Führung des Gerlinger Stadtarchivars
: Unterwegs zwischen Wacholderheide und rutschenden Häusern

Der Leiter des Gerlinger Stadtarchivs, Klaus Herrmann, lässt die wechselvolle Geschichte der Gerlinger Heide bei Führungen lebendig werden.
Von
Brunhilde Arnold
Ludwigsburg
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Mit viel Charme und Humor erzählt Klaus Herrmann (rechts des Schildes) Spannendes aus der Vergangenheit.

Simon Granville

Direkt an der Gemarkungsgrenze zwischen Leonberg und Gerlingen beginnt die Führung, zu der Klaus Herrmann am Samstag eingeladen hat. Der ehrenamtliche Leiter des Gerlinger Stadtarchivs präsentiert einen Plan, der genau zeigt, dass die Stuttgarter Straße noch auf Leonberger Gebiet liegt, die Parkplätze an der Ecke zur Forchenrainstraße aber schon zu Gerlingen gehören.

„Das ist zwar eine komische Grenze, aber die ist historisch gewachsen“, so der Gerlinger, der seit 24 Jahren Interessierten auf Führungen die Stadt zeigt, jedes Jahr in einem anderen Teil der Kommune. Die Runde um die Gerlinger Heide hat der aktive Kommunalpolitiker und frühere Landtagsabgeordnete zwar vor 20 Jahren schon einmal gemacht. Doch das hält an diesem glutheißen Tag rund 50 Neugierige, unter ihnen einige Gemeinderäte wie Jürgen Wöhler, der auch Vorsitzender des Heimatpflegevereins ist, nicht von der Teilnahme ab. Für Klaus Herrmann, der kenntnis- und detailreich die lokale Historie lebendig werden lässt, ist das nicht erstaunlich. „Für den morgigen Sonntag, wenn das Wetter erträglicher ist, rechne ich mit 150 Teilnehmern“, sagt er.

Einst wurde hier der Golfclub gegründet

15 Hektar groß ist heute das Naturschutz- und Naherholungsgebiet Gerlinger Heide, geprägt von Magerrasen, Wacholder und Kiefern. Es erstreckt sich zwischen der Stuttgarter Straße im Süden und der Hermann-Löns- und der Engelbergstraße im Norden. Vor 160 Jahren gab es noch 63 Hektar Heideland auf der Höhe über Gerlingen und Leonberg, erklärt Klaus Herrmann. Doch nach und nach wurden die Flächen bebaut. So wurde dort in den 1920er Jahren der älteste Golfplatz der Region angelegt, dessen Club-Vorsitzender der Industrielle Robert Bosch war. Der Stuttgarter Golfclub Solitude ist inzwischen längst nach Mönsheim umgesiedelt. Der Engelbergturm sei als Wasserhochbehälter in erster Linie gebaut worden, um den Golfplatz zu bewässern, ergänzt Jürgen Wöhler.

Versuche, auf dem Höhenrücken Obst- und Ackerbau zu betreiben, scheiterten am nährstoffarmen, flachgründigen Boden, so Herrmann. Stattdessen rückten Diskussionen um eine Bebauung in den Vordergrund, seit Gerlingen in den 1920er und 1930er-Jahren damit begann, an der nördlichen Hangseite Grundstücke zu verkaufen. Nach dem Bau der Autobahn wurde die Heide 1941 zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. So blieb zumindest eine Restfläche bis heute erhalten.

Wo heute Schafe wohnen, lebten einst Zwangsarbeiter

Klaus Herrmann erinnert auch an die Motocross-Strecke, die es dort in den 1950er-Jahren gab und an die rauschenden Feste der Gerlinger Jugend auf der Heide. Besonders zum 1. Mai haben sich dort zum Schluss Tausende getroffen, bis die Städte Gerlingen und Leonberg im Jahr 2003 beschlossen, diese nicht mehr zuzulassen. Schon lange und immer noch ist die Heide eine ideale Fläche für Schafe. Ein 1973 gebauter Schafstall zeugt noch davon. Der Vorläufer dieses Gebäudes hat eine wechselvolle Geschichte, diente als Arbeitsdienstlager, Freizeitlager für die Hitlerjugend und gegen Kriegsende wurden dort ausländische Zwangsarbeiter untergebracht, die im Engelbergtunnel arbeiten mussten.

Beim weiteren Spaziergang den Nordhang hinunter zum Wohngebiet Forchenrain kommt Klaus Herrmann auf einen wichtigen Aspekt für die Entwicklung von Gerlingen zu sprechen: die Steingruben und Steinbrüche. Schon 1778 wurden Steine von der Gerlinger Heide für den Bau der Ludwigsburger Stadtmauer verwendet, später auch für das Eisenbahnviadukt in Bietigheim. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert habe es durch die Steinbrüche, in denen zeitweise über 100 Männer arbeiteten, einen regelrechten Boom gegeben, der die Einwohnerzahl wachsen ließ, so Herrmann. Der Steinbruch- und der Steingrübenweg zeugen noch davon.

Häuser sinken

Doch die um 1880 endenden Steinbrucharbeiten haben eine bis heute reichende Kehrseite. „Ein Berg zürnt“ steht auf einer geologischen Schautafel am Forchenrain, dort, wo man einen herrlichen Blick weit hinein ins Strohgäu hat. Dort, wo aber auch die Straße eine tiefe Delle hat und die Häuser immer wieder ins Rutschen kommen. Durch die Steinbrüche entstanden große Abraumhalden, auf denen viele Jahre später Häuser gebaut wurden. Die Last dieses Steinbruchschutts brachte eine tief liegende Gesteinsscholle wieder in Bewegung. In der Folge mussten Häuser am Forchenrain bereits abgerissen worden. Das 1925 erbaute Haus Nr. 30 ist laut Klaus Herrmann bis heute bereits drei Meter in die Tiefe gerutscht. Heute müssen die Häuser dort umfangreich gesichert werden.

Die Führung, die Klaus Herrmann mit viel Lokalkolorit, etwa zu den Spitznamen der Steinbruchbesitzer, würzt, wiederholt er am 19. und 20. Oktober.

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