Historisches aus Marbach: Wegen seiner Weissagungen wurde ein Lehrer verbannt

Keinem Streit abgeneigt soll Simon Studion gewesen sein – Holzschnitt-Porträt von 1593 eines unbekannten Künstlers.
Walter HagenDem Benninger Pfarrer Walter Hagen gilt er als „Vater der württembergischen Altertumskunde“. 1957 erschien sein „Magister Simon Studion. Lateinischer Dichter, Historiker, Archäologe und Apokalyptiker“ in „Schwäbische Lebensbilder“. Simon Studion entdeckte 1579 einen römischen Weihestein in einer Weinkellermauer, der von den „Vicani Murrenses“, den „Dorfbewohnern an der Murr“, im zweiten Jahrhundert nach Christus zeugte. Er fand weitere Steindenkmäler, die er Herzog Ludwig von Württemberg schenkte.
Der stellte sie ab 1593 im Neuen Lusthaus auf – manche wurden Grundstock des Römischen Lapidariums im Württembergischen Landesmuseum. Studion bewegte denn auch Nachfolger Herzog Friedrich von Württemberg auszugraben, was er dort vermutete: ein römisches Militärlager. Er zeichnete Grundrisse und schrieb darüber. „Doch erst 1889 erkannte man durch gezielte Grabungen, dass es sich bei den Mauerzügen um die Überreste eines Kastells handelte“, so die Benninger Homepage. Da wurden im Zuge der Forschung zum Limes, Außengrenze des Römischen Reichs zwischen Rhein und Donau, Ausgrabungen gemacht.
Und Studion? Dem war weder Archäologie noch Dichten in die Wiege gelegt. Am 6. März 1543 erblickte er in Urach das Licht der Welt als erster von vier Söhnen des Kochs Jakob Studion. Als solcher wurde er angestellt am herzoglichen Hof – just im Geburtsjahr des Stammhalters. Dass der wohl in Urach die Lateinschule besuchte, anschließend die Klosterschule Herrenalb, ist einem Hochzeitsgedicht für Jacobus Mercator zu entnehmen. Mindestens 15 solcher Fest- und Trauergedichte in lateinischer Sprache soll Studion, der als Stipendiat des Tübinger Stifts Theologie studierte, verfasst haben. Nur eines wurde gedruckt, die Handschriften liegen in der Württembergischen Landesbibliothek und im Hauptstaatsarchiv Stuttgart.
Mit apokalyptischen Thesen angeeckt
Studion arbeitete – durchaus gut bezahlt – von 1572 bis 1605 als Präzeptor, also Lehrer, in der Lateinschule in Marbach am Neckar, war Vorgesetzter von zwei „Kollaboratoren“. Einer davon wurde sein Sohn Johann Stephan. Lobte die Kirchenobrigkeit anfangs das dreiköpfige Lehrerkollegium für ihre „untadelige Arbeit“ bei jährlichen Visitationen, klagte sie schließlich über Simon Studions Lehre, seine „Unbescheidenheit und Trinkfreude“. Wiederholt habe er Streit vom Zaun gebrochen mit dem Stadtpfarrer, seinem unmittelbaren Vorgesetzten, sowie dem Marbacher Vogt. Ab den 1590er-Jahren erschien er nur sporadisch zum Unterricht, eckte später mit seinem Haupt- und Lebenswerk an, der apokalyptischen, okkulten „Naometria“.
Als Lehrer wurde Studion zwangspensioniert
Der Begriff „Tempelmesskunst“ stammt aus der „Offenbarung des Johannes“. Autor Hagen urteilte in seinem monografischen Text, das sei ein „Wust abenteuerlichster Prophezeiungen ... Man fühlt sich in ein Labyrinth versetzt, aus dem man keinen Ausweg sieht“. Der selbst ernannte Prophet Studion erging sich in zahlenmystischen Spekulationen und steilen Weissagungen. Etwa: Clemens VIII. sei der letzte Papst, würde 1613 mithilfe von Herzog Friedrich von Württemberg gekreuzigt, 1621 käme das Tausendjährige Reich. Papst Clemens starb 1605 eines natürlichen Todes. Zwar hegte Friedrich von Württemberg eine Vorliebe für Geheimwissenschaften und Alchemie, indes waren „Naometria“ und Studions Streitlust zu viel. 1605 ließ er ihn zwangspensionieren. Bis zu seinem Tod, zwischen 1608 und 1610, lebte er verbannt im einstigen Pfründhaus des Klosters Maulbronn.