Juni-Hochwasser 2024
: Erinnerungen an einen Sonntag, der die Region veränderte

Redakteur Emanuel Hege war am 2. Juni 2024 entlang des Neckars unterwegs, um über das Hochwasser zu berichten. Ein Jahr danach blickt er zurück und sieht vor allem eines: Zuversicht.
Von
Emanuel Hege
Ludwigsburg
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Juni 2024: Ein Radfahrer in Freiberg.

Kuhnle

Ich erinnere mich noch genau an die Tage vor dem Hochwasser. Ich saß in der Redaktion und im Home-Office, während unaufhörlich Regen gegen die Fensterscheibe prasselte. Mal fielen schwere Tropfen, mal nieselte es sacht – und das tagelang. Ich wusste, da braut sich etwas zusammen, ich ahnte nicht, was für ein denkwürdiger Sonntagsdienst mir bevorstand.

Schon am Freitagabend spitzte sich die Lage zu: Der Neckar trat an mehreren Stellen im Landkreis über die Ufer. Während ich am Samstag noch das Oberliga-Fußballspiel genoss, standen bereits Straßen in der Region unter Wasser. Die Menschen vor Ort, und auch ich, spürten die zunehmende Bedrohung. Kreisbrandmeister Andy Dorroch sprach von einer „angespannten und ernst zu nehmenden Lage“, eine Task-Force wurde einberufen.

Rems klang nach Gewitter

Als mein Arbeitstag am Sonntag begann, hatte das Hochwasser seinen Höhepunkt erreicht – es gab nur noch ein Thema in der Region. Mir war sofort klar: Ich kann darüber nicht nur vom Schreibtisch aus berichten. Ich musste raus, die Wassermassen selbst sehen und mit den Menschen reden.

Ich setzte mich ins Auto und fuhr nach Remseck. Dort rauschte die Rems mit ohrenbetäubendem Zischen und dumpfem Grollen an Häusern und dem neuen Rathaus vorbei, unaufhaltsam in Richtung Neckar. „Ich bin noch relativ entspannt“, sagte eine Frau, die das Spektakel beobachtete. Sie habe schon andere Hochwasser erlebt, und mittlerweile sei der Ort viel besser geschützt.

Rettungskräfte in Steinheim: Die Feuerwehr und der Katastrophenschutz bekamen nach den Überschwemmungstagen viel Lob.

Foto: Werner Kuhnle

Der Neckar bei Benningen Anfang Juni 2024.

Foto: Werner Kuhnle

Mein nächster Halt war das Marbacher Neckarufer. Die Mitglieder des Rudervereins hatten die ganze Nacht am Vereinsheim gewacht, um ihre Ausrüstung zu retten. Eine der Bootshallen stand unter Wasser. „Das ist halb so wild“, sagte Vereinsmitglied Heike Breitenbücher. „Wir müssen nur alles sauber machen – auch den Platz davor, sonst wird der Schlamm wie Zement.“

Auch Panagiotis „Pana“ Cherakis, Betreiber des Marbacher Biergartens „Bootshaus“, wirkte am Sonntagvormittag bemerkenswert gelassen. „Ich hatte Glück“, erzählte er mir. „Das Wasser stieg bis an den Rand des Gebäudes, zog sich dann aber zurück.“ Beim Abschied rief er mir noch hinterher: „Ich bin sicher, dass ich morgen um 11.30 Uhr hier wieder Gyros und Bier serviere!“

Viele Straßen um den Neckar waren zu diesem Zeitpunkt komplett überflutet. Nur über Umwege erreichte ich gegen Mittag Freiberg. Hier zeigte sich die Wucht des Hochwassers besonders eindrücklich – die Landzunge zwischen Altneckar und Neckar war kaum mehr zu erkennen. „Alle zehn Jahre kriegen wir hier halt eines vor den Latz“, meinte ein Mann gelassen und unterhielt sich wieder mit seinen Nachbarn.

Die Kleingartenanlage in Freiberg steht unter Wasser.

Foto: Werner Kuhnle

Unglück im Unglück

Nach vier Stunden auf der Straße, saß ich wieder am Computer, um meine Eindrücke niederzuschreiben. Doch mein Arbeitstag nahm eine erneute Wendung: Kreisbrandmeister Andy Dorroch meldete am Nachmittag, dass alle Rettungskräfte nach Löchgau und Walheim ausgerückt seien. Der Grund? Ein Starkregen ließ den Baumbach und den Steinbach derart anschwellen, dass diese dutzende Keller fluteten. Ein nicht vorhersehbares Unglück im Unglück.

Ein Jahr nach meinem Sonntagsdienst am 2. Juni kann ich mit Sicherheit sagen: Das war der aufregendste Arbeitstag meiner Laufbahn im Lokaljournalismus. Und er hat mir eines gezeigt – die Auswirkungen des Klimawandels werden uns immer häufiger heimsuchen. Doch ebenso eindrucksvoll ist die Reaktion der Menschen: Gelassen, zuversichtlich, mutig – sie stehen zusammen.

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