Niemals zu alt für große Sprünge
: Kerstin Meyer vom MSC Ingersheim startet mit 54 Jahren beim BMX durch

BMX-Fahrerin Kerstin Meyer vom MSC Ingersheim gewinnt mit 54 Jahren bei den Grand Nationals in den USA in der 20-Zoll-Klasse und verrät, warum man niemals zu alt für Leistungssport ist.
Von
Elke Rutschmann
Ludwigsburg
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Stuttgarter Zeitung

Manchmal, wenn sie Treppen steigt, spürt Kerstin Meyer schon, dass es im Knie zwickt. Aber sobald sie auf ihrem Fahrrad sitzt, sind die Schmerzen wie weggeblasen. Es ist aber nicht irgendein Rad, auf dem sich die Frau vom MSC Ingersheim austobt. Die 54-Jährige aus Nordheim (Kreis Heilbronn) steht auf das Bicycle Moto Cross, kurz BMX-Bike, dem Kraftpaket unter den Rädern: stabiler Rahmen, kurzer Radabstand, hochgezogener Lenker mit verstärkender Querstrebe, kleine 20-Zoll-Laufräder, keine Schaltung und ein äußerst niedriger Sattel.

Die Sportlerin beherrscht ihren kleinen Untersatz immer noch verdammt gut, sprintet über extra angelegte Pisten, gespickt mit Sprunghügeln, fiesen Bodenwellen und engen Kurven. Der Beweis: Bei den Grand Nationals 2024, dem weltgrößten BMX-Hallenrennen in Rock Hill in South Carolina, gewann sie in der 20-Zoll-Klasse in der Kategorie Women 51 Jahre und älter. Und auch im Finale der Cruiser-Women Klasse 51 bis 56 Jahre war sie auf dem 30-Zoll-Rad erfolgreich und wurde Zweite.

Die Ausbeute waren zwei sehr hohe Pokale. 1,80 Meter für Platz zwei und 1,97 Meter für Platz eins ist wahrlich groß. Die Rennen in den USA rundeten ein erfolgreiches Jahr ab, denn Kerstin Meyer sicherte sich zudem den Gesamtsieg in der Cruiserklasse 30 Jahre und älter der deutschen BMX-Bundesliga. Ihre Erfolge sind das Ergebnis von außergewöhnlichem Talent, harter Arbeit, Mut und Respekt gegenüber den Gegnern und den Strecken.

Racerin hat auch eine Passion für Harry Potter

Sie muss das eigentlich nicht mehr machen, sich am Start aus der Höhe auf eine Piste stürzen, um dann rund 40 Sekunden Vollgas zu geben. Alter ist für sie relativ. Genauso wie das Verhältnis von Alter und Leistung im Sport. „Wenn man Spaß und Passion mitbringt, ist man für nichts zu alt und man wächst immer mit den Herausforderungen“, sagt Kerstin Meyer. Mindestens fünfmal die Woche fährt sie in Ingersheim auf „dem wohl schönsten Trainingsgelände Deutschlands“ mit Blick auf die Weinberge ihre Runden, besucht regelmäßig die „Muckibude“, fährt Rennrad. Nur Laufen mag sie nicht. „Wir brauchen für unseren Sport eine ganz spezielle Ausdauer“, sagt Kerstin Meyer. Aber natürlich, räumt sie ein, brauche sie inzwischen längere Regenerationszeiten.

Die Augen hinter der blau eingefassten Brille leuchten, wenn sie über ihren Sport spricht. Sie sitzt in einem Marbacher Café, in dem sie sich eine Belgische Waffel samt Kakao gönnt und einen auf eine kurze Zeitreise mitnimmt. Vor 42 Jahren bekam sie in ihrer Geburtsstadt Berlin ihr erstes BMX-Bike. Es war Liebe auf den ersten Blick. Auf den Straßen baute sie mit Freunden die ersten Rampen, trat dann dem MC Charlottenburg bei, entwickelte die Leidenschaft für den Leistungssport und wurde 1992 erstmals Deutsche Meisterin.

Seitdem sind viele Titel dazugekommen – auch bei Europa- und Weltmeisterschaften. Der BMX-Virus ließ auch nicht los, als sie nach Bremen zog. 1996 war beim Vegesacker BMX-Club ihr erfolgreiches Jahr – jeweils Platz eins bei den Deutschen Meisterschaften und der EM sowie WM-Bronze und Gesamtsiegerin im World-Cup der Ladies.

Kerstin Meyer (vorne) hat die Strecke in Rock Hill im Griff.

Foto: privat

Immer wieder spielt sie mit ihrer Kette, die für eine weitere Leidenschaft in ihrem Leben steht: Neben BMX fährt sie auch auf Harry Potter ab. Mit dem Schmuckstück lässt sich in der Saga mit dem Spruch „Ich schwöre feierlich, ich bin ein Tunichtgut“ die Karte des Rumtreibers zum Leben erwecken und Meyer verrät, dass sie auch gerne Socken mit dem Konterfei des Zauberers trägt. Die bekommt sie von ihrem Mann. Der Liebe wegen ist sie aus dem Norden nach Nordheim bei Heilbronn gezogen. Gerhard Meyer unterstützt sie bei ihrem zeitaufwendigen Hobby, organisiert die Reisen zu den Rennen und macht die Pressearbeit. Wen wundert’s, dass sie ihn beim BMX-Sport kennengelernt hat, denn Gerhard Meyer war Bundesfachwart im Bund Deutscher Radfahrer.

Die Lust zu fliegen treibt sie an

Doch was treibt Kerstin Meyer immer noch an? Es fallen ihr gleich mehrere Dinge ein: Die Lust, aus eigener Kraft zu fliegen, sich immer wieder zu beweisen und weiterzuentwickeln. „Auch technisch bin ich nie stehengeblieben und ich liebe es noch heute, den Double zu springen“, sagt sie. Bis vor einigen Jahren war sie Trainerin beim MSC Ingersheim, heute startet sie für den Club, organisiert dort immer wieder ein Girls-Camp und freut sich, dass ihr Sport inzwischen auch olympisch geworden ist. „Für mich kam das leider zu spät“, sagt Meyer. Auch in diesem Jahr wird sie wieder auf den BMX-Strecken der Welt zu finden sein. Sie ist immer noch auf der Suche nach der perfekten Runde: „Die gibt es nur ein bis zweimal pro Jahr – deshalb habe ich immer noch Potenzial.“

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