Bosch-Werk in Schwieberdingen
: „Man will Leute loswerden“ – Bosch-Arbeiter über den Druck hinter den Kulissen

Der Stellenabbau bei Bosch in Schwieberdingen (Kreis Ludwigsburg) verunsichert die Mitarbeiter. Einer erzählt von Angst, Kontrollen und einer Drehscheibe, in die niemand geraten will.
Von
Oliver Schaewen
Ludwigsburg
Jetzt in der App anhören

Der geplante Stellenabbau bei Bosch beunruhigt die Mitarbeiter.

IMAGO/Arnulf Hettrich

„Ich schaff beim Bosch und halt mei Gosch“ – diesen Spruch hat Bosch-Mitarbeiter Richard Pohlschmidt jahrzehntelang befolgt. Der Ingenieur surfte mit seiner Abteilung lange auf der Erfolgswelle – jetzt, mit Mitte 50, holt ihn die Realität der Weltwirtschaft ein. Bosch kündigte im September einen erneuten Stellenabbau an. In der Firma greife schon länger ein anderer Umgangston um sich, sagt Pohlschmidt, der dazu nicht länger schweigen will. Er äußert sich aus Angst vor Repressalien aber nur unter einem anderen Namen.

Die Furcht vor einem Verlust seines Arbeitsplatzes begleitet Richard Pohlschmidt – spätestens die Ankündigung von Bosch vor wenigen Wochen, rund 13.000 Stellen abbauen zu wollen, habe auch in seinem Umfeld in Schwieberdingen Alarmstimmung ausgelöst. Am Entwicklungsstandort im Kreis Ludwigsburg will das Unternehmen bis zum Jahr 2030 rund 1750 der etwa 5200 Arbeitsplätze streichen.

Die Gewerkschaften erhalten Zulauf – es kam zu Protesten auf dem Werksgelände.

Foto: Julian Rettig

Bis vor wenigen Jahren blieb Pohlschmidt noch am Arbeitsplatz, während die Kollegen auf die Straße gingen, um für höhere Löhne zu streiken. Das war über Jahrzehnte bequem und vorteilhaft für ihn. Er habe aber seine Einstellung geändert und sei inzwischen der Gewerkschaft beigetreten.

Niemand wisse so genau, wie es weitergehe. Die Arbeitgeber der Autobranche steckten in einem Dilemma: „Das Geschäftsmodell, mit billiger Energie aus Russland Fahrzeuge für die ganze Welt zu produzieren, funktioniert nicht mehr.“ Die Konkurrenz aus China erscheine übermächtig.

Büroanwesenheit werde strenger überwacht

Mittlerweile sei von Repressalien gegenüber Mitarbeitern die Rede, sagt Pohlschmidt. Auch von Gewerkschaftsseite hört man, dass Druck auf die Mitarbeiter gemacht werde und sich Angst verbreite. Das spüre er zwar nicht in seiner Abteilung, sagt Pohlschmidt – in der werde wie bisher weitergearbeitet. Er fühle sich nicht direkt unwohl, sagt der Informant. Allerdings habe sich der Druck „von oben“ verstärkt. Die Homeoffice-Regelung mit einem Verhältnis von 60 zu 40 Prozent zugunsten der Büroanwesenheit werde strenger überwacht.

Einen Fehler an der Stechuhr zu machen oder sich etwas anderes zu schulden kommen zu lassen – davon rate der Betriebsrat dringend ab, erzählt Richard Pohlschmidt. Während früher ein kulanter Umgang das Miteinander von Chefetage und Basis prägte, greife nun ein Klima der Angst um sich: „Die Tendenz geht zur Entlassung – man will Leute loswerden.“ Ob und wann in Schwieberdingen für die 1750 Mitarbeiter Schluss ist, darüber gehen die Meinungen auseinander, erklärt Pohlschmidt. Der Kündigungsschutz gelte für viele Kollegen noch bis 2029. Bosch wolle diesen in möglichst vielen Bereichen nur noch bis 2027 aufrechterhalten.

Pohlschmidt beruft sich dabei auf Aussagen des Bosch-Managements bei einer Versammlung seines Bereichs „vor etwa 500 Mitarbeitern“. Das Unternehmen wollte das am Freitag weder bestätigen noch dementieren und verwies auf die Vertraulichkeit von Verhandlungspositionen.

Auf jeden Fall herrscht Unsicherheit. „Für die meisten Mitarbeiter geht es darum, noch so lange wie möglich auf dem Schiff zu bleiben.“ Pohlschmidt glaubt, dass es nicht mehr nur um einen sozialverträglichen Stellenabbau geht – sondern auch um betriebsbedingte Kündigung. Und die wolle sich niemand einhandeln.

Dass der Firmengründer Robert Bosch vor mehr als 100 Jahren als sozialer Unternehmer Geschichte schrieb und zu den Lichtgestalten der deutschen Industriegeschichte zählt, beseelt Richard Pohlschmidt. Er kaufe immer noch jedes Haushaltsgerät der Marke Bosch und blicke zufrieden auf viele gute Jahre und Erfahrungen im Haus zurück. „Ich würde mich jederzeit wieder für dieses Unternehmen entscheiden.“

Sein Vertrauen erschüttert habe vor allem ein Detail. Die Bosch-Chefs streichen zum 1. Januar 2026 das zusätzliche Monatsgehalt, das Jubilare mit 25 Betriebsjahren oder sogar doppelt mit 40 Betriebsjahren seit mehr als 100 Jahren erhalten sowie die zusätzlichen Urlaubstage. „Da ging es knallhart nach Stichtag – das hat für großen Unmut in der Belegschaft gesorgt.“

Das Familiengefühl droht verloren zu gehen

Wenn Richard Pohlschmidt von den Jubilaren erzählt, wird er fast wehmütig. „Ich habe früher immer zu den Kollegen aufgeschaut, die so lange im Betrieb waren.“ Inzwischen sei er selbst fast drei Jahrzehnte dabei. Das Gefühl, eine große Familie zu sein, drohe in der Krise verloren zu gehen. Allerdings hänge das auch immer von der Führungskraft und dem Teamgeist in den jeweiligen Abteilungen ab.

Sorge bereite ihm der Anblick von Kollegen, die seit einigen Monaten „auf der Drehscheibe“ seien. Es handele sich um Mitarbeiter, die nicht mehr arbeiten und in ein passives Arbeitsverhältnis überführt wurden, um sich mit dessen Hilfe erfolgreich für einen neuen Job zu bewerben. „Diese Menschen sehen fertig aus und sind zum Teil sehr gealtert, weil sie nicht mehr gebraucht werden.“

Das Haus muss abbezahlt werden

Ob er selbst noch bis 67 arbeiten gehen wolle, müsse er sich genau überlegen, sagt Richard Pohlschmidt. Früher habe er Kollegen gesehen, die so lange tätig waren und dann ehrenvoll in den Ruhestand gingen. Inzwischen denke er darüber anders und erwäge, eine Abfindung zu nehmen oder über Altersteilzeit allmählich auszuscheiden.

Allerdings wolle er zunächst bei Bosch weiterarbeiten, auch weil er mit seiner Frau noch das Haus abbezahlen müsse und das Geld dringend brauche. Etwas ganz Neues zu machen, kommt für Pohlschmidt nicht infrage: „Der Stellenmarkt hier im Raum Stuttgart ist einfach dicht.“

Die Firma Bosch

Gründung
Im Jahr 1886 gründete Robert Bosch die „Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik“ in Stuttgart. „Sie ist die Wurzel des heute weltweit agierenden Unternehmens, das von Beginn an durch Innovationskraft und soziales Engagement geprägt war“, teilt das Unternehmen mit Firmensitz in Gerlingen auf seiner Webseite mit.

Größe
Das Unternehmen hatte im Jahr 2023 in Deutschland rund 134.200 Mitarbeiter und erzielte deutschlandweit einen Umsatz von 18,9 Milliarden Euro laut Wikipedia. Bosch hat 468 Tochter- und Regionalgesellschaften in 60 Ländern.

StZ Kreis Ludwigsburg
Montag - Samstag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus Ludwigsburg und dem Kreis im kompakten Überblick: Von Montag bis Samstag schicken wir Ihnen unseren Newsletter mit den fünf beliebtesten Themen unserer Leserinnen und Leser in Ihr E-Mail-Postfach. So bleiben Sie immer auf dem Laufenden.