Erste Frau im Bezirk Enz/Murr in einem Männerteam: Sanja Holetic – die Fußball-Pionierin die eigentlich keine sein will

Sanja Holetic bei ihrem zweiten Einsatz für den TV Möglingen II gegen den TSV Merklingen III.
privatSanja Holetic ist zweifelsfrei eine Pionierin. Die Stürmerin spielt beim TV Möglingen II in der Kreisliga B 4 und damit als erste und bislang einzige Frau im Fußballbezirk Enz/Murr in einem Männerteam. Dabei war das gar nicht ihr Plan – und als eine Vorreiterin sieht sie sich die pragmatische 30-Jährige auch eher nicht.
Denn eigentlich hatte Sanja Holetic unter ihrer Laufbahn als Fußballerin einen Schlussstrich gezogen. Am 8. März dieses Jahres stellte ihr bisheriger Verein, der FV Löchgau, mit sofortiger Wirkung den Spielbetrieb in der Verbandsliga Württemberg ein. Eine Entwicklung, die sich nicht nur durch den Absturz von der Regionalliga bis in die Verbandsliga lange angebahnt hatte.
„Wir hatten in den Jahren zuvor immer mehr Ab- als Zugänge“, erzählt Sanja Holetic, die zu diesem Zeitpunkt mit einem doppelten Bänderiss im Sprunggelenk verletzt ausfiel. An Spieltagen waren maximal zwölf Spielerinnen überhaupt im Kader. Unter anderem auch deshalb musste die gelernte Stürmerin in 18 Spielen als Torhüterin aushelfen.
„Die große Frage, die wir uns gestellt haben: Wieso will niemand nach Löchgau“, erzählt Holetic. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von geringer Aufwandsentschädigung, veralteten Trikots bis hin zur Bevorzugung der niederklassigen Männermannschaft. Den Hauptgrund sieht Holetic jedoch im Wandel der Generationen.
„Für die Mädchen von heute steht der Fußball nicht mehr an erster Stelle“, sagt Holetic. Sie sei nie ein typisches Mädchen gewesen und habe gerne mit den Jungs auf dem Bolzplatz gekickt. Eine Geschichte verdeutlicht den Unterschied zwischen der hauptberuflichen Physiotherapeutin und der nachfolgenden Fußballerinnen-Generation: „An dem Tag, als wir vom Ende in Löchgau erfahren haben, haben die C-Juniorinnen trainiert. Die hatten keine Sporttasche wie ich mehr, sondern Michael Kors Handtaschen.“
Wohl auch ein Grund, weshalb die sechsfache kroatische U-Nationalspielerin nach dem Aus beim FV Löchgau nicht mehr in eine Frauenmannschaft wechselte. „Mein Telefon stand nicht still“, berichtet sie über die Tage, nachdem das Ende der Löchgauer Frauen bekannt wurde. Bei drei Frauenmannschaften absolvierte sie ein Probetraining, doch gepasst hat es nie. „Ich habe es irgendwie nie so richtig gefühlt“, sagt sie.
Traum von der Bundesliga mit dem VfB Stuttgart
Also trainierte sie nach ihrer auskurierten Verletzung vorwiegend zum Spaß bei ihrem Heimatverein TV Möglingen in der zweiten Männermannschaft mit. Dort hatte Holetic bei den Bambini mit dem Fußballspielen begonnen. Bis zur C-Jugend spielte sie Seite an Seite mit Jungs, ehe sie in ein Mädchenteam wechseln musste. „Damals war das ein großes Drama für mich. Ich habe damals gesagt: Ich werde die erste Frau, die bei einem Männer-Team spielt“, sagt sie. Ehe sie 15 Jahre später ihren Worten zwar nicht wie erhofft beim VfB Stuttgart in der Bundesliga, dafür beim TV Möglingen II in der Kreisliga B Taten folgen ließ, musste ein halbes Jahr Überzeugungsarbeit geleistet werden. „Der Trainer hat mich immer erinnert, dass er das nötige Formular für den Verband in der Tasche hätte“, Holetic, die jedoch lange zögerte. Auf der Geburtstagsfeier von Coach Benjamin Weidner gab es dann keinen Ausweg mehr für die Angreiferin. „Sie haben sich vor mich hingestellt und gefragt: Was spricht dagegen, dass du bei uns mitspielst? Da fiel mir nichts ein“, berichtet Holetic lachend. Also unterschrieb sie noch am selben Abend den Antrag auf Spielrecht in einer Herrenmannschaft. Gegen die Spvgg Renningen II gab sie Anfang Oktober dann ihr Debüt im Männerfußball.

Sanja Holetic spielte 2018 gegen die Profis des VfB Stuttgart um den damaligen Flügelspieler Erik Thommy .
Foto: Archiv Pressefoto Baumann/Julia RahnWirklich viel hat sich für sie dadurch nicht verändert. „Die Leidenschaft bei den Männern auch in einer niedrigeren Liga ist die gleiche wie bei den Frauen“, sagt sie. Nur taktisch sei sie in manchen Situationen sogar überlegen, sagt Sanja Holetic, die dreimal für den Kader der kroatischen A-Nationalmannschaft nominiert wurde. Es ist außerdem nicht das erste Mal, dass Holetic mit und gegen Männer spielt. Im Jahr 2018 gehörte sie einer Fanauswahl an, die gegen die Profis des VfB Stuttgart in einem Freundschaftsspiel antreten durfte. Zudem spielte sie auch schon zuvor in ihrer Freizeit gerne in gemischten Teams.
Dass jetzt viele Frauen an ihr oder ihrer ehemaligen Mitspielerin Julia Rudolph, die bei der SKG Botnang in der Kreisliga B Stuttgart/Böblingen spielt, ein Beispiel nehmen, glaubt Holetic nicht. „Ich denke, es wird auch in den nächsten Jahren ein Einzelfall bleiben“, sagt sie. Und wenn es nach ihr geht, dann muss sich das auch nicht ändern: „Der Männerfußball darf Männerfußball bleiben“, meint sie.
