Ausstellung zu Hermann Breitenbücher: Erinnerungen an den „Apfelmann“ von Marbach

Die meisten Besucher haben Hermann Breitenbücher gekannt.
avanti/Ralf Poller„Schade, dass es so schnell zu Ende geht“, mit dieser Aussage von Hermann Breitenbücher selbst gelang der Ersten Beigeordneten der Stadt Marbach, Franziska Wunschik, eine bewegende Eröffnung der Ausstellung über den Marbacher, der auch nach seinem Tod kontrovers beäugt wird. Der „Apfelmann vom Göckelhof“ hätte am 3. Dezember seinen 100. Geburtstag feiern können, wäre er nicht 2011 verstorben. Doch eine Schau mit Exponaten, Gemälden und Fotos im Rathaus sorgt stattdessen dafür, dass der eigenwillige, vielseitig interessierte Landwirt, der Jahrzehnte mit seinem Marktstand das Treiben in der Stadt begleitete, nicht so schnell in Vergessenheit gerät.
Dass Wunschiks ein versöhnliches Bild von einem Menschen zeichnete, der trotz guter Zeugnisse und Abschlüsse keine Karriere machen konnte, der bis zum Schluss allein blieb, Kriegserfahrungen und Gefangenschaft verkraften musste und dennoch das Leben so sehr geliebt habe, zeigte sich als sympathischer Start in die einwöchige Ausstellung, deren Eröffnung von drei stimmungsvollen Eigen-Kompositionen begleitet wurde, die Oliver Heise am Keyboard zu Gehör brachte.
Eine Zigarrenschachtel beinhaltet ein Katzenskelett
Währenddessen schaute sich eine Gruppe von Herren – die bei dieser Vernissage in der Überzahl waren – schon mal die Auslagen in einer Vitrine an, die diverse Zeugnisse von Breitenbücher beinhaltet. In einer anderen findet sich Außergewöhnliches: eine Zigarrenschachtel mit Katzenskelett. Beachtlich auch: bis auf zwei Besucher, so wird auf Nachfrage jedenfalls festgestellt, kannten alle Anwesenden Hermann Breitenbücher, der hier im Fokus steht.
Initiiert und umgesetzt wurde die Ausstellung von Stadtarchivar Albrecht Gühring und seiner Mitarbeiterin Fenja Sommer, von Melanie Salzer vom Kulturamt sowie von der Filmemacherin Sabine Willmann, die vor rund 18 Jahren einen Dokumentarfilm über den Apfelmann gedreht hat. Während der vierjährigen Drehzeit entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung zu ihm. Nachvollziehbar, dass ihre Sicht auf den Landwirt eine andere ist, als die wissenschaftliche von Diplomarchivar Steffen Maisch, der zwei Monate lang den Nachlass Breitenbüchers erschlossen hat. Ein Artikel darüber, wie er im Alter zur NS-Ideologie stand, entzündete eine kontrovers geführte Diskussion.
Empfänglich für „alternative Wahrheiten“
Analytisch und klar, mit feinsinnigen Anekdoten und keineswegs ohne Sympathie für den Verstorbenen, teilte Steffen Maisch einen Teil seiner Recherche mit den Gästen. So strickte er am Mittwochabend ein interessantes Kurzplädoyer aus dem Extrakt seiner Erkenntnisse. Diese machten deutlich, wie vielseitig und geschichtsinteressiert der Marbacher war, der Bücher etwa über Afrika, Obstanbau, Marine, Zweiter Weltkrieg oder Politik in seiner Privatbibliothek stehen hatte und der selbst viele Seiten an sich hatte, die heute oft widersprüchlich scheinen.

Der Landwirt Hermann Breitenbücher war mit seinem Marktstand im Stadtleben präsent.
Foto: Stadt MarbachSpannend und fesselnd waren auch die Schilderungen, wie genau Maisch sich einen Zugang zu dem mit einer „feinen Schicht aus Ruß und Kohlestaub überzogenen Nachlass“ verschafft hatte, und wie die vielen Puzzleteile letzten Endes das Bild eines Menschen ergeben, der nicht eindimensional und schon gar nicht leicht zu begreifen ist. Breitenbücher, der eigentlich auf Lehramt studiert hatte, wurde vom Vater zurück gepfiffen, weil dieser Studenten für Taugenichtse hielt. Dieser Konflikt nahm einen großen Raum im Leben des Mannes ein, der noch in den 1980er Jahren plante, nach Paraguay auszuwandern, und der als Bürger der Schillerstadt keinen Hehl aus seinen Meinungen machte. Diese fanden auch Zugang zur Öffentlichkeit, indem er viele Leserbriefe an die örtliche Zeitung schickte.
Trotz seiner Begabung zur Reflexion sei es Breitenbücher jedoch nicht möglich gewesen, „die Erfahrungen und Erlebnisse aus der NS-Zeit kritisch zu hinterfragen“, so das Fazit von Stefan Maisch. „Weil nicht sein sollte, was nicht sein durfte, war er empfänglich für alternative Wahrheiten. Diese fand er unter anderem auch in antisemitischer und geschichtsrevisionistischer Literatur.“
Die Finissage am Mittwoch, 11. Dezember, zeigt um 18 Uhr die Premiere der Kurzversion von Sabine Willmanns Film „Metamorphose – der Göckelhof“, wo Breitenbücher lebte und wo heute das Tobias Mayer Museum steht.