Experten sind sich einig
: Nicht jeder gehört auf den OP-Tisch

Bei der Telefonaktion unserer Zeitung haben drei Experten die Fragen der Leserinnen und Leser zum Thema Schmerzen beantwortet - und kritisieren das Gesundheitssystem.
Von
Constantin Fetzer
Göppingen
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GP, NWZ-Konferenzraum: Telefonaktion Schmerztage

Ihr Rat war bei der Telefonaktion unserer Zeitung im Rahmen der Südwestdeutschen Schmerztag sehr gefragt (von links): Dr. med. Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Göppingen. PD Dr. med. Michael A. Überall aus Nürnberg und Dr. med. Philipp Müller-Schwefe aus Göppingen.

Giacinto Carlucci
  • Experten raten bei Schmerzen vor OPs zur genauen Prüfung – nur selten ist sie nötig.
  • In Programmen seit 2015 wurden nur zwei bis vier Prozent der geplanten Rücken-OPs bestätigt.
  • Bei Schmerzen sei oft die konservative, multimodale Therapie besser als ein Eingriff.
  • Operationen an der Wirbelsäule verändern die Biomechanik und können Folgeprobleme auslösen.
  • Kritik am System: OPs sind leicht abrechenbar, intensive Schmerztherapie wird selten finanziert.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die Telefone stehen kaum still. Rückenschmerzen, Nervenschmerzen, Migräne: Die Fragen, mit denen sich Leserinnen und Leser bei der Telefonaktion unserer Zeitung melden, sind vielfältig. Doch ein Thema zieht sich durch zahlreiche Gespräche: Was tun, wenn Schmerzen bleiben und irgendwann eine Operation im Raum steht? Dr. med. Gerhard H. H. Müller-Schwefe und Dr. med. Philipp Müller-Schwefe aus Göppingen sowie PD Dr. med. Michael A. Überall aus Nürnberg raten hier zu genauer Prüfung. Denn längst nicht jeder Befund, der operiert werden kann, muss auch operiert werden – eigentlich die wenigsten. „Es gibt OP-Indikationen, über die man nicht diskutieren kann“, sagt Philipp Müller-Schwefe. Dazu gehören etwa Lähmungserscheinungen, bestimmte Frakturen, Tumore, ausgeprägte Instabilitäten oder ein Druck auf Nerven, der Ausfallerscheinungen verursacht.

Oft ist eine konservative Behandlung der bessere Weg

Anders sehe es aus, wenn vor allem Schmerzen der Grund für einen geplanten Eingriff sind. Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigen spezielle Versorgungsprogramme, an denen die Experten beteiligt sind. Seit einigen Jahren werden dort Patientinnen und Patienten, bei denen wegen ihrer Rückenbeschwerden eine Operation im Raum steht, interdisziplinär untersucht. Schmerzmedizin, Physiotherapie und Psychologie betrachten gemeinsam Befunde, Beschwerden und die Lebenssituation. Das Ergebnis ist bemerkenswert. „Seit 2015 liegt die Quote der Patienten, bei denen wir die Operation tatsächlich bestätigen, zwischen zwei und vier Prozent pro Jahr“, sagt Michael A. Überall. Aktuell liege der Anteil bei etwas mehr als zwei Prozent. Bei der großen Mehrheit sieht das jeweiligs behandelnde Team demnach eine konservative Behandlung als den besseren Weg. Eine Operation sei in fast allen Fällen kein folgenloser Eingriff. Gerade an der Wirbelsäule verändert sie die Biomechanik des Körpers. Werden Abschnitte versteift, müssen benachbarte Bereiche einen Teil der Beweglichkeit übernehmen. Dadurch können dort höhere Belastungen und später neue Beschwerden entstehen. „Die Folgeprobleme, die man sich durch eine nicht ausreichend geprüfte Indikationsstellung einkaufen kann, sind schon heftig“, sagt Philipp Müller-Schwefe.

Intensive Behandlung statt OP

Keine Operation bedeutet allerdings nicht, den Patienten mit seinen Schmerzen allein zu lassen. Genau das sei eine Schwäche, die Betroffene häufig erlebten: Sie gehen von Hausarzt zu Orthopädie oder Neurologie, erhalten Befunde und Medikamente, doch eine gemeinsame Therapieentscheidung fehlt. Auch mehrere Anrufer bei der NWZ schildern solche Erfahrungen. „Oft fehlt die Zeit für eine solche intensive Untersuchung im Alltag bei den Ärzten, nur selten fehlt die Kompetenz“, berichtet Gerhard H. H. Müller-Schwefe, der in Göppingen gemeinsam mit seinem Sohn Philipp ein spezialisiertes Schmerz- und Palliativzentrum betreibt. Der wird deutlicher: „Bei den Hausärzten werden immer mehr Facharztthemen abgeladen, da fokussieren sie sich bei Weiterbildungen und in ihrem Engagement bei begrenzter Kapazität oft und natürlich auf lebensbedrohliche Krankheiten“, erklärt er. Viel zu wenige nähmen sich die Zeit, sich mit dem Thema Schmerzen zu beschäftigen. Viele können sich diese Zeit schlicht nicht nehmen.

Patienten werden von verschiedenen Fachrichtungen untersucht

„Wenn die Entscheidung fällt, keine Operation durchzuführen sondern eine multimodale ambulante Schmerztherapie empfehlen, dann müssen wir auch schnell anfangen zu behandeln“, sagt Philipp Müller-Schwefe. In speziellen Programmen werden die Patienten deshalb von mehreren Fachrichtungen untersucht. „Das ist der Goldstandard, wie man solche Patienten heute behandelt.“ Nur wenige Krankenkassen bezahlen diese Maßnahme, manche nur nach einer Einzelfallentscheidung. Eine Liste halte die Deutsche Schmerzliga bereit.

Die konservative Alternative ist allerdings nicht unbedingt der bequemere Weg. Bewegung, Muskelaufbau, Physiotherapie, Schmerzmedizin und gegebenenfalls psychologische Unterstützung verlangen aktive Mitarbeit. Ziel ist es, Patienten wieder in die Lage zu versetzen, selbst Einfluss auf ihre Beschwerden zu nehmen. „Wenn man den Patienten in die Lage versetzt, sich selbst zu helfen, trainingsfähig zu werden und Muskulatur aufzubauen, dann ist das nachhaltig“, sagt Gerhard H. H. Müller-Schwefe.

Eine fundierte Zweitmeinung ist wichtig

Kritisch sehen die Experten auch Strukturen des Gesundheitssystems. Operationen sind klar abrechenbare Leistungen. Eine intensive konservative Betreuung mit mehreren Fachrichtungen benötigt dagegen viel Zeit und Personal. Dadurch können aus Sicht der Schmerzmediziner falsche Anreize entstehen. Entscheidend dürfe nicht sein, ob ein Eingriff technisch machbar ist, sondern ob er notwendig ist und dem Patienten langfristig nutzt. Umso wichtiger ist eine fundierte Zweitmeinung. Zwar gibt es für bestimmte planbare Eingriffe bereits ein geregeltes Zweitmeinungsverfahren. Die Experten halten es bei chronischen Schmerzen jedoch für problematisch, wenn dabei lediglich vorhandene Unterlagen und Bilder bewertet werden. „Was die Patienten dringend brauchen, ist jemand, der sie untersucht, mit ihnen spricht und das Ganze in die Lebensgeschichte einbindet“, sagt Überall - und diese Zeit für persönliche Untersuchungen werde im System immer knapper.

Neue Erkenntnisse der Schmerz- und Versorgungsforschung

Die Telefonaktion war Teil der 29. Südwestdeutschen Schmerztagen, die in Göppingen stattfinden. Neben einer öffentlichen Veranstaltung am Donnerstagabend, ist zwei Tage lang das Fachpublikum zu einer Fortbildungsreihe in der Hohenstaufenstadt. Rund um das Thema: „Schmerzmedizin im Aufbruch: präziser – individueller – digitaler“ werden neue Erkenntnisse der Schmerz- und Versorgungsforschung sowie ihre Relevanz für die tägliche Arbeit stehen. Renommierte Forschende sowie Versorgerinnen und Versorger haben die Teilnahme zugesagt.