Waldbaden als Wendepunkt
: Sie bekommt die Diagnose Burnout – dann verändert der Wald ihr Leben

Johanna Clasing aus Korntal-Münchingen bekommt die Diagnose Burnout. Dann krempelt sie ihr Leben um, verbringt fast jeden Tag im Wald – mit erstaunlichen Folgen.
Von
Stefanie Köhler
Korntal-Münchingen
Waldbaden: Korntal Münchingen - Johanna Clasings Arbeitsplatz ist der Wald: Dort bietet die Korntal-Münchingerin Seminare und sonstige Veranstaltungen rund ums Waldbaden und Resilienz an, vor allem auch für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen.

Johanna Clasing aus Korntal-Münchingen wohnt nahe des Seewalds. Was der Wald alles bewirken kann, will sie anderen Menschen vermitteln.

Simon Granville
  • Johanna Clasing aus Korntal-Münchingen leitet Waldbaden-Kurse im Seewald und ist fast täglich dort.
  • Ein Burnout veränderte ihr Leben – im Wald fand sie Ruhe, Stabilität und neues Selbstvertrauen.
  • Waldbaden: zwei bis zweieinhalb Stunden mit Achtsamkeitsübungen in kleinen Gruppen bis acht Personen.
  • Studien belegen Effekte: weniger Stresshormone, aktivierter Ruhenerv, niedriger Blutdruck und Blutzucker.
  • Sie bildet sich zur Waldpädagogin fort und arbeitet mit Pflegeheim-Bewohnern, auch in Angeboten zur Demenz.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Eine Kanne Kaffee, Becher, Snacks, Sitzkissen: Wenn Johanna Clasing in den Wald geht, hat sie häufig einen Rucksack dabei und zusätzlich einen Picknickkorb. Die 53-Jährige ist für ihre Ausflüge ins Grüne immer bestens gerüstet.

Denn nur eine Runde durch den Wald spazieren oder joggen ist nicht das Ansinnen der Korntal-Münchingerin. Sie verbringt gewöhnlich viel Zeit dort, genauer: im Seewald. Sowohl allein als auch in der Gruppe. Sie ist fast jeden Tag im Wald. „Der Wald ist für mich ein Kraftort. Ich bin mit ihm verbunden“, sagt Johanna Clasing.

Die Natur habe sie schon als Kind geliebt – in dieser Zeit sei ihr Vater gestorben. Johanna Clasing erzählt, dass sie früher „zu angepasst“ gewesen sei. Unter dem Strich sei einiges nie aktiv aufgearbeitet worden.

Dann stirbt ihr geliebtes Pferd. Ein Jahr danach kommt Johanna Clasing in eine Klinik. Burnout lautet die Diagnose. Vielleicht sei der Verlust ihres Pferdes der Auslöser dafür gewesen. Johanna Clasing spricht von einer „Seelenverbundenheit“ zwischen dem Tier und ihr.

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„Im Wald passiert es automatisch, dass es dem Körper besser geht“

Der Klinikaufenthalt verändert das Leben der Korntal-Münchingerin. Vor der Tür sei Wald gewesen, der sie magisch angezogen habe. Sie habe im Wald gesessen, geschaut, geatmet. „Ohne, dass ich es wusste, habe ich im Wald gebadet.“

Mit erstaunlichen Folgen: Chronischer Stress, so Clasing, führe dazu, dass die Erdung fehle, dass man nicht mehr man selbst sei. Die Zeit im Wald bewirkt eine Veränderung bei Johanna Clasing: „Ich habe mich wieder mehr im eigenen Körper gefühlt und hatte weniger Angst.“ Sie habe mehr Ruhe, innere Stabilität und Selbstvertrauen gefunden. Kurzum: „Im Wald passiert es automatisch, dass es dem Körper besser geht.“

Schnell ist für sie klar: Es müsse möglich sein, daraus eine Profession zu machen. „Diese Faszination von der Natur und ihrer positiven Wirkung auf uns Menschen wollte ich nicht für mich behalten, sondern mit anderen teilen und erleben“, sagt Johanna Clasing.

Sie, die nur einen Katzensprung vom Seewald entfernt wohnt, ist inzwischen nebenberuflich ausgebildete und zertifizierte Kursleiterin für Waldbaden und Natur-Resilienz-Trainerin. Mit Resilienz ist die psychische Widerstandskraft gemeint. Wer resilient sei, sei gegen die Stürme des Lebens besser gewappnet, sagt Johanna Clasing. Sie bietet unter dem Motto „Wald bewegt“ seit rund vier Jahren Vorträge und Seminare an.

Wer mit der 53-Jährigen in den Wald geht, macht das bewusst und intensiv. Das klassische Waldbaden dauere zwei bis zweieinhalb Stunden. „Waldbaden ist mehr als Spazierengehen“, sagt Johanna Clasing. Vielmehr tauche man dabei in den Wald ein und nehme ihn mit allen Sinnen wahr. Auch gehörten etwa Achtsamkeitsübungen dazu. Die Gruppen sind bei der Korntal-Münchingerin maximal acht Personen groß. Sonst gehe die Intimität verloren. „So sein, wie man ist, ist die höchste psychologische Wirkung, die wir im Wald erfahren.“

Der Begriff Waldbaden kommt aus Japan. Shinrin Yoku, wie es dort heißt, praktizieren die Menschen in dem Land seit den 1980er‑Jahren. Längst ist Waldbaden weltweit verbreitet. Zahlreiche Studien belegen, dass sich Aufenthalte im Wald positiv auf Körper, Geist und Seele auswirken. Bereits 20 Minuten bringen etwas: Der Ruhenerv wird aktiviert, Stresshormone sinken, der Blutdruck und der Blutzuckerspiegel ebenfalls. Der Wald gilt als natürliche Medizin und kann gesund machen.

Bäume verströmen heilende Duftstoffe

Johanna Clasing sagt, je länger und intensiver man im Wald sei, desto nachhaltiger seien die positiven Effekte auf Gesundheit und Wohlbefinden. Die Terpene – die Duftstoffe, die Bäume verströmen – nennt sie den „Heiltrunk zum Einatmen“, weil sie das Immunsystem stärken.

Aus Sicht der Korntal-Münchingerin kann der Wald eine Menge: Im Wald ändere sich die innere Haltung zu allem. „Er hilft dir, das eigene Potenzial wieder in den Fluss zu bringen. Er erinnert dich daran, wer du bist und woher du kommst.“ Er stärke das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit. Drer Wald schenke Kraft, Energie, Inspiration und Mut, aber auch Ruhe, Entspannung, Gelassenheit und inneren Frieden.

„Der ‚grüne Seminarraum‘ spielt in der Persönlichkeitsentwicklung – beispielsweise durch praktiziertes Naturcoaching – eine immer größere Rolle. Die Wirkung der Naturumgebung auf die Reflexion der eigenen Lebensthemen ist enorm.“

Angebote auch für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen

Zurzeit lässt sich Johanna Clasing zur Waldpädagogin ausbilden. Denn künftig will sie auch mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. „Ich habe so viele Ideen“, sagt die 53‑Jährige. Das Thema Wald lasse sich im Prinzip Jung und Alt näherbringen. Ihre Angebote richten sich unter anderem an Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Mit der Krankheit, die den Betroffenen die kognitiven Fähigkeiten raubt, kam sie schon in Kontakt, als sie elf Jahre lang in einem Pharmaunternehmen arbeitete. Heute ist Johanna Clasing im Pflegeheim auf dem Roßbühl in Korntal in der sozialen Betreuung tätig und übernimmt außerdem die Gartenaufsicht.

Egal, mit wem Johanna Clasing in den Wald geht: Bäume umarmen, wie es manche machen, steht nicht auf ihrem Programm. Stattdessen lässt sie die Menschen an Bäumen sitzen. „Wer offen ist, kann sich den Bäumen nähern und sich mit ihren jeweiligen Attributen verbinden“, sagt sie. So werde als Beispiel die Buche mit Mütterlichkeit und weiblicher Energie verbunden, wohingegen die Eiche für Kraft und Beständigkeit stehe.

Workshop in der Demenzwoche

Anmeldung Vom 21. bis 27. September ist die bundesweite Woche der Demenz. Im Kreis Ludwigsburg gibt es dazu zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen. Johanna Clasing gibt am Dienstag, 22. September, einen Workshop mit dem Titel „Unter der Laube – Natur erfahren mit Hand und Herz“. Er ist von 15 bis 16.30 Uhr im Pflegeheim auf dem Roßbühl in Korntal. Eine Anmeldung ist bis 18. September nötig, per E-Mail an g.huber@evdiak.de oder telefonisch unter der Nummer 0 70 32 / 2 06 20 24.