Ludwigsburg zur NS-Zeit
: Hörbuch zur Biografie des Opas – Familie Kling vertont ein Stück Zeitgeschichte

1988 hat Heinrich Kling ein Buch über seine Jugend in der NS-Zeit in Ludwigsburg geschrieben. Seine Enkel haben daraus ein Hörbuch gemacht. Als Geschenk – aber auch als Mahnung.
Von
Maximilian Kroh
Ludwigsburg
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Heinrich Kling (links) als Soldat, rechts seine Enkel bei der Hörbuch-Aufnahme.

privat

Wenn Konrad Kling an seinen Opa Heinrich denkt, hat er einen älteren Herrn vor Augen, der rauchend in der Aula des Ludwigsburger Mörike-Gymnasiums steht. Dort war Heinrich einst selbst Schüler und später gefragter Zeitzeuge, der nicht nur in Konrads Klasse schonungslos und mit mahnenden Worten über die NS-Zeit sprach. „Er hat bei Gleichaltrigen immer bemängelt, dass sie schweigen“, sagt Konrad. „Selbst hat er aber immer ehrlich zugegeben: Ja, ich war damals Nazi.“

Über seine Jugend hat Heinrich Kling nicht nur gesprochen, sondern auch ein Buch geschrieben. „Zeit mit Wunden“ nannte er das Werk, dessen erste Auflage 1988 erschien. In diesem Jahr wäre Kling 100 Jahre alt geworden. Seine Enkel haben das zum Anlass genommen, aus der Biografie des Opas ein Hörbuch zu machen.

Familienmitglieder kommen bis aus Porto

Die Idee wächst über mehrere Jahre und wird auch möglich, weil Daniel Kling, ein weiterer Enkel, an der Filmakademie Sounddesign studiert. Fortan werden die Familientreffen der Klings dazu genutzt, die Buchkapitel einzusprechen. So können auch die Cousins und Cousinen aus Berlin, von der Schwäbischen Alb und sogar aus Porto Teil des Projekts sein. Das Ganze passiert heimlich, denn es soll eine Überraschung für die Eltern werden. „Wir sind ziemlich viele, deshalb konnten wir es auf den Treffen ganz gut verstecken, wenn jemand mal eine Stunde weg war, um etwas aufzunehmen“, erzählt Daniels Bruder Christoph.

Mit seiner Expertise als Sounddesigner überwacht Daniel nicht nur die Aufnahmen, sondern bringt auch Hörspielelemente ein. Bevor das Vorwort beginnt, sind Schritte zu hören, jemand lässt sich in einen Sessel fallen, zündet sich eine Zigarette an und schlägt ein Buch auf. Immer wieder kommen solche Soundeffekte vor – „aber nicht durchgehend, das wäre zu anstrengend“, so Daniel. Und wenn Heinrich Kling beschreibt, wie er über den Volksempfänger die Rede von Joseph Goebbels zum „totalen Krieg“ hört, wird danach ein Ausschnitt aus der Rede eingespielt.

Mittlerweile haben die Klings auf YouTube auch eine Version ohne solche Passagen veröffentlicht, die urheberrechtlich schwierig sind. Denn ursprünglich war das Hörbuch zwar als reines Familiengeschenk gedacht, dafür war der Aufwand aber zu groß und die Themen sind zu aktuell. Nun sollen es mehr Leute zu hören bekommen. „Bei dem Rechtsruck in der Gesellschaft gerade könnte vieles, was im Buch vorkommt, auch von heute sein“, sagt Christoph Kling. „Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, was damals Schreckliches passiert ist.“

Heinrich Kling, der eigentlich Architekt war, schreibt seine Lebensgeschichte in einfachen Worten auf. „Man kann dem leicht folgen, es ist sehr niederschwellig“, findet Christoph Kling. Das sei auch wichtig, weil immer weniger Zeitzeugen noch leben. In Buchform ist die Biografie heute außerdem kaum mehr zu finden. „Ich sehe im Bus aber sowieso niemanden mehr mit einem Buch“, sagt Daniel Kling. „Da sind Hörbücher oder Podcasts viel gängiger.“

Ein Teil der Hörbuch-Macher: Jakob, Daniel, Christoph und Konrad Kling (von links).

Foto: Maximilian Kroh

Die Klings lesen abwechselnd aus dem Buch vor, die Kapitel haben sie sich selbst ausgesucht. In einem, das Jakob liest, erzählt Heinrich Kling vom Geruch, der aus der Nestlé-Fabrik am Ludwigsburger Bahnhof in die Stadt weht, wenn dort geröstet wird. „Das habe ich als Schüler auch manchmal noch gerochen“, sagt der Enkel.

„Nun hast du einen Menschen auf dem Gewissen“

Selbstredend besteht ein Buch über eine Jugend im Zweiten Weltkrieg nicht nur aus glücklichen Kindheitsgeschichten. Christoph Kling liest deshalb eine Episode, von der ihm sein Vater häufig erzählt hat: Wie der Opa im Krieg zum einzigen Mal bewusst einen Menschen tötet. „Ich drücke ab und mit einem Aufschrei fällt der Russe nach hinten. Ich habe einen Menschen getötet“, schreibt Heinrich und liest Christoph Kling. „Während des Kampfes denke ich nicht daran, aber später, als wir zur Ruhe kommen. Nun hast du einen Menschen auf dem Gewissen. Einen blutjungen Russen, auf den wohl zuhause eine Mutter wartet.“

Familie Kling vertont mit der Biografie des Opas ein Stück Zeitgeschichte. Ganz nebenbei bringen sie mit dem Gemeinschaftsprojekt unter Cousins und Cousinen die Familie noch mal ein Stück näher zusammen. Und während sein Bruder Daniel, der die meiste Arbeit damit hatte, still in sich hinein schmunzelt, sagt Christoph Kling grinsend: „Also ich würde es jederzeit wieder machen.“

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