Schriftstellerin über Ludwigsburg: „Die Bahnhofsuhren stehen still, das finde ich sehr bezeichnend“

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Stuttgarter ZeitungAnfangs konnte es sich Lucia Leidenfrost gar nicht vorstellen: Wochenlang in einer fremden Stadt leben, sich mit deren Geschichte und Menschen auseinandersetzen. „Ich habe eine junge Tochter, wie soll das klappen?“, fragte sich die gebürtige Oberösterreicherin. Dann habe sie jedoch ihre Stipendiatenwohnung in der Karlskaserne besichtigt und erste Runden durch die Stadt gedreht – das Interesse war geweckt, vor allem für die Geschichten der Ludwigsburger Gefängnisse. „Die gibt es immer noch überall – in Wohnungen, in der Kindheit und in den Köpfen“, sagt Leidenfrost
Das Stadtschreiber-Literaturstipendium gibt Schriftstellern und Schriftstellerinnen die Möglichkeit, Ludwigsburg über mehrere Monate zu erleben und darüber zu schreiben. Doch auch für die Bürger ist das Stipendium interessant: Der Blick von außen auf den Mikrokosmos der Stadt bringt interessante Beobachtungen, Lob und Kritik zutage.
Lebendiger als die meisten Städte
„Am Anfang habe ich erst einmal einen Stadtplan ausgebreitet und die Ränder der Stadt erkundet“, berichtet Leidenfrost von ihrer Arbeit. Erst sei sie viel Bus gefahren, dann Fahrrad und irgendwann habe sie die Stadt zu Fuß entdeckt. Mit jeder Fortbewegungsart habe sie Ludwigsburg anders erlebt. Sie habe die Schlossfestspiele besucht und war beim Sommertheater, habe mit Menschen über deren Heimatstadt gesprochen und viel Zeit im Stadtarchiv verbracht.
„Was mir direkt aufgefallen ist: Wie viele Kinder es hier gibt“, sagt Leidenfrost. Auch wegen der Kinder, Jugendlichen und Studierenden sei die Stadt sehr lebendig, lebendiger als andere Städte dieser Größe. Während das Stadtbild eher kleinstädtisch wirke, ähnele das Leben eher dem einer Großstadt. Das liege auch an den vielen Fremdsprachen, die man auf der Straße höre. „Es macht was mit einer Stadt, wenn so viele junge Menschen da sind.“

Bar und Kino auf dem Akademiehof Ludwigsburg: Das Leben in der Stadt gleiche eher dem einer Großstadt, sagt Leidenfrost.
Foto: Jürgen Bach/Jürgen BachDoch das sei nicht die einzige besondere Beobachtung. „Die Menschen bringen einem großes Vertrauen entgegen. „Ich hatte einmal kein Bargeld für meinen Kaffee dabei und meine Karte hat nicht funktioniert. Der Mitarbeiter reagierte locker, dass ich doch beim nächsten Mal bezahlen soll.“ Diese Begegnung beschreibe die Bürger treffend. Die Schriftstellerin hat aber nicht nur Positives zu berichten. „Der Bahnhof ist schlimm und überhaupt nicht einladend. Ich habe bemerkt, dass viele Bahnhofsuhren stillstehen, das finde ich sehr bezeichnend.“ Bezeichnend für die Autoversessenheit der Deutschen sei zudem die Stuttgarter Straße, die Ludwigsburg teilt. Eine Hürde mitten in der Stadt, nur damit der Autoverkehr rollt – für Leidenfrost völlig unverständlich.

Die Stuttgarter Straße (B 27) teilt die Stadt.
Foto: Werner KuhnleLudwigsburg sei eine touristische Stadt, in der aber immer noch die Einheimischen das Stadtbild bestimmen und dabei Tausende individuelle Geschichten schreiben. Als sie auf der Straße gehört habe, wie ein Paar in der Wohnung stritt, sei ihr ein interessanter Kontrast aufgefallen. Die Barockstadt, ein Ort des Wohlstands und der Schönheit, war in ihrer Geschichte immer auch freiheitsberaubend. Sei es durch die Monarchie, die hierarchisch strukturierte Stadtgesellschaft oder durch das erste Gefängnis Württembergs, das in Ludwigsburg ein neues Zeitalter der Strafverfolgung einläutete.
„Gefängnisse gibt es immer noch, nur eben nicht so offensichtlich.“ Man steckt in Beziehungen fest oder in den eigenen, kreisenden Gedanken. Aber auch Lebensphasen wie das Alter oder die Kindheit schränken Menschen ein. Der Kontrast zwischen der Schönheit der Stadt und der Dunkelheit der realen und symbolischen Gefängnisse trete in Ludwigsburg besonders stark hervor.
Schriftstellerin und Werk
Zur Person
Leidenfrost wurde 1990 in Österreich geboren, studierte in Tübingen und wohnt in Herrenberg. Sie hat zwei Bücher und weitere Kurzgeschichten veröffentlicht.
Das Ergebnis
Die Schriftstellerin wird ihre Arbeit während des Ludwigsburger Literaturfestivals Wortwelten zwischen dem 8. und 13. Oktober vorstellen.
