Orgelbauer aus Marbach: „Da schlug mein Maschinenbauerherz höher“ – Faible für Pfeifen und Manuale

Ralf Schäfer zeigt stolz seine Miniaturorgeln.
Cornelia OhstManchmal sind im Leben alle Zeichen auf Veränderung gestellt. Und manchmal geschieht dies unerwartet, wie es sich am Beispiel von Ralf Schäfer zeigt.
Der Vater einer 16-jährigen Tochter und zweier Söhne (18 und 13 Jahre) ahnte vor dem Jahr 2020 noch nicht, welche Richtung sein Leben nehmen würde. Lediglich eine innere Leere, die er immer stärker spürte, bemächtigte sich seiner. „Irgendwie war ich unzufrieden. Ich habe mich nicht mehr richtig auf die Arbeit gefreut“, erinnert sich der Marbacher. Er war als Maschinenbauingenieur tätig. Doch sanfte Wellenbewegungen schubsten ihn aus seiner gewohnten Bahn: eine völlig neue Berufsidee kündigte sich an.
So unerwartet, dass er lächelt, wenn er die Geschichte erzählt. Denn Ralf Schäfer, der evangelischer Kirchengemeinderat ist, hatte bei einem Treffen mit dem damaligen Bezirkskantor Hermann Toursel einen eigenwilligen Impuls erhalten. „Er hatte herausgefunden, dass ich gern handwerklich tätig bin und meinte eines Tages völlig spontan, ich solle doch mal eine kleine Tisch-Orgel bauen. Als hätte er geahnt, was in mir schlummerte“, sagt Schäfer.
Denn obwohl der Ingenieur noch nie ein Tasteninstrument gespielt hatte, nahm er die merkwürdige Idee auf und beschäftigte sich mit folgenden Fragestellungen: „Wie sind Orgeln konstruiert und wie funktionieren sie?“ Ralf Schäfer bastelte eine Pfeife und entdeckte in einem Sonderheft für Orgelfreunde sogenannten Orgel-Portative, also tragbare Instrumente. Ein weiterer Fingerzeig: In der Zeitschrift war ein kompletter Zeichnungssatz für eine solch kleine Orgel abgedruckt. „Da schlug mein Maschinenbauerherz gleich höher, und ich dachte, die Fotos in einen einheitlichen Maßstab zu bringen, das bekomme ich schon hin“.
„Sofort auf einer Wellenlänge“
Hat er schließlich auch. Und damit fand nicht nur eine leise Veränderung in ihm statt, weitere Weichenstellungen taten sich auf. Seine Frau Friederike, die Klavier und Orgel spielt, schenkte ihm zum Geburtstag eine Werkstattbesichtigung bei dem Bietigheimer Orgelbauer Friedrich Lieb. Lieb hat 2016 in der Marbacher Stadtkirche eines der erhabenen und wohlklingenden Pfeifen-Instrumente eingebaut. Bei der Begegnung mit Lieb ließ sich der Bauingenieur von dessen Orgelbegeisterung anstecken. „Wir waren sofort auf einer Wellenlänge“, erzählt Ralf Schäfer, und bat um ein Praktikum. „Ich habe mich dabei vor allem mit den Pfeifen beschäftigt“, beschreibt er die Eindrücke. Nun hatte er die Möglichkeit, den Orgel-Profi auch zum eigenen Orgel-Modell zu befragen.
Der Erstling – ein rein hölzernes Werk – steht heute spielbereit zuhause. Aber auch ein zweites portables hat sich hinzugesellt. Eines, auf das Ralf Schäfer mächtig stolz ist. Es repräsentiert nämlich seinen beruflichen Neubeginn und die Anstrengungen der letzten Jahre und wurde erst vor wenigen Tagen – während der viertägigen Prüfung zum Orgelbauer – fertig.
Gesellenstück mit 18 Pfeifen
Das Gesellenstück mit 18 Metallpfeifen und einem hölzernen Seitengehäuse macht deutlich: Ralf Schäfer hat auf seine innere Stimme gehört. Entscheidend dabei war aber nicht allein der Umstand, dass „das Universum die passenden Fäden gesponnen hat, sondern auch der starke Zuspruch meiner Frau Friederike“. Denn es sei schon ein Unterschied, ob man das Gehalt eines Maschinenbauers bekomme oder das eines Auszubildenden. Freilich hat er schon vor dem Berufswechsel in Teilzeit gearbeitet. Ergänzend dazu war er als Hausmann tätig. Das ist bis heute so. Seine Frau ist Vollverdienerin. Geholfen hat der Familie auch, dass der Vater innerhalb eines Abfindungsprogramms aus der früheren Firma ausscheiden konnte.
Doch das Schicksal schlug auch böse zu: „Meine Frau erhielt wenige Tage, nachdem ich gekündigt hatte, die Diagnose Brustkrebs.“ Ein Schock für die Familie, Ralf Schäfer wollte sein Vorhaben platzen lassen. Doch seine Frau empfahl etwas anderes. „Wir wissen doch nie, was in ein paar Jahren sein wird. Mach weiter!“ Heute, nachdem alles gut gegangen ist, ist Schäfer froh über seinen „Akt der Selbstverwirklichung“. Jetzt aber sei seine Frau dran. „Auch meine Kinder spiegeln mir, dass sie mein Glück, beruflich angekommen zu sein, würdigen.“ Es sei fantastisch, „sich sonntags auf den Montag zu freuen, wenn ich wieder in die Orgelwerkstatt gehe“.