Gerlingen macht Europapolitik
: Nach Wahl in Ungarn: Bürgermeister Brenner behält mit Orden-Eklat Recht

Vor Jahren lehnte Georg Brenner einen ungarischen Orden ab – aus Protest gegen Viktor Orbán. Die aktuelle Wahl gibt seinem Handeln nun neues Gewicht.
Von
Franziska Kleiner
Ludwigsburg
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Georg Brenner beim jüngsten Bundesschwabenball: 2013 machte er als damaliger Bürgermeister Schlagzeilen weit über Gerlingen hinaus.

Simon Granville

Am Vormittag tanzten die Gäste aus dem ungarischen Tata auf dem Gerlinger Rathausplatz, vermittelten den Besuchern des Wochenmarktes ihre Kultur und Brauchtum der Ungarndeutschen. Während hier auch von der Leichtigkeit des Seins etwas zu spüren war, war beim Bundesschwabenball am Abend in der Stadthalle auch Raum für Politik: Die Wahl in Ungarn, die Abwahl des rechtskonservativen Fidesz-Manns Viktor Orbán, die Entscheidung für Europa, die weithin spürbare Erleichterung darüber, vor allem aber das Ende eines offenbar sehr harten Wahlkampfs – sie waren das eine Thema. Die Erinnerungen an ein Politikum vor mehr als einem Jahrzehnt das andere. 2013 hatte der damalige Bürgermeister Georg Brenner (parteilos), den Verdienstorden Ungarns abgelehnt.

In der Folge war er von der damaligen Konsulin der Republik Ungarn, dem aus München angereisten Ehrengast, beim Bundesschwabenball von der Bühne herab abgekanzelt worden. Mehr noch: Brenner sah sich in der Folge plötzlich im Rampenlicht der Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn.

Brenner lehnte ungarischen Orden ab: „Flagge zeigen“

Initiiert hatte die Auszeichnung durch den ungarische Staat damals Brenners Amtskollege in Tata, József Michl, ein Mitglied von Orbáns Fidesz-Partei. Die Abkehr Ungarns von Europa unter Orbán war der Grund, weshalb Brenner nach mehrwöchiger Bedenkzeit den Orden ablehnte. Für ihn sei damals klar gewesen, dass man die Entwicklung nicht weiter unterstützen könne, wie er es damals im Interview mit unserer Zeitung sagte. „Da muss auch der Bürgermeister von Gerlingen Flagge zeigen.“

Ungarn habe innenpolitisch durch eine damals neue Verfassung einen nationalstaatlichen Schwerpunkt gesetzt. Nationalismus aber habe, so Brenner 2013, „in unserem heutigen Europa keinen Platz mehr, sichern wir doch unseren Frieden und unsere wirtschaftliche Stärke durch Anerkennung, Toleranz, gegenseitige Wertschätzung und gemeinsame Werte“.

Kultur- und Brauchtumspflege wird großgeschrieben beim Bundesschwabenball.

Foto: Simon Granville/Simon Granville

Sein Tataer Amtskollege Michl hielt Brenner vor, seine Entscheidung entbehre der „gewohnten und hochgeschätzten deutschen Präzision, Gründlichkeit und Konsequenz“. Brenner vertraue „unsichtbaren, unbekannten und nicht ergründbaren Stimmen“. Eine entsprechende Mitteilung ließ Michl über die ungarische Nachrichtenagentur verbreiten. Und Georg Brenner war plötzlich Thema in ganz Ungarn.

13 Jahre später. Der traditionelle Bundesschwabenball 2026 liegt einige Tage zurück. Die Fahne von Tata am Gerlinger Rathausplatz ist, wie jene mit dem Gerlinger Wappen, eingeholt. Doch die Tage wirken nach. „Ich will nicht als Hellseher auftreten“, sagt Georg Brenner zurückhaltend. Die Entwicklung, die im Ergebnis der Ungarn-Wahl mündete, habe sich – rückblickend auf mehrere Begegnungen mit Ungarndeutschen – geschaut, seit Längerem an der Basis abgezeichnet.

Brenner wirkt einerseits überrascht, dass das 13 Jahre zurückliegende Geschehen noch immer in Köpfen vieler präsent ist. Andererseits nimmt er die Bestätigung für sein damaliges Handeln, die ihm jetzt vor, während und nach dem Ball signalisiert wurde, gerne zu Kenntnis. Schließlich hatte er, der überzeugte Europäer, der die Bedeutung der Städtepartnerschaften immer wieder betonte, sich einst den Vorwurf gefallen lassen müssen, die Freundschaft zu den Ungarndeutschen, die vielfältigen Beziehungen zu deren Landsmannschaft, massiv beschädigt zu haben. Gerlingen ist seit 1969 Patenstadt der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn.

Ungarndeutsche prägen Gerlingen: Eine Verbindung seit Jahrzehnten

Die Ungarndeutschen waren in den 1950er und 1960er Jahren wesentlich am Aufbau der jungen Stadt Gerlingen beteiligt. Das Bewusstsein dafür wurde von den jeweiligen Gerlinger Bürgermeistern – auch Georg Brenner – weitergetragen. Die Verbindung währt länger als die 1987 begründete Städtepartnerschaft mit Tata, einer 25 000-Einwohner-Stadt nordwestlich von Budapest. Brenner pflegte und pflegt diese Verbindung intensiv. Würde sie die Auseinandersetzung aushalten?

Sicher konnte sich der damalige Bürgermeister nicht sein, ob seine Kritiker noch doch Recht haben würden mit ihrer Befürchtung, Brenner würde die Freundschaft in das ungarische Land hinein, zerstören. Er argumentierte, das müsse eine Freundschaft aushalten – wissen konnte er es nicht. Der Gemeinderat stand hinter ihm, auch wenn es verhaltene Stimmen im Ort gab, die den nachhaltigen Bruch befürchteten.

Annäherung mit ungarischem Bürgermeister

Tatsächlich kühlte das Verhältnis zum Tataer Bürgermeister in der Folge deutlich ab. Zwei Jahre später näherten sich die beiden aber wieder an – durch Vermittlung eines anerkannten Vertreters der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn (LdU) aus Ulm.

Beim Bundesschwabenball 2026 war Bürgermeister József Michl zu Gast, ebenso eine hochrangige Delegation des ungarischen Staates. Sie könnten sich gut miteinander unterhalten, freundschaftlich wie früher, sagt Brenner über Michl. „Es ist ein herzliches Verhältnis.“ Die Ungarn-Wahl sei kurz und indirekt ein Thema ihrer Gespräche gewesen. Humorvoll und ohne viele Worte hätten sie sich gegenseitig versichert, nach wie vor eine andere Sicht auf die Dinge zu haben.

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