Ludwigsburger Archivchef geht
: Brauchen wir eine NS-Täter-Website, Herr Müller?

Von RAF-Tonbändern bis NS‑Akten – Peter Müller war als Leiter des Staatsarchivs Ludwigsburg für viele der Wegweiser im Dschungel der Dokumente.
Von
Hilke Lorenz
Ludwigsburg
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Nach 23 Jahren Jahren an der Spitze des Staatsarchivs Ludwigsburgs geht Peter Müller zum Monatsende in den Ruhestand.

Simon Granville

Da sitzt ein glücklicher Mensch in der Frühsommersonne. Nicht in seinem Büro, wo es schon ganz leergeräumt aussieht. Sondern in einem der gelben Stühle auf dem Arsenalplatz. Das Staatsarchiv Ludwigsburg im Rücken. Zum Monatsende sagt Peter Müller dem Ort Adieu, an dem 42 Kilometer Akten und somit das in Schriftgut geronnene Gedächtnis der Gesellschaft verwahrt wird. Ein Gespräch über ein Leben mit mittelalterlichen Dokumenten, RAF-Tonbändern, NS-Tätern und -Opfern und der Rolle von Archiven für die Demokratie.

Herr Müller, es gibt einen regelrechten Run auf die Mitgliederkartei der NSDAP, die auf der Homepage des Washingtoner US-Nationalarchivs einsehbar ist. Können Sie sich da beruhigt sagen: Archive werden angenommen. Läuft für uns?

Durch die von den Medien noch einmal aufbereiteten Zugangsportale hat sich der Boom ja noch einmal verstärkt. Da fragt man sich schon: Ist das deutsche Archivrecht zu streng? Hat man nicht doch was versäumt? Wir sind in Ludwigsburg ja immer so verfahren, dass wir alles online stellen, was archivrechtlich möglich ist. Ich muss mir da keine Vorwürfe machen. Aber es gibt in Deutschland sicher Nachholbedarf. Das wird an dem Beispiel sehr deutlich. Es ist allerdings auch eine Befriedigung, wenn man sieht, dass es Auswirkungen hat, wenn man digitalisiert und den Zugang öffnet.

Das bestätigt Sie in Ihrem Tun?

Genau. Vielleicht kann der Erfolg ja bei uns als Katalysator wirken.

Wäre es komplizierter, wenn die NSDAP-Mitgliederkartei in einem deutschen Archiv liegen würde?

Hier muss man die personenbezogenen Interessen beachten. Sie gelten noch zehn Jahre nach dem Tod des Betroffenen. Oder 100 Jahre nach der Geburt. Man bekommt in Deutschland nicht Einblick in alles. Aber es hat natürlich auch vor der Öffnung der NSDAP-Kartei in den USA schon in Deutschland Recherchemöglichkeiten gegeben. Aber offensichtlich ist dies nicht durchgedrungen.

Und eine Parteimitgliedschaft sagt noch nichts über Täter- oder Nicht-Täterschaft.

Ich kenne das aus der eigenen Familiengeschichte. Ich komme aus der Pfalz. Eine so systematische Entnazifizierung wie in der amerikanischen Zone ist in anderen Zonen ja nicht erfolgt. Meine Großtante in der französischen Zone der Pfalz eierte in persönlichen Gesprächen immer rum. Ich habe natürlich versucht, mehr herauszufinden. Aber es gibt keine Entnazifizierungsakte. Jetzt habe ich sie in der NSDAP-Mitgliederkartei gefunden. Das ahnte ich aber bereits, so wie sie sich gegeben hat.

Das Staatsarchiv in Ludwigsburg war demnach ein Arbeitsplatz, an dem vergleichsweise viel Material zur Aufarbeitung der NS-Zeit zu finden ist, weil es in der ehemaligen amerikanischen Zone liegt?

Ja, hier gibt es Unterlagen aus der Entnazifizierung von allen Erwachsenen, die 1945 mindestens 18 Jahre alt waren.

Sie hatten diesen Aktenbestand und dieses große zeitgeschichtliche Thema aber nicht von Anfang an im Blick. Sie sind vom Schwerpunkt Mittelalter in der NS-Geschichte gelandet. Wie das?

Ein grundsätzliches Interesse war schon immer da. Schon früh. Natürlich über das Familiäre. Mein damals noch lebender Großvater war nicht im Krieg. Er hat nicht viel erzählt. Aber die Großtante, die als Krankenschwester im Osten war, schon.

Sie haben Geschichte studiert. Gab's den Berufswunsch Archivar damals schon?

Viele, die mit mir studiert haben, wurden Lehrer. Ich hatte das von Anfang an nicht vor. Ich habe überlegt, in den Journalismus zu gehen. Das war ja aber auch nicht so leicht. Und dann gab es halt diesen einen Archivbesuch bei einer Leseübung während meines Studiums. Dabei sollte man lernen, Originalquellen lesen zu können. Das Mittelalter hat mich interessiert. Die Mediavistin ist mit uns ins Archiv gegangen. Da hat es mich dann gepackt – bei einer mittelalterlichen Pergamenturkunde. Das Haptische des mehrere Jahrhunderte alten Schriftstücks und dass ich es lesen konnte. Ich hatte die Idee: Das gibt es ja auch als Beruf. Zu diesem Zeitpunkt war es aber noch die Faszination des besonders Alten. Und nicht die Zeitgeschichte. Aber erst mal musste ich einen Doktorvater finden und eine Referendarsstelle. Das war alles nicht klar. Aber es hat sich dann so gefügt.

Eine Ihrer Leidenschaften scheint ja zu sein, Menschen in Themen zu locken. Sie legen sehr gezielt Köder aus - etwa durch Facebook-Posts - um Menschen ins Archiv zum Forschen einzuladen. Warum?

Das ist einfach die eigene Neugier. Und meine Offenheit. Und natürlich merkt man dann die Gegenwartsrelevanz von Geschichten. Wenn man sieht, dass vieles schon mal war. Mit NS-Biografien beschäftigt man sich ja vielleicht auch vor dem Hintergrund der Frage, was man für heute daraus lernt, wie sich Menschen in bestimmten Konstellationen verhalten. Auch um nicht hochmütig zu werden, dass einem das selbst nie passieren könnte.

Ludwigsburg - Portrait Peter Müller, Abteilungsleiter im Staatsarchiv Ludwigsburg, der für seine außergewöhnliche Ausstellungs- und Veranstaltungsarbeit und Vernetzung mit Institutionen und Künstlern die Ludwigsburger Kulturehrung bekommen hat.

Foto: Simon Granville

Haben Sie es manchmal vermisst, nicht selbst vertieft forschen zu können?

Wenn ich wirklich wissenschaftlich forschen will, muss ich sehr viel Zeit investieren. Das hält mich aber vielleicht davon ab, die Augen für andere offen zu halten. Ich hatte immer das Gefühl, dass die breite Vermittlung zum Beruf des Archivars gehört und vielleicht sogar wichtiger ist, um die Bedeutung der Archive für die Gesellschaft deutlich zu machen. Man kann ja auch Fährten für andere Wissenschaftler legen.

Dann muss man sich auch nicht entscheiden: Mittelalter oder NS-Zeit?

Manche Kollegen leiden ja ein wenig darunter, wenn sie nicht als Forscher selbst anerkannt werden. Das ist aber ein Missverständnis, denn wir haben ein Spezialwissen, das der Forscher unter Umständen gar nicht hat. Das er aber braucht, um ordentlich forschen zu können. Den Job, im Dschungel der Dokumente der Wegweiser zu sein, kann uns niemand streitig machen.

Leisten Archive, die benutzerfreundlich auftreten, auch einen Beitrag zum Erhalt der Demokratie?

Das glaube ich schon. Es ist ja ein Kennzeichen diktatorischer Systeme, dass es das dort nicht gibt. Weil man nicht will, dass die Menschen sich ihr eigenes Bild machen. Sondern es so sehen sollen, wie es die Herrschenden wollen. Das zeigt der Umgang Russlands mit der Bürgerrechtsorganisation Memorial, deren Mitglieder die Akten der Stalinzeit ausgewertet haben. Und nun als extremistisch gelten.

Es gibt eine digitale Archivplattform zum Thema Wiedergutmachung für NS-Opfer. Auch auf Basis der Ludwigsburger Entschädigungsakten. Sie fordern ein vergleichbares Portal, das die nennt, die geraubt und entrechtet haben, also die Täter.

Das ist im Augenblick nicht geplant. Aber man sieht ja am Beispiel der NSDAP-Datei, dass je einfacher man recherchieren kann, desto eher tut man es auch. Ich sehe da einen gesellschaftlichen und archivpolitischen Auftrag, das nicht aus dem Blick zu verlieren. Man kann jetzt zwar nach der NSDAP-Mitgliedschaft schauen. Aber wo gehe ich hin, wenn ich mehr wissen will? Dann stehe ich wieder in der sehr unterschiedlich erschlossenen, sehr disparat zugänglichen Welt der deutschen Archive. Man muss die Recherchemöglichkeiten kennen, viele Mails schreiben und wertschätzend und wohlwollend aufgenommen werden.

Erinnern Sie sich an Archivnutzer, für die der Archivbesuch in ihrem Leben etwas verändert hat?

Da gibt es so viele Geschichten. Aber ich steh' manchmal beeindruckt vor der Geschichte Chaskel Schlüsselbergs aus Stuttgart, dem Vater der amerikanischen Sängerin und Schauspielerin Eleanor Reissa (ARD-Serie „Die Zweiflers“), in der sich Spuren nach Stuttgart aufnehmen ließen. Er hatte einen Chef, der Parteimitglied war und ihn trotzdem zumindest vor der ersten Deportation nach Auschwitz bewahren konnte. Als Schlüsselberg als einer der wenigen Stuttgarter Auschwitz-Überlebenden nach dem Krieg zurück nach Stuttgart gekomen ist, hat er seinem ehemaligen Chef aus Dank die ihm zugewiesene Wohnung überlassen. Und dann singt seine Tochter bei uns in Ludwigsburg bei meinem Abschied, weil sie hier viel über ihre Familiengeschichte erfahren hat. Es ist einfach immer sehr erfüllend und berührend, wenn man die Bruchstücke einer Biografie in Schwarz-Weiß vor sich hat und plötzlich wird alles sehr lebendig und farbig.

Womit haben Sie sich zuletzt beschäftigt?

Das war die Euthansieausstellung zu den NS-Krankenmorden. Da gab es schon Biografien, bei denen ich mich gewundert habe. Da gibt es eine Geschichte eines Mannes, der schon im Bus nach Grafeneck saß, dann doch weitergeschickt und wieder von der Todesliste gestrichen wurde. Das ist ein Fall, in dem ich mich frage, was in den Ärzten vorgegangen ist. Welche Spielräume für Entscheidungen gab es? Da verschwimmt manchmal, ob jemand ausschließlich Täter war. Hat jemand, weil vielleicht sein Vorgesetzter nicht da war, die Chance ergriffen, anders zu handeln? Das beschäftigt mich: Was tut man in einer Lage, in der man unter existenziellem Druck, vielleicht etwas tut, was nicht den eigenen moralischen Werten entspricht.

Sie haben auch Ausstellungen über Menschen unterstützt, die in der NS-Zeit am Rande der Gesellschaft standen und verfolgt wurden. Eine der letzten war die über queere Menschen. Da haben Sie den Forschenden viele bisher nicht auffindbare Archivmaterialien zugänglich gemacht. Das war ihnen offenbar ein großes Anliegen?

Unbedingt. Für sie war es wegen des schlechten Erschließungszustands besonders schwierig, Dokumente zu finden. Das wird aber auch anerkannt, wenn man versucht, möglich zu machen, was geht. Auch wenn es mit Mehraufwand für den Betroffenen und auch für uns verbunden ist.

Ähnlich war es mit den Tonbandmitschnitten aus dem Stammheimer Baader-Meinhof-Prozess.

Wir standen durch den Druck der Medien vor der Aufgabe, eine Lösung zu finden. Es war bekannt, dass es diese Bänder gab. Sie für nichtexistent zu erklären, hätte einen Skandal ausgelöst. Sie als Gericht zugänglich zu machen, wäre heikel gewesen. Sie ins Archiv zu geben, war besser. Wie es Archivrecht anwendet, ist dann dessen Sache. Das Oberlandesgericht wollte die Bänder sichern. Aber im Hintergrund stand die Bundesanwaltschaft, bei der die Akten als verfahrensführende Stelle lagen. Sie betonte, dass die Bänder nur Hilfsmittel waren. Es sei ausgemacht gewesen, sie nach Abschrift zu vernichten.

Wer hat die Überzeugungsarbeit geleistet?

Das Gericht hat darauf bestanden, zuständig zu sein. Wir mussten uns dann überlegen, wie man die Bänder zugänglich macht. Es gab natürlich Aufregung. Aber der Weg war archivrechtlich sauber. Da konnten wir stolz sein, dass diese tolle Quelle auf diesem Weg in die Öffentlichkeit gekommen ist.

Vermisst werden allerdings noch immer die Stammheimer Gefangenenakten.

Die sind verschwunden.

Es gab einmal eine Überschwemmung dort.

Das ist die Erzählung. Aber es ist ja nicht die einzige Leerstelle. Auch auf der polizeilichen Seite gibt es große Lücken. Das sind Hinweise, dass man doch großzügig entsorgt hat. Das ist nach deutschem Recht ein Verwahrungsbruch. Aber dafür muss man ja den finden, der die Sachen aktiv vernichtet oder den Auftrag erteilt hat.

Werden selbst Sie da mal wütend?

Mit Überlieferungslücken muss der Historiker leben. Natürlich wäre es schöner, wenn es nicht passiert. Es gibt die Fälle, da liegt es an Unkenntnis, weil Menschen noch nicht vom Archivgesetz gehört haben. Aber wenn man den Verdacht hat, dass etwas vertuscht werden soll, wird man auch als Staatsbürger wütend. Andererseits sagt sich der Archivar: Ihr könnt viel vernichten, aber irgendwo findet sich vielleicht doch noch eine Spur im Behördenbriefverkehr. An Stellen, an denen man gar nicht vermutet hat, dass es dort eine Spur hinterlassen hat.

Wenn Sie auf all diese Erlebnisse zurückschauen. Darf man sich Peter Müller dann als glücklichen Menschen vorstellen?

Aber unbedingt. Manchmal wundere ich mich, dass das alles so gekommen ist. Denn es gab ja für meinen Beruf für mich kein Rolemodel.

Zur Person

Peter Müller (66) hat in Mainz Geschichte und Germanistik studiert. Seit 2002 leitete er das Staatsarchiv Ludwigsburg. Zuvor leitete er nach einer Ausbildung im höheren Archivdienst und Stationen in der Landesarchivdirektion das Staatsarchiv Wertheim. Müller promovierte in mittelalterlicher Geschichte. Sein Nachfolger in Ludwigsburg wird zum 1. Juli Michael Aumüller, der derzeit das Grundbuchzentralarchiv leitet.

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