Konzertreihe in der Kirche: Himmlische Klänge krönen Marbacher Orgelsommer

Bezirkskantor Andreas Willberg unterhielt die Besucher an mehreren Abenden.
Archiv (avanti)Sonntagabend in der Alexanderkirche: „Das war eine ganz tolle Leistung! Vielen, vielen Dank!“ Mit diesen Worten und einem großen Blumenstrauß würdigte Ralf Schäfer, Zweiter Vorsitzender des Fördervereins Evangelische Kirchenmusik, Bezirkskantor Andreas Willberg. Der hatte nicht nur wenige Augenblicke zuvor mit Bravour das letzte Konzert des Marbacher Orgelsommers beendet. Willberg hatte auch an zwei weiteren Abenden dafür gesorgt, dass trotz Absagen die zahlreichen Besucher in den musikalischen Genuss kamen. Einfach, indem er sich jeweils selber an die Voit-Orgel setzte.
Ausklang des Orgelsommers
Zum Ausklang des Marbacher Orgelsommers am Sonntag war das Motto „Sternenglanz“ angesagt. „Eine musikalische Reise durch die Nacht,“ sagte Willberg. Sie führte nicht nur in himmlische Sphären, sondern auch durch unterschiedliche Musik-Epochen. Zuerst erklang lebhafte Barockmusik, das Präludium und Fugen d-Moll BWV 539 von Johann Sebastian Bach. Dunkel und melancholisch dagegen Karl Höllers (1907 bis 1987) Choral-Passacaglia „Die Sonn hat sich mit ihrem Glanz gewendet“.
Bewegte Ton-Tupfer waren dem Etoile du soir, einer Fantasie über den Abendstern, von Louis Vierne (1870 bis 1937) gewidmet. In die Weite, Großartigkeit und Einsamkeit des endlosen Weltalls entführte Willberg die Zuhörer mit der Filmmusik des Science-Fiction-Dramas „Interstellar“, 2014 von Hans Zimmer geschrieben. Die musikalische Sternenreise krönte der Bezirkskantor mit der gewaltigen Fantasie Max Regers (1873 bis 1916) zum Choral „Wie schön leuchtet der Morgenstern.“ Ein Stück, bei dem Willberg brillierte und demonstrierte, welch enorme Möglichkeiten die Voit-Orgel bietet. Musik mit einem starken theologischen Akzent: Zum Ende siegt die christliche Hoffnung, ein Sturzbach von Tönen vereint sich zu einem ein wahren Triumphgesang.
Der Marbacher Orgelsommer, das zeigte der rege Besuch an allen Tagen, ist eine feste Größe im kulturellen Kalender der Schillerstadt. Ein zusätzlicher Anlass war diesmal das Jubiläum der Voit-Orgel von 1868. Seit 2005 steht sie in Marbach und verzaubert seitdem den spätgotischen Kirchenraum mit ihren Klängen. Wie geplant war indes der Auftakt der Orgelwochen verlaufen. Am 20. Juli hatte Anna Pintér, die auch als Organistin in Oberstenfeld tätig ist, unter dem Motto „Zuversicht“ einen musikalisch-theologischen Akzent gesetzt. Sie spielte Stücke von Johann Sebastian Bach, Franz Liszt und Max Reger.
Zwei Mal musste Willberg dann kurzfristige Absagen von Künstlern bewältigen. Anstelle des Dialogs zwischen Harfe und Orgel erklang ein Jubiläumskonzert für die Voit-Orgel. Noch schwieriger war die zweite Absage; schließlich wollte der Wiener Orgel-Professor Roman Summereder mit Stücken von Mozart, Schumann, Martin und Hindemith die Wirkung und den Einfluss Bachs hörbar aufzeigen. Willberg übernahm auch dieses Programm selber, und er sagte, mit einem Schmunzeln: „Das hat mich zwei Nachtschichten gekostet.“
Was war der Höhepunkt?
Einen optischen wie auch akustischen Höhepunkt bot das Orgelkino am 8. August. Da flimmerte der bekannte Stummfilm „Phantom der Oper“, der vor genau 100 Jahren in die Kinos kam, durch die dunkle Alexanderkirche. Und wie es zur Stummfilmzeit üblich war, wurde die musikalische Begleitung live improvisiert. Dafür sorgte Johannes Mayr, Domorganist der Konkathedrale St. Eberhard in Stuttgart. Meisterliche Klänge bereicherten einen meisterhaften Film – gekonnt, mit Feingefühl, untermalte der mehrfach ausgezeichnete Orgelimprovisator die zunächst beschwingten, dann dramatischen und unheimlich-gruseligen Partien mit aufwühlenden und melancholischen Tönen. Mayr zog buchstäblich alle Register seines Könnens. Ein Hör-Erlebnis der besonderen Art – wie es eben der Marbacher Orgelsommer bietet. Insgesamt zog Andreas Willberg eine positive Bilanz – und erwähnte auch seine 22 Helferinnen und Helfer mit Namen: „Ohne sie wären diese Abende gar nicht möglich gewesen.“