Zwei Tagesmütter erzählen
: „Die Eltern entscheiden sich bewusst für uns“

Der Tageselternverein Kreis Esslingen ist jüngst 15 Jahre alt geworden. Grund genug, nachzufragen: Wie läuft es in der Tagespflege? Wo gibt es Verbesserungsbedarf?
Von
Rebecca Anna Fritzsche
Esslingen
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Die familiäre Betreuung zeichnet die Tagesmütter und -väter aus.

picture alliance/dpa

Der Tageselternverein im Landkreis Esslingen ist dieser Tage 15 Jahre alt geworden. Ein Anlass, um mit zwei Tagesmüttern darüber zu sprechen, was sich in dieser Zeit verändert hat – und einen Ausblick zu wagen. Gaby Pietsch und Kornelia Wüst begleiten den Verein schon lange, teilweise seit der Gründung. „Ich bin über Freunde in der Krabbelgruppe darauf gestoßen“, erzählt Pietsch, während Wüst über eine Annonce zum Verein gekommen ist. Für Gaby Pietsch waren vor allem die praxisbegleitende Ausbildung und die gute Vereinbarkeit von Beruf und eigener Familie wichtige Aspekte ihrer Entscheidung, als Tagesmutter tätig zu werden. „Ich habe mit einem Kind an einem Tag in der Woche angefangen“, erinnert sie sich. Kornelia Wüst stammt aus einer Großfamilie, die Mutter war selbst Erzieherin – das zusammen mit dem Wunsch, sich um Kinder zu kümmern, war bei ihr der ausschlaggebende Punkt.

Und natürlich die Art der Kinderbetreuung in der Tagespflege: „Es ist einfach etwas ganz anderes als die Betreuung in einer Kindertagesstätte“, sagen beide. Die Tagespflege bietet eine Eins-zu-eins-Betreuung im familiären Rahmen, „wie bei der Oma“, formuliert es Gaby Pietsch. „Ich begleite das Kind den ganzen Tag und kann den Eltern genau sagen, wie der Tag für das Kind war und wie es ihm geht.“

Beständigkeit wichtig für die Kinder

Die Zusammenarbeit mit den Eltern sei ebenfalls intensiv: „Man tauscht sich aus, es ist eine Erziehungspartnerschaft“, so Pietsch. „Oft wechseln die Erzieher in den Kitas häufiger, das ist bei uns nicht so, und Beständigkeit ist gerade bei den Kindern unter drei Jahren so wichtig“, sagt Kornelia Wüst. Dabei ist der Bildungsauftrag, den die Tageseltern haben, genau derselbe, den auch Kindertagesstätten haben: „Die Kinder lernen bei uns Sozialkompetenzen, den Umgang mit Konflikten und andere wichtige Entwicklungsschritte.“ Die Bindung, erzählt Wüst, gehe oft über die Betreuung weit hinaus: „Ich habe ganz am Anfang ein Zwillingspärchen betreut, mit denen ich heute noch Kontakt habe.“

Was hat sich in den vergangenen 15 Jahren verändert in der Tagespflege? „Qualitativ sind wir gewachsen“, sagt Gaby Pietsch, „es gibt mehr vorgeschriebene Fortbildungen, und demnach eine höhere Betreuungsqualität bei uns Tageseltern.“ Beide kritisieren jedoch, dass – anders als bei festangestellten Erziehern – diese Fortbildungen bei den selbstständigen Tageseltern in der Freizeit stattfinden, also nicht während der bezahlten Arbeitszeit. „Wir haben natürlich auch ein Interesse an der Weiterentwicklung“, betonen beide, aber es sei oft schwer, die Fortbildungen, inklusive der Vor- und Nachbereitung, in der Freizeit unterzubringen. Ebenso wünschen sich die Tageseltern einen Ausgleich von Urlaubs- und Krankentagen, der in der Selbstständigkeit ebenfalls fehlt.

Ebenfalls höhere Anforderungen gebe es bei der Wohnungsausstattung der Tageseltern. „Es gibt Vorschriften für die Möbel, beispielsweise wie hoch oder groß Tische sein müssen“, erklärt Kornelia Wüst. Natürlich stehe die Sicherheit der Kinder im Vordergrund, aber man betreue in einer häuslichen Situation, in den meisten Fällen im eigenen Heim: „Alle Gefahrenquellen kann man nicht ausschalten, und die Verantwortung liegt ja bei uns.“ Es sei auch wichtig für die Entwicklung der Kinder, zu lernen, Gefahren einzuschätzen und Regen einzuhalten. „Es ist vor allem deshalb frustrierend“, sagt Gaby Pietsch, „wenn man schon zehn, 15 Jahre Tagesmutter ist, und dann ist auf einmal der Tisch zu klein, die Treppenstufen sind zu hoch, und wenn das nicht eingehalten wird, gibt es keine Pflegeerlaubnis.“ Die Pflegeerlaubnis wird vom Jugendamt ausgestellt und ist eine notwendige Voraussetzung für die Arbeit in der Tagespflege.

„Wir sind kein Notnagel“

Was für beide ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit ist: „Wir sind kein Notnagel“, sagt Gaby Pietsch, auf den die Eltern zurückgriffen, wenn sie keinen Platz in einer Kindertagesstätte bekommen haben. „Die Eltern entscheiden sich bewusst für eine Betreuung bei Tageseltern.“ Melden sich die Eltern beim Tageselternverein, so kommt die Anfrage nicht auf eine Warteliste, erklärt Nicole Lauer, die Geschäftsführerin des Vereins: „Vielmehr nehmen wir in einem ausführlichen Gespräch die Anfrage, Bedarfe und Wünsche der Eltern auf und suchen nach einer passenden Kindertagespflegeperson.“

Die Bedarfe seien oft sehr unterschiedlich, vor allem was die gewünschten Betreuungszeiten angehe, darauf versuche man einzugehen. „Derzeit gibt es in den meisten Kommunen im Landkreis genügend Betreuungsplätze, sodass wir in der Regel einen passenden Platz in Wohnortnähe vermitteln können.“ Da dieser Prozess aber seine Zeit dauere, sei es gut, wenn Eltern sich frühzeitig melden.

Kornelia Wüst betont, dass das Angebot von Tageseltern eine wichtige Rolle bei der Kinderbetreuung einer Kommune spielen kann: „Wir sind für Kommunen doch ein günstiges Modell – sie müssen nichts bauen, nichts einrichten, es ist alles schon da.“

Man könne Kommunen entlasten, indem man die Tagespflege zugänglicher mache – „nicht indem man sie durch weitere Vorschriften erschwert.“

Der Tageselternverein Kreis Esslingen

Gründung
Mitte der 90er Jahre unterstützten die Städte Nürtingen, Filderstadt, Esslingen und Kirchheim die Gründung von örtlichen Tageselternvereinen, die sich um den Aufbau häuslicher Betreuungsmöglichkeiten bemühten. 2010 waren die vier separaten Vereine so groß geworden, dass sie von einer ehrenamtlichen Leitung nicht mehr zu tragen waren. Darum gab es den Zusammenschluss zum Tageselternverein Kreis Esslingen.

Zahlen
Im Landkreis betreuen 343 Kindertagespflegepersonen insgesamt 1354 Tageskinder. Bei den meisten der Tageseltern werden vier oder mehr Kinder betreut. Der Großteil betreut im eigenen Zuhause, lediglich 37 Tageseltern betreuen in anderen geeigneten Räumen oder Großtagespflegestellen.

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