Invasive Art in Steinheim an der Murr
: Waschbärenplage wird schlimmer – und sorgt für Konflikte

Die Zahl der invasiven Arten im Kreis steigt dramatisch. Allein in Steinheim leben mittlerweile mehrere Hundert Waschbären. Die Säugetiere wühlen im Müll, beschädigen Häuser und gefährden andere Tiere. Doch wer bezahlt den Stadtjäger?
Von
Emanuel Hege
Ludwigsburg
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Elke Everts Wildtierkamera nimmt fast täglich Videos von Waschbären auf. Sie will, dass sich die Stadt um das Problem kümmert.

privat

Seit über einem halben Jahr beobachtet Elke Evert nun schon die Waschbären in ihrem Garten mit einer Wildtierkamera. „Erst war es nur einer, irgendwann hatte er seine Madame dabei. Als die plötzlich einen dicken Bauch hatte, wusste ich direkt, was auf mich zukommt“, sagt die Steinheimerin. Seit April sind die Waschbären-Eltern mit ihren vier Jungtieren fast täglich in ihrem Garten direkt an der Murr unterwegs. Der Johannisbeerstrauch ist leergefressen, die Tomaten schützt Evert jeden Abend mit einer Plane, das Vogelfutter musste die Rentnerin über den Teich hängen, damit die Waschbären nicht mehr herankommen.

Evert erhoffte sich Hilfe vom Stadtjäger, der in den vergangenen Jahren Dutzende Waschbären gefangen hat. „Jetzt verlangt die Stadt aber 100 Euro für eine Beratung des Stadtjägers und die Fallen“, ärgert sich Evert. „Das ist Aufgabe der öffentlichen Hand, es kann nicht sein, dass wir in der Nachbarschaft so alleine gelassen werden.“ Die 100  Euro werde sie nicht zahlen, sagt die verärgerte Steinheimerin.

Bei Nacht suchen die Waschbären in Elke Everts Garten nach Fressen.

Foto: privat

Im ganzen Landkreis steigt die Zahl der invasiven Arten wie Waschbären, Schmuckschildkröten, Nilgänse und Biberratten. Steinheim ist sinnbildlich für diesen Anstieg. Hier leben hunderte Waschbären, die das gesamte Stadtgebiet eingenommen haben. Sie ärgern Menschen und gefährden andere Tiere – und sorgen nun also auch für Konflikte zwischen Bürgern und Behörden. Angesichts des wachsenden Problems im Landkreis wird sich die Frage nach den Kosten wohl immer häufiger stellen.

Die Stadt Steinheim reagierte bereits vor zwei Jahren auf das wachsende Problem und setzte Stadtjäger Volker Schiele ein, der erste seiner Art in der Region. „Die Populationen nehmen immer weiter zu und sind über das ganze Stadtgebiet verteilt“, sagt Schiele. Über 40 Waschbären habe er im vergangenen Jahr gefangen und erlegt, insgesamt könnten aber gut 300 bis 400 der Tiere in Steinheim leben, schätzt Schiele.

Die Waschbären gefährden einheimische Tiere wie Rebhühner oder Wildhasen, sie fressen Eier aus Nestern und übertragen Krankheiten. Laut Schiele können sie unter anderem Nutztiere mit Kuhpocken anstecken sowie Hunde und Katzen mit Krankheiten infizieren. Der sogenannte Waschbärspulwurm kann sogar Menschen gefährlich werden und zum Erblinden führen.

In Steinheim sind die Waschbären aber vor allem wegen ihrer rücksichtslosen Nahrungssuche ein Ärgernis. Laut Berichten des Stadtjägers, der Feuerwehr und Bürgern dringen die Waschbären teils in Häuser ein, klettern auf Dächer, durchwühlen Mülltonnen und Gärten. Die Säugetiere lösten vor wenigen Wochen einen Feuerwehreinsatz in einem Privathaus aus. Bei einem Industrieunternehmen an der Murr haben die Waschbären derweil einen Schaden von bis zu 40 000  Euro angerichtet, als sie sich dort in die Deckenisolierung gegraben haben.

Immense Anstiege bei Waschbären, Nilgänsen und Nutrias

Der Anstieg an invasiven Arten, sogenannten Neozoen, ist ein Problem der ganzen Region. Auf Anfrage mehrerer Grünen-Landtagsabgeordneten um Markus Rösler aus Vaihingen an der Enz, gab das Ministerium für ländlichen Raum diese Woche Zahlen bekannt. In den Kreisen Ludwigsburg und Heilbronn wurden im Jagdjahr 2022/2023 insgesamt 321 Waschbären, 288 Nilgänse und 104  Nutrias erlegt. Acht Jahre zuvor waren es nur 28 Waschbären, keine Nilgänse und zwei Nutrias. Ein „dramatischer“ Anstieg, kommentiert Rösler. Und es wird schlimmer: Diese Woche wurde bekannt, dass der Japankäfer den Kreis erreicht hat und an Obstbäumen und Feldern frisst.

Der Vaihinger Grünenpolitiker Rösler fordert in einer Pressemitteilung ein systematisches Monitoring der invasiven Arten. Die Schäden müssten besser erfasst werden, beispielsweise durch eine Meldeplattform. Zudem müssten die Maßnahmen gegen die Ausbreitung der invasiven Arten besser erforscht und umgesetzt werden.

Offen bleibt, wer zahlt. Der Konflikt in Steinheim zeigt, dass die Frage nach dem Geld künftig immer häufiger kommen wird. Elke Evert sieht die Stadt in der Pflicht, die Kosten für den Stadtjäger-Einsatz in ihrem Garten zu übernehmen. Katrin Sommer, Leiterin des Ordnungsamtes, sieht das anders: Es gebe keine Verpflichtung für Kommunen, invasive Tiere auf privaten Grundstücken auf öffentliche Kosten zu vertreiben.

Für die Leistung von Volker Schiele seien „lediglich“ 100 Euro Aufwandsentschädigung fällig, was Sommer für vertretbar hält. Schiele ist nämlich ehrenamtlich auf Waschbärenjagd, mit der Entschädigung würden weder er noch die Stadtverwaltung etwas verdienen, sagt auch der Stadtjäger. „Davon werden beispielsweise neue Fallen gekauft, den Betrag ist das auf jeden Fall wert.“ Die Bürger müssten ihren Teil beitragen, so die Botschaft. Denn besser werde die Situation in Zukunft wohl nicht, sagt Schiele: „Wir müssen die Entwicklung abwarten, aber ich bezweifle, dass wir das Problem in den Griff bekommen.“

Der Nabu hat einen anderen Standpunkt

Der Waschbär
Wie viele Waschbären es im Landkreis Ludwigsburg gibt, ist nicht bekannt. Sie sind jedoch anpassungsfähig und vermehren sich schnell. Waschbären klettern, schwimmen und erbeuten alles, was für sie leicht zugänglich ist, beispielsweise Regenwürmer, Fische, Amphibien, Vögel und viel pflanzliche Kost. Das macht ihn einerseits zur Gefahr für das jeweilige Ökosystem, andererseits ist er leicht zu fangen. Anders als der Fuchs tritt der Waschbär aufgrund seiner Fressgier meistens in Fallen.

Leben lassen
Der Waschbär gefährdet heimische Tierarten, sagt auch der Naturschutzbund in Baden-Württemberg (Nabu). Es habe sich jedoch gezeigt, dass das Ziel, die Populationen durch Jagd zu verringern, nicht erreicht wurde. Anstatt sie zu töten, sollte man daher versuchen, die Säugetiere in die „Schranken zu weisen“ – beispielsweise durch Elektrozäune und Baummanschetten, um Nutztiere und Vögel zu schützen. „Der Waschbär ist flächendeckend verbreitet, nun heißt es Wege zu finden, mit ihm zu leben“, so eine Sprecherin des Nabu.

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