgengruß‘ verständlich, der da lautet: ,Et vertwischt?‘ (,Nicht erwischt?‘).“

Der legendäre „Morgengruß“

Der „Morgengruß“? Herbert Gscheidle schrieb dazu: „In Plattenhardt am Schönbuchrand kennt man einen ,Morgengruß‘, der weit in die Vergangenheit zurück geht. „Dabei handelt es sich um die sogenannte „Plattenhardter Hymne“, wie Willi Lösch aus Waldenbuch anmerkte. Sie hat folgenden Inhalt: „Wer schleicht dort im nächtlichen Walde so einsam wildernd umher?/Wer hält in seiner Rechten so krampfhaft und fest sein Gewehr?/Halt Schurke, die Büchse herunter! So tönt es von drüben her./Dich Wilddieb dich such ich schon lange, von der Stelle kommst Du mir nicht mehr!/Der Wilddieb, er gibt keine Antwort, er kennt seine sichere Hand./Ein Knall und gleich drauf ein Aufschrei und der Förster lag sterbend im Sand. /Drauf drückte der Wilddieb dem Förster die gebrochenen Augen zu./Und flüstert ganz leise die Worte: ,Gott schenke dir ewige Ruh’/Er stellt sich im Dorf dem Gendarmen, gepeinigt von Reue und Not, /Gott schenk meiner Seele Erbarmen, ich büß’ für des Försters Tod./“

Es gibt noch ein zweites Plattenhardter Wildererlied

Leser Armin Gebhardt ergänzte dies mit dem Hinweis, „dass das Wildererlied auch auf der CD von den TSV Plattenhardter Fußballsenioren zu hören ist. Die CD ist 2010 erschienen und mit alten Heimatliedern bestückt“. Wichtig war ihm die Anmerkung: „Nicht nur die Wilderer, auch die Plattenhardter Fußballer hatten im Ländle (schon) immer einen legendären Ruf und waren nicht leicht unterzukriegen.“

Das ist aber nicht das einzige Wildererlied. Helmut Böpple aus Plattenhardt erinnerte in einer weiteren Zuschrift daran, dass sein Vater, Erhard Böpple, ein eigenes, von Erwin Danner vertontes Lied getextet hat: „Dieses wird in unserer Familie bei Festlichkeiten aller Art immer wieder gerne gesungen.“ Sein Refrain lautet: „Drom sag i/Schmeck i di, no fend i di/Fend i di, no sieh i di/Sieh i di, no krieag i di/Krieag i di, no hab i di/Hab i di, no fress i di/Jidihiaho.“

„Muadr, schmeiß ’s Messer ra, i hau Hendel!“

Herbert Bartle aus Stuttgart-Riedenberg fügte dem Thema einen weiteren Aspekt hinzu: „Alle Dörfer auf den Fildern sind sogenannte Haufendörfer. Nur Plattenhardt ist ein Straßendorf. Darum hieß es früher: ,So lang wia Platterdt.‘“ Herbert Bartle berichtete weiter: „Se waret net bloß Wilderer, se hent au guat mit am Messer omganga kenna. Isch früher a Bua gebora worda, no hot’r vo saim Döte a Messerle gschenkt griagt: ,Hausch de guat durchs Läba!‘ Wenn d’ Kender uff dr Stroß gschpielt hend ond ’s isch a bisle hitzig worra, no hot dr Bua am Haus nuff gschria: ,Muadr, schmeiß ’s Messer ra, i hau Hendel!‘“

Ergänzend zitierte Irmgard Abt aus Steinenbronn den Spruch: „Aus de’ schlemmschte Wildschütz werdet oft de’ beschte Feldschitz!‘ Denn keiner kennt sich so gut aus in Wald und Flur, wie der Wildschütz.“

Wilderer auf den Fildern

Mordfall
 Der Historiker Ulrich Gohl vom Stuttgarter Museumsverein (Muse-o) hat sich in der Publikation „Alt-Waldenbuch.de“ mit der Geschichte vom Mord an dem Forstamtspraktikanten Wilhelm Klingler aus dem Jahr 1913 befasst und einen anschaulichen Beitrag dazu geschrieben. Nachzulesen ist er unter www.alt-waldenbuch.de/wilderer-als-moerder/

Hintergründe
 Lesenswert sind auch die beiden Beiträge von Stadtarchivar Nikloaus Back „Filderstadt und sein Wald“ und „Vom reisigen Forstknecht zum Forstmeister. Zur Geschichte des Forstamtes Plattenhardt 1553-1963“ in der „Schriftenreihe zur Geschichte und Landeskunde“, Band 18. Darin berichtet er über die Hintergründe des Wildererunwesens.

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