Zeitzeugen in Wendlingen: „Riesengeschenk an die Zukunft“ – Filme gegen das Vergessen

Die Zeitzeugen Alexander Lencses, Maria Wörner und Horst Köhler sowie die Journalistin Clarissa Haenn (von links) im Gespräch.
Kerstin Dannath80 Jahre hat Maria Wörner gewartet – im Rahmen des Zeitzeugenprojekts der Stadt Wendlingen hatte die rüstige 86-Jährige nun endlich die Chance, von ihrer Flucht nach 1945 und dem Zurechtfinden in der neuen Heimat zu erzählen: „Das ist eine große Genugtuung für mich“, sagte die Wendlingerin im Rahmen der jährlichen Patenschaftsratsitzung der Stadt Wendlingen und der Egerländer, auf der das Projekt jüngst erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Bereits 1965 hatte die Stadt die Patenschaft über die in Baden-Württemberg lebenden Egerländer übernommen.
Viele Heimatvertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten hätten nach Ende des zweiten Weltkrieges schlechte Erfahrungen gemacht, sagte Wörner. Sie nicht. Im Gegenteil: „Wir sind zu sehr netten Leuten nach Unterboihingen gekommen und gut aufgenommen worden.“ Über die Jahre wurde es ihr ein immer größeres Bedürfnis, von ihren Erlebnissen zu erzählen – nur habe es niemanden interessiert. Insofern war sie sehr dankbar, als sie von den Projektverantwortlichen ausgewählt wurde.
Große Verbundenheit mit den Vertriebenen
Unzählige Vertriebene haben nach 1945 in Wendlingen eine neue Heimat gefunden. Diese Geschichten filmisch festzuhalten, bevor die letzten direkt Betroffenen versterben, ist die Intention des Projekts, das der Gemeinderat im September 2024 beschlossen hatte. Insgesamt nimmt die Stadt trotz ziemlich klammer Haushaltskasse dafür 38 000 Euro in die Hand. „Wir haben eine große Verbundenheit zu den Vertriebenen, deswegen war ein starkes Interesse an diesem ‚bewussten erinnern’ vorhanden“, so Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel.
Nach dem Aufruf im Gemeindeblatt hatten sich 13 Zeitzeugen gemeldet, die ihre Geschichte erzählen wollten. Sechs davon wurden von der Stadt ausgewählt – Kriterien waren, dass sie aus verschiedenen Regionen kamen, auch ihre körperliche und geistige Verfassung spielte eine Rolle. Mit den Interviews wurde die Agentur „hpunkt Kommunikation“ aus Mainz beauftragt, die auf Migrationsgeschichte spezialisiert ist und etwa schon für das Berliner Dokumentationszentrum „Flucht, Vertreibung und Versöhnung“ Filmdokumentationen über Menschen, die infolge von Flucht und Vertreibung ab 1944 ihre Heimat verloren hatten, gedreht hat.
Zeitzeugen vermitteln Geschichte aus erster Hand
„Zeitzeugen vermitteln Geschichte aus erster Hand und geben wertvolle Einblicke in ihre Gefühlswelten“, sagte Clarissa Haenn, Journalistin und Inhaberin der Agentur „hpunkt“ – neben dem wissenschaftlichen Aspekt habe die direkte Ansprache von jungen Menschen einen großen Mehrwert. Natürlich müsse berücksichtigt werden, das historische Fakten und persönliche Erinnerungen oft nicht im Einklang stehen: „Schließlich waren die Zeitzeugen, die heute noch verfügbar sind, bei Kriegsende kleine Kinder.“
Wie eben Maria Wörner, die als Sechsjährige aus Kaidling in Südmähren, das heute zur Tschechischen Republik gehört, nach Wendlingen kam. Die Flucht vom heimischen Bauernhof in Richtung Deutsches Reich sei eine Fahrt ins Ungewisse gewesen – mit guten Ausgang, betonte Wörner, die bis heute dafür dankbar ist: „Wendlingen war ein absoluter Glücksfall für uns.“ Zwar galt es als erste Barriere die Sprache zu meistern, doch es gab Arbeit – und damit eine Zukunft.
Interviews sollen im September veröffentlicht werden
Jedes der sechs Interviews hat eigene Schwerpunkte – etwa der Umgang mit Traumata und Verlust oder der Frage nach der Integration, sagte Haenn. Entstanden ist ein historisches Filmdokument, das emotionale Einblicke gewährt. „Die Dokumentation hat unschätzbaren Wert und sind ein Riesengeschenk an die Zukunft“, würdigte der Esslinger Landrat Marcel Musolf das Engagement der Stadt Wendlingen. Es sei immer schwierig solche Themen jungen Menschen nahezubringen: „Umso wertvoller sind solche Formate, die sie ansprechen.“
Laut Kathrin Flohr, Fachbereichsleiterin Bürgerdienste bei der Stadt Wendlingen, werden die Interviews voraussichtlich im September auf der Homepage der Stadt veröffentlicht. Im kommenden Jahr sollen sie auch Eingang ins Wendlinger Stadtmuseum finden, wo eine Neukonzeption des Themenbereichs „Flucht und Vertreibung“ ansteht.