KI im Museum Ludwigsburg: Was hätte uns „Otto“ aus dem Jahr 1924 zu erzählen?

Über diesen Fernsprecher können die Besucher mit künstlichen Menschen aus der Vergangenheit telefonieren.
Ludwigsburg-MuseumOtto Wagner ist 26 Jahre alt, kommt aus Frankfurt und arbeitet als Bürokaufmann. Was ich mache, möchte er interessiert wissen. „Journalismus, das klingt interessant“, findet er. „Informiert zu sein, ist ganz entscheidend. Ich versuche immer, die Zeitung zu lesen.“ So etwas hört man doch gerne. Er hat bereits im Krieg gekämpft, er ist politisch interessiert, sportlich und naturverbunden. Nur eines ist Otto Wagner nicht: echt.
Der junge Mann aus dem Jahr 1924 ist Teil eines Projekts zu künstlicher Intelligenz von der Landesanstalt für Kommunikation (LFK) Baden-Württemberg und dem Büro für Medienbildung (BfM), das derzeit im Ludwigsburg-Museum im MIK ausgestellt ist und zum Ausprobieren einlädt. Über einen „Fernsprecher“ können die Besucher mit insgesamt fünf fiktiven Personen aus der Vergangenheit in Kontakt treten und ihnen jede Menge Fragen stellen.
Stimmen und Fotos sind so unecht wie die Personen selbst
Da ist zum Beispiel Elisabeth. Sie ist 40 Jahre alt, „lebt“ im Jahr 1900 und bietet ein möbliertes Zimmer zur Untermiete an. Brigitte Kaiser, eine junge Österreicherin aus dem Jahr 1970, ist frisch nach Rosenheim gezogen und sucht neue Bekanntschaften. Ihr Foto hängt neben den drei anderen rings um ein altes Wählscheibentelefon, dazu eine Zeitungsanzeige mit ihrer ganz persönlichen Geschichte. Nimmt man den Hörer ab und wählt ihre Nummer, meldet sich eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Die Stimmen und Fotos sind dabei genauso unecht wie die Personen selbst. Auch sie wurden KI-generiert.
Nun muss man sagen: Wie eine echte Zeitreise fühlen sich die Telefonate leider nicht an. Die „Personen“ wirken niemals echt, oft wiederholen sie sich und sprechen, als würden sie von einem Teleprompter ablesen. Dafür haben die künstlichen Gesprächspartner tatsächlich ihre ganz eigene Hintergrundgeschichte bekommen. Sie kennen Details über den Ort, in dem sie „wohnen“ und kennen sich mit den Umständen „ihrer“ Zeit gut aus, sodass zum Teil richtige Gespräche möglich sind, wenn man sich darauf einlässt.
Denn die KI antwortet nicht nur auf Fragen, sie stellt zum Teil sogar Gegenfragen. „Allerdings stimmt auch nicht immer alles, was sie sagen“, so Elisabeth Meier, Sprecherin des Ludwigsburg-Museums. „Man muss die Aussagen von KI also immer kritisch hinterfragen.“ Und tatsächlich: Die künstliche Elisabeth erzählt, dass der Bürgermeister ihres Heimatorts Eberswalde Ernst-Friedrich Plate heißt. 1900 war das aber Ernst Hopf – ganze 33 Jahre lang, von 1895 bis 1928. Aber Irren ist ja bekanntlich menschlich.
Mit dem Fernsprecher wollten die Entwickler der LFK und des BfM die Bevölkerung niederschwellig auf das Thema KI aufmerksam machen und zeigen, wie diese eingesetzt wird und was sie leisten kann, erklärt Miriam Brehm, Sprecherin des LFK. „Es galt also, eine Anwendung zu finden, die leicht – auch ohne technische Kompetenzen – zu nutzen ist und neugierig macht.“
Wie geht die KI mit heiklen Themen um?
Das Museum in Ludwigsburg nutzte gern die Chance, den Fernsprecher bei sich aufzustellen. „Wir überlegen immer wieder, wie wir die neuen Möglichkeiten für uns nutzen können“, erzählt Elisabeth Meier. Zum Beispiel bei einem Workshop für Grundschulkinder, bei dem die Jungen und Mädchen Knetfiguren mithilfe von KI zum „Leben“ erwecken konnten. Sie sollten dabei die Chancen und Grenzen der neuen Technologie kennenlernen, ganz besonders was das Darstellen von Emotionen angeht.
Nun ist der Einsatz von KI nicht unproblematisch. Auf der einen Seite stehen die Hilfen und Erleichterungen im Alltag. Auf der anderen das Verbreiten von Falschaussagen, „Deep-Fakes“ oder Missbrauch von geistigem Eigentum. Immer wieder machen zudem Künstliche Intelligenzen Schlagzeilen, weil sie sich rassistisch oder antisemitisch äußern.
„Wir haben bereits bei der Entwicklung des Fernsprechers darüber gesprochen, wie problematische Antworten der KI bei heiklen Themen verhindert werden können“, so Miriam Brehm. Ein internes Regelwerk bei diesem konkreten Modell sorgt zum Beispiel dafür, dass es keine Inhalte unterstützt oder verbreitet, die extremistisch, gewaltverherrlichend oder diskriminierend sind.
Und wie geht sie mit Themen um, die moralisch zwar schwierig, aber bei einem Anruf in die Vergangenheit nicht abwegig sind? Wie reagiert denn „Otto“, wenn man ihn auf das Thema Juden oder Ausländer anspricht? „Zeittypisch, ohne Beschönigung, aber distanziert und nicht hetzerisch“, umschreibt es Miriam Brehm. Und das hört sich dann so an: „Seit dem Krieg und der Inflation hört man leider öfter, dass manche den Juden die Schuld an vielem geben. Ich selbst halte davon nichts, aber es ist wahr, dass in den Kneipen und bei den Versammlungen der Rechten öfter gegen sie gehetzt wird. Es ist keine angenehme Zeit für Minderheiten.“
Der Intelligente Fernsprecher
Anruf in die Vergangenheit
Zur Wahl stehen Personen aus den Jahren 1900, 1924, 1950, 1970 und 2002. Die Besucher können fragen, was immer sie wissen möchten – vom Alltagsleben über die politische Situation, die damals aktuelle Musik bis hin zu Frühstücksritualen oder Erlebnissen aus Kindheit und Jugend.
Sonderausstellung
Der Intelligente Fernsprecher steht noch bis zum 17. Oktober in Ludwigsburg. Das Museum ist immer dienstags bis sonntags täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Die Höhe des Eintrittspreises bestimmt jeder selbst.