Pilotschule in Ludwigsburg
: Mit KI bis zum Abi: Gymnasium profitiert von der neuen Technik

Künstliche Intelligenz wird am Goethe-Gymnasium in Ludwigsburg bereits in vielen Bereichen genutzt. Dabei zeigen sich Vorteile, aber auch Risiken.
Von
Anne Rheingans
Ludwigsburg
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Englisch in der 6a am Goethe-Gymnasium: Lehrerin Nicolett Brust ist vom Nutzen von KI überzeugt.

Simon Granville

Kreide und Overheadprojektor waren gestern. Heute gehören Smartphones und digitale Tafeln zum Schulalltag. Das Goethe-Gymnasium in Ludwigsburg geht sogar noch einen Schritt weiter: Lehrer und Schüler nutzen dort bereits intensiv Künstliche Intelligenz (KI). Dabei zeigen sich Chancen, aber auch Risiken.

Für Nicolett Brust beginnt die Doppelstunde mit einigen Klicks auf dem Laptop und ihrem Tablet. Heute unterrichtet die Lehrerin die Klasse 6a in Englisch. Bevor das Schuljahr endet, muss bei den Sechstklässlern die Zeitform Past Progressive sitzen. In der praktischen Anwendung sollen die Elfjährigen das neue Wissen vertiefen. „Ich habe mit KI ein Rollenspiel für euch vorbereitet“, kündigt die Pädagogin die anstehende Unterrichtseinheit an.

Anfangs überwog die Skepsis

Etwa zehn der insgesamt rund 80 Lehrkräfte im Kollegium setzen bei ihrer Arbeit bereits Künstliche Intelligenz ein. Die Lehrerin für die Fächer Englisch, Deutsch und Sport ist eine von ihnen. Zunächst war sie noch skeptisch. „Der Anfang war schwierig“, erinnert sich Nicolett Brust. Sie musste sich Erklärvideos anschauen und viel herumprobieren. Mittlerweile ist sie vom Nutzen überzeugt. „Ich verwende es nun für alle meine drei Fächer“, sagt sie.

Wenn es nach dem Willen von Alexander Schrammer, dem schulinternen Experten für das Thema, geht, wird bald bis zu 80 Prozent der Lehrerschaft KI in ihrer Arbeit einsetzen. Seit dem aktuellen Schuljahr nimmt das Goethe-Gymnasium als Pilotschule an der Erprobung eines KI-gestützten Chatbots teil, der vom Land für den Einsatz an Schulen entwickelt wurde. Das ist jedoch nur der erste Schritt. „Der Einsatz von KI soll bei uns sukzessive ausgeweitet werden“, sagt Schrammer.

Die Möglichkeiten, die die Software bietet, hat Nicolett Brust in den vergangenen Monaten schätzen gelernt. „Statt einer Dreiviertelstunde brauche ich für die Vorbereitung einer Unterrichtsstunde nur noch eine Viertelstunde“, sagt sie. Sie lässt sich Übungen für den Unterricht erstellen, Hausaufgaben mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden vorschlagen, Gruppenarbeiten und interaktive Elemente für die Schulstunden erarbeiten. Zwar muss die Software mit sinnvollen Schlagworten und genauen Anweisungen gefüttert werden. Oftmals muss die Lehrerin zudem korrigierend eingreifen, wenn die Vorschläge der KI fehlerhaft oder zu schwierig sind. Für Prüfungen sei das Material der Schulbuchverlage den Lösungen der Künstlichen Intelligenz außerdem noch überlegen. Dennoch überwiegen für Nicolett Brust die Vorteile.

Software teilt Gruppen ein und lost aus

Für die Rollenspiele in der heutigen Doppelstunde hat die Software die Mädchen und Jungen in acht Gruppen aufgeteilt. Nachdem die Kinder sich gemeinsam Szenarien ausgesucht und Dialoge verfasst haben, kommt wieder die Technik zum Einsatz. Die KI lost aus, in welcher Reihenfolge die Gruppen ihr Rollenspiel vor der Klasse aufführen sollen. So bleiben der Lehrerin Diskussionen mit den Schülern erspart, wer als erster vortragen darf.

Nach wenigen Klicks der Lehrerin spuckt die intelligente Software die Aufgaben aus.

Foto: Simon Granville

In anderen Stunden lässt Nicolett Brust die Kinder Aufgaben mit ihren Smartphones bearbeiten. „Manche Eltern kritisieren das, weil sie nicht möchten, dass ihre Kinder viel Zeit an diesen Geräten verbringen“, verrät die Lehrerin. Daher bringt sie immer auch immer noch Ausdrucke für diejenigen Schüler mit, die ihre Smartphones nicht dabei haben oder benutzen dürfen.

Aber nicht nur einige Eltern, sondern auch etliche Lehrer haben noch Vorbehalte gegenüber der neuen Technik. Lädt die Künstliche Intelligenz nicht dazu ein, bei Hausaufgaben und Referaten zu betrügen und fremde Leistungen als die eigene zu verkaufen? Dass solche Software zum Schummeln verführt und Risiken birgt, räumt Alexander Schrammer ein. Tatsächlich gebe es immer wieder Verdachtsfälle . „Ich habe zum Beispiel auch schon gemerkt, dass ein Text nicht zu einer Schülerin gepasst hat“, schildert der Lehrer. Das Problem ist, dass der Einsatz von KI nicht klar nachzuweisen ist. Trotzdem habe er im genannten Fall das Gespräch mit der Schülerin gesucht.

Regeln und rechtliche Aspekte müssen klar sein

Für Alexander Schrammer steht fest, dass das Goethe-Gymnasium feste Regeln aufstellen muss, wie und wann Künstliche Intelligenz genutzt werden darf. Auch rechtliche Aspekte wie der Datenschutz spielen bei dem Thema eine Rolle. Eine neue Arbeitsgruppe soll diese Problematik im Auge behalten. Bei einem pädagogischen Tag, der für Anfang November geplant ist, sollen solche Punkte außerdem in großer Runde besprochen werden.

Bei einem Vortrag und in Workshops an diesem Tag wird es zudem darum gehen, dass Wissen rund um die Künstliche Intelligenz und ihre Fertigkeiten innerhalb der Lehrerschaft zu teilen. Schrammer hofft, dass im neuen Schuljahr weitere Kolleginnen und Kollegen von den Vorteilen der KI überzeugt werden. Sein Ziel ist es, dass innerhalb von zwei Jahren rund 80 Prozent des Kollegiums darauf zurückgreift.

Drei weitere Projekte sind bereits geplant

Um das Thema auszuweiten, sind drei weitere Projekte geplant, bei denen die intelligente Software eingesetzt werden soll: bei der Demokratiebildung, im Mentoring zur Förderung von Schülern und im naturwissenschaftlichen Bereich. Außerdem wird sich das Gymnasium bei einem KI-Preis für Schulen bewerben.

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