Freiberg am Neckar
: Längste Maultasche, 1111 Sprünge, Meilenstaffel – Eine Stadt sammelt Rekorde

In Freiberg am Neckar (Kreis Ludwigsburg) wurden in den letzten Jahrzehnten besonders viele Rekorde geknackt. Das liegt vor allem an zwei Männern, die immer einen Masterplan haben.
Von
Anna-Sophie Kächele
Ludwigsburg
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Ralf Dickenbrock (links) und Uwe Luckscheiter (rechts) haben schon einige Rekorde organisiert – und gegen den ehemaligen Bürgermeister Dirk Schaible (unten links) schon eine Wette verloren.

Kächele/privat

1989 entscheidet sich der damals 25-jährige Freiberger Dirk Geiger, etwas Verrücktes zu tun. Als ihm ein Freund sagt: Du springst doch so gerne im Hallenbad vom Sprungbrett, „ist innerhalb einer Sekunde eine Schnapsidee entstanden“, erzählt Geiger heute. In 25 Stunden und 11 Minuten springt er 1111-mal vom Drei-Meter-Turm – und weil alles einschließlich der Planung „so am Schnürchen läuft“, zeigt die Uhr beim letzten Sprung 11.11 Uhr. Damals ahnt noch niemand, dass in Freiberg am Neckar noch einige Rekorde aufgestellt werden – manche davon sind bis heute ungeschlagen.

Um zu verstehen, wie eine 15.000-Einwohner-Stadt zu so vielen Weltrekorden kommt, breiten Uwe Luckscheiter und Ralf Dickenbrock Fotos, Urkunden, Zeitungsartikel und das Guinness-Buch der Rekorde auf einem Tisch aus. Es riecht nach alter Druckerschwärze und vergilbtem Papier.

Die zwei Männer stehen hinter einem Großteil der Freiberger Rekorde – und heute geht bei anstehenden Jubiläen fast automatisch die Anfrage an sie heraus: Was könnte man zu dem Anlass besonderes machen? Viele Fragen braucht es nicht, die zwei Freunde könnten Stunden mit Anekdoten füllen und teilen bereitwillig ihre Geheimnisse hinter der Planung solcher Massenereignisse.

„24-Stunden-Aktionen sind eine große Party“

Auf einem Foto ist Ralf Dickenbrock zu sehen, der in der Kabine auf der Tribüne sitzt. Das weiße T-Shirt in die Cargo-Shorts gesteckt, vor ihm Startdaten in einem mintgrünen Heft. Es ist 1993, das Jahr, in dem er den Spitznamen „Chefauswärter“ bekommt. Uwe Luckscheiter nennt ihn heute noch so. In 24 Stunden startet zu jeder vollen Stunde ein Leichtathlet, der einen Zehnkampf absolviert, Uwe Luckscheiter tritt selbst an.

1993: Ralf Dickenbrock behält auf der Tribüne den Überblick.

Foto: privat

Das Ziel: Jeder Sportler ruft mindestens 82 Prozent seiner Bestleistung ab. Mit Erfolg. „Dieses 24 Stunden-Konzept ist eine große Party, es war rund um die Uhr jemand da, manche kamen nachts nach der Disko vorbei“, erzählt Dickenbrock heute, mehr als 30 Jahre später. Dafür, dass das Duo lieber Jahre in die Planung sportlicher Ereignisse steckt, anstatt die freien Abende im Biergarten zu verbringen, gab es aber schon früher Anzeichen.

1979 zieht Ralf Dickenbrock mit 13 Jahren nach Freiberg, Uwe Luckscheiter wohnt in der Nachbarschaft. Ein Dreivierteljahr besuchen sie die gleiche Klasse, bis Luckscheiter eine Ehrenrunde dreht. „Aber das hat gereicht, um sich anzufreunden. Wir haben in der Zeit so viel erlebt“, sagt Dickenbrock. In ihrer Freizeit machen sie viel Sport: der Tomatenstab wird zum Weitwurf-Speer, aus Pappe basteln sie Diskusscheiben, über den Sandkasten spannen sie eine Schnur. Etwas älter gehen sie gemeinsam in die Disko und helfen beim Tanzkurs als Tanzpartner aus. Und schon damals zeichnet sich eine Passion für Rekorde ab: Die Zeit, die sie für das Lösen eines Zauberwürfels gebraucht haben, wissen sie noch heute.

Ralf Dickenbrock und Uwe Luckscheiter sind seit ihrer Kindheit befreundet.

Foto: privat

Während es bei nahezu allen Rekorden um sportliche Leistungen geht, gibt es in Freiberg doch eine Ausnahme: Im Jahr 1997 stellt das Restaurant Rössle – heute von Ramona Rössle in fünfter Generation geführt – die längste Maultasche der Welt her. Mit stolzen 980,65 Metern beginnt dieser Rekordversuch ursprünglich als launige Idee am Stammtisch. Die frischen Maultaschen werden direkt vor Ort an der Stadthalle verkauft und verspeist. „Das wäre heute mit den Vorgaben gar nicht mehr möglich“, sagt Ramona Rommel. Zwar wurde dieser Rekord inzwischen von einem Herrenberger übertroffen, in Freiberg bleibt jedoch ihr Vater der Maultaschenkönig.

Der Emotionale, der Rationale

1999 veranstalten Uwe Luckscheiter und Ralf Dickenbrock mit der „1000 mal 100 Meter“-Staffel ein Event der anderen Größenordnung. „Alle mussten registriert werden und an ihren Platz kommen, während das Rennen läuft“, erklärt Luckscheiter. Also bauen sie eine Brücke über die Außenbahn, die Teilnehmer werden in der Mitte des Stadiums zugeteilt und strahlenförmig an die Start-Stationen verteilt. „Das lief wie eine Infusion“, sagt Luckscheiter. Am Ende sind die Freiberger mit einer durchschnittlichen Zeit von 14 Sekunden für 100 Meter ganze sieben Minuten schneller als der Weltrekordhalter Italien.

Die Männer hinter den Rekorden: Ralf Dickenbrock, der rechnet und den kritischen Blick auf die Planung behält und Uwe Luckscheiter, der Mann an der Front. Über die Jahre haben sie mit ihren Aktionen 82.000 Euro für gemeinnützige Zwecke gesammelt.

Foto: privat

Bei der Planung solcher Rekordversuche kommt den Freunden zugute, dass sie zwei völlig unterschiedliche Charaktere sind. Während Uwe Luckscheiter der Mann an der Front ist, moderiert und bei Kindern schon fast den lokalen Prominenten-Status genießt, behält Ralf Dickenbrock den Überblick, rechnet und hinterfragt, ob der Plan aufgehen kann. „Ich würde es mit niemandem lieber machen, er ist das Brain“, sagt Luckscheiter über Dickenbrock. Das sei auch eines der Geheimnisse, warum Freiberg am Neckar so viele Rekorde geknackt hat: „Wir sind häufig nicht einer Meinung, aber wir planen Jahre im Voraus und wir sehen das Ergebnis von Anfang an vor uns“, sagt Luckscheiter.

Erstes gesellschaftliches Event nach der Pandemie

2022 veranstalten sie die Pendelstaffel: 500 Kinder unter elf Jahren laufen jeweils 20 Meter. Nach zwei Jahren Pandemie ist es für sie seit Langem wieder das erste gesellschaftliche Erlebnis, für die frisch Eingeschulten das erste überhaupt. Jahre später werden Luckscheiter und Dickenbrock noch darauf angesprochen. „Diese Dankbarkeit und Wertschätzung machen die ganze Arbeit wieder wett“, sagt Dickenbrock.

1989 springt Dirk Geiger 1111-mal vom Drei-Meter-Turm. Der Erlös aus der Tombola und Spenden – damals 6500 DM – gehen an die Amsel, eine Einrichtung für Erkrankte an Multipler Sklerose.

Foto: privat

„Das zu erleben, danach haben sich alle gesehnt“, sagt der ehemalige Bürgermeister Dirk Schaible. Er erinnert sich an die elektrisierende Stimmung, an die Vorfreude und Erleichterung der Kinder, an seine Gänsehaut. In seinen 16 Jahren Amtszeit hat er immer versucht, die Vorhaben von Uwe Luckscheiter und Ralf Dickenbrock zu unterstützen. „Die kamen immer mit einem klaren Masterplan“, sagt er. Er sei dankbar gewesen, dass es solche Leute in der Stadt gebe, die nicht lange herumreden, sondern einfach machen.

In 41:01 Minuten holte sich Freiberg 2022 den Weltrekord in der Pendelstaffel. Rechts im Bild: der damalige Bürgermeister Dirk Schaible.

Foto: privat

Während all die Rekordversuche von Grund auf geplant werden, hat sich die Oscar-Paret-Schule 2025 das Ziel gesetzt, einen Rekord zurückzuholen. „Wir haben während den Vorbereitungen gemerkt, wie wichtig das den Leuten ist. Ich hatte eigentlich viele andere Ideen“, sagt Luckscheiter. Der Vorteil an der Meilen-Staffel zum 50. Jubiläum der OPS: es gibt keine Vorauswahl, alle können mitmachen.

Also wandert am 9. April ein Staffelstab durch die Hände von 1761 Schülern, Lehrern, Sponsoren des Freiberger Unternehmerforums, Stadträten – und bekannten Gesichtern wie dem Turmspringer Dirk Geiger. 5 Minuten und 8 Sekunden nach dem Startschuss bricht in der Stadthalle ohrenbetäubender Jubel aus – Freiberg hat sich nach zehn Jahren den Rekord zurückgeholt.

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