Ludwigsburger Studentin aus Syrien: Von der Geflüchteten zur Sozialen Arbeiterin

Huda Almohamad ist als gläubige Muslima „Gott dankbar, dass ich hier leben und studieren kann“.
Simon GranvilleEine brüchige Frauenstimme meldet sich am Telefon: „Hallo, hier ist Monika Mantel. Ich brauche Ihre Hilfe.“ Die Stimme ist mir vertraut, denn ich kenne Frau Mantel. Sie gehört zu den Menschen, um die sich der mobile Pflegedienst humeditas in Schorndorf kümmert. Seit einem Jahr arbeite ich dort neben meinem Studium.
Sorge um die Söhne, Angst vor der eigenen Hilflosigkeit
Monika Mantel ist 89 Jahre alt und schwach auf den Beinen. Das macht ihr zu schaffen. Ihr Leben lang war sie auf Achse, betreute ihre behinderten Söhne, die blind zur Welt kamen. Inzwischen sind beide in den Sechzigern und leben im Heim. „Es ging nicht mehr anders“, sagt sie. „Ich kann mich ja nicht mal mehr selbst versorgen!“ Sie ist kein wehleidiger Typ, aber neben der Sorge um die Söhne kommt die Angst vor der eigenen Hilflosigkeit, die umso drückender ist, wenn man wie sie Tag und Nacht allein ist.
Hilferufe sind keine Seltenheit in unserem Pflegealltag, wenn Angst und Einsamkeit nicht mehr zu ertragen sind. Das berührt mich sehr und motiviert zu helfen. Und das nicht nur in einer Form, die sich auf Tabletteneingabe beschränkt. Die 45 Mitarbeiter des humeditas Pflegedienst mit Standorten in Göppingen und Schorndorf betreuen 150 Menschen, die noch in eigenen vier Wänden leben. Wir verabreichen Medikamente, verbinden Wunden und unterstützen beim Duschen. Manchmal unterstützen wir auch beim Putzen oder begleiten zum Arzt. Meist helfe ich in der Verwaltung aus. Mir gefällt unser Multikulti und die unterschiedlichen Kompetenzen meiner Kolleginnen und Kollegen. Wir haben examinierte Pflegekräfte, junge Menschen, die noch ausgebildet werden und Ungelernte, jeder und jede mit eigenen Stärken und Schwächen. Was der eine nicht so gut kann, gleicht die andere aus.
Als ich im Jahr 2015 als syrischer Flüchtling mit meiner Familie nach Deutschland kam, hatte ich nie gedacht, dass dieses Land einmal meine Heimat werden würde. Ich bin jetzt 30 Jahre alt, die Älteste von sieben Geschwistern, und wohne seit wenigen Monaten in Aichelberg, zehn Minuten von meiner Familie entfernt, die ich täglich besuche. Meine Eltern haben mich immer ermutigt zu lernen. Ich wusste: Wenn wir die Flucht überleben, würde ich studieren.
Die Flucht war lebensgefährlich
Es war Ende Dezember 2012 um sieben Uhr morgens, als wir uns in Richtung Libanon absetzten. Die Route war lebensgefährlich, weil wir jederzeit Assads Soldaten oder Leuten der Terrororganisation IS in die Arme laufen könnten. Aber wir hatten Monate gehungert, es war kaum noch möglich, sauberes Trinkwasser zu bekommen, Strom hatten wir schon lange nicht mehr. Und von einem Flugplatz in der Nähe unseres Dorfes bombardierte das Militär die Region.
Wenige Tage zuvor war die Grundschule meiner kleinen Geschwister getroffen worden. Wie durch ein Wunder überlebten sie. Es reicht, sagte meine Mutter, wir müssen aus dem Land. Mein Vater fragte uns Kinder, ob wir einverstanden sind. Sie zahlte viel Geld, damit uns ein Schleuser von Idlib im Nordwesten Syriens in den Libanon brachte. Ich war damals achtzehn, meine jüngste Schwester grade ein Jahr alt geworden.
„Im Lager fing ich an, mit Flüchtlingskindern zu arbeiten“
Zwei Jahre wohnten wir in einem Flüchtlingslager im Zelt. Im Vergleich zur Zahl seiner Einwohner hat der Libanon weltweit am meisten Geflüchtete aufgenommen, die meisten Familien fristen ihr Leben unterhalb der extremen Armutsgrenze. Es war die härteste Zeit in meinem Leben. Im Lager fing ich an, mit Flüchtlingskindern zu arbeiten und zu spielen. Manchmal von früh bis spät.
Nach zwei Jahren durften wir nach Deutschland einreisen. Eine unglaubliche Freude! Ich brannte darauf, Deutsch zu lernen und das Abitur nachzuholen. Sobald wir im Flüchtlingsheim in Holzmaden untergekommen waren, bat ich die Grundschullehrerin meiner kleinen Geschwister, mit ihnen den Unterricht zu teilen und somit Deutsch zu lernen. Nachdem meine Mittlere Reife anerkannt wurde, begann ich eine Ausbildung zur Erzieherin. Ich hatte ja im Flüchtlingslager gespürt, dass mir die Arbeit mit Kindern gefiel und lag.
Neben meiner Ausbildung machte ich mein Fachabitur in Nürtingen und studierte in Ludwigsburg das Fach Bildung und Erziehung im Kindesalter mit Bachelor-Abschluss. Inzwischen studiere ich im vierten Semester Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Gesundheit. Im Sommer hab ich den Master, danach möchte ich promovieren.
Gespräche mit älteren Menschen sind für mich von großem Wert. Sie erzählen von Urlaubsreisen ins Allgäu oder an den Bodensee, welchen Menschen sie begegnet sind, ob hilfsbereiten und großherzigen, oder auch neidischen und missgünstigen. Sie berichten, dass sie Lehrer waren, Schreiner, Friseurin – oder Mutter und Hausfrau. So wie Frau Mantel mit ihren blinden Söhnen.
Manchmal spricht Frau Mantel über meine Kolleginnen. Ich merke, wie sensibel sie wahrnimmt, wer sie freundlich fröhlich begrüßt und wer nur schnell fertig sein möchte. Wer die Tasse Tee genervt reicht oder mit einem Lächeln, das weder Zeit noch Geld kostet, aber einen feinen Unterschied macht. Denn bei vielen sind wir der einzige Besuch am Tag, manchmal der einzige in der Woche.
Neulich besuchte ich Herrn Host, um Details zu unserer Pflege zu besprechen. Er lebt allein und seine Tochter wohnt in Australien. Jeden Tag schreibt er ihr eine E-Mail. „Ich erzähle ihr, wie ich geschlafen habe und was ich heute mit Ihnen bespreche.“ Eine Mail jeden Tag. Seine Tochter antwortet jeden Tag. Kümmert sich aus der Ferne, bezahlt online Rechnungen und organisiert Arzttermine, schickt Fotos und kleine Erzählungen von der anderen Seite der Welt. Eine E-Mail pro Tag, die Herr Host täglich schickt und eine, auf die er wartet. Die ihm zeigt, dass er nicht ganz vergessen ist und jemand an ihn denkt. Es zerreißt mir das Herz. Unsere Pflegende können nicht die Familie ersetzen. Sie können nur dafür sorgen, dass sie noch in ihrem Zuhause bleiben können.
Diese Einsamkeit in Deutschland! Ich erlebe, dass alte Menschen jahrelang ohne Kontakt zu anderen sind, uns Pflegende ausgenommen. Manche haben Kinder und Enkelkinder – aber keiner kommt. Was ist da passiert? Ich kann das kaum nachvollziehen, denn mein Leben in Syrien war anders. Jeden Tag besuchte ich nach der Schule meine Großmutter und als sie pflegebedürftig wurde, half ich ihr im Haushalt, kümmerte mich um ihre Bienenstöcke, die Hühner und den Hund. Ihr Haus und das riesige Grundstück mit Obstbäumen waren für mich ein kleines Paradies.
Am meisten liebte ich unsere Gespräche. Sie erzählte mir, wie mein Opa bei einem Unfall starb und sie allein mit neun kleinen Kindern durchkommen musste. Die großen versorgten die kleinen. Als alle später heirateten und Enkelkinder kamen, war die Familie riesig. Sie starb, kurz bevor wir aus Syrien geflüchtet sind. Wir hätten sie nicht zurückgelassen.
Als gläubige Muslima bin ich Gott dankbar, dass ich hier leben und studieren kann. Deutschland ist meine Heimat geworden. Manchmal werde ich angepöbelt, weil ich Kopftuch trage. Neulich sagte einer zu mir: du bist so intelligent, aber mit Kopftuch könnte ich dich nicht einstellen. Der hatte ein hohes Bildungsniveau! Und sagt sowas! Ein anderes Mal erzählte ich, dass ich an der Evangelischen Hochschule studiere und ein Typ sagte: Darfst du das überhaupt mit Kopftuch? Von den allermeisten Menschen werde ich aber akzeptiert und respektiert. Beim Pflegedienst ohnehin.
Nicht immer sind die Klienten lieb. Manche sind gereizt oder aggressiv, beschimpfen und beleidigen uns. Weil sie hilflos geworden sind. Oder fortgeschritten demenzkrank. „Warum bist du in meinem Haus? Sofort raus hier! Ich will keine fremden Menschen hier!“, wurde neulich meine Kollegin angeschrien, als sie der alten Frau unter die Dusche half. Ich telefonierte mit dem Sohn. „Ich schäme mich. Das ist nicht meine Mutter. Sie war immer eine freundliche Frau! Ihre Demenz überfordert uns alle.“ Es tat weh zu hören, wie sehr er unter dem schwindenden Bewusstsein seiner Mutter litt.
In solchen Situationen ergänzen sich Erfahrung als Pflegerin und Wissen aus dem Studienfach Soziale Arbeit. Sensibilität und Einfühlungsvermögen sind wichtig, um komplexen und emotional belastenden Anforderungen der Pflege gerecht zu werden. Deshalb sprach ich mit dem Sohn offen über die Option Heim. Seine Mutter wäre dort nicht mehr so viel allein und es gäbe dort Pflegende, die mit Demenzkranken gut umgehen können. „Ihre Mutter ist nicht böse. Aus ihrer Sicht war die Pflegende eine wildfremde Frau und das machte ihr Angst.“
Wir lernen im Studium auch Grundlagen der Psychologie und Soziologie. Das hilft beim Umgang mit Klienten, aber auch mit Mitarbeitern, Krankenkassen und Heimen. Die Gesellschaft braucht uns, damit Pflege nicht nur professionell, sondern auch menschlich gestaltet wird. Solche Momente des Vertrauens sind es, die meinen Arbeitsalltag besonders machen.
Biografie
Unsere Autorin Huda Almohamad ist im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen. Hinter ihr und ihrer syrischen Familie lag eine lebensgefährliche Flucht. Schon im Flüchtlingslager hat sie mit Kindern gearbeitet – die Grundlage für ihren Wunsch, einen sozialen Beruf zu ergreifen.
Serie
Diese Reportage ist die vierte Folge einer Serie, die in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg entsteht. Sie dreht sich darum, was Studierende der Sozialen Arbeit in ihrem fünften, dem Praxissemester erleben.