Schulpflicht für Flüchtlinge
: Berufsschulen schlagen Alarm – „Gibt Jugendliche, die noch nie eine Schule besucht haben“

Auch für Flüchtlinge im Alter zwischen 15 und 18 Jahren gilt eine Berufsschulpflicht. Doch die Schulen im Landkreis Ludwigsburg können die Nachfrage kaum noch bewältigen.
Von
Sabine Armbruster
Ludwigsburg
Jetzt in der App anhören

Der Gesamtschulleiter Oliver Schmider sagt, man habe für die Beschulung junger Flüchtlinge zu wenig Räume und Lehrkräfte. Die Situation sei dramatisch.

Werner Kuhnle

Die sechs Berufsschulen im Landkreis Ludwigsburg haben ein massives Problem: Sie sind mit der Beschulung junger Flüchtlinge zwischen 15 und 18 Jahren, die keine oder kaum deutsche Sprachkenntnisse haben, überfordert und können dieser Pflichtaufgabe kaum noch nachkommen. „Wir strengen uns unheimlich an, aber wir haben überall ein Ressourcen- und Kapazitätsproblem“, sagt Oliver Schmider. Er ist nicht nur der Leiter der Erich-Bracher-Schule in Kornwestheim, sondern auch Gesamtschulleiter der Berufsschulen im Landkreis Ludwigsburg. Und er weiß, wo in Ludwigsburg und Bietigheim-Bissingen der Schuh drückt. „Wir wissen zum einen nicht, wo wir die Jugendlichen räumlich unterbringen sollen, zum anderen gibt es für das Fach Deutsch so gut wie keine Lehrkräfte mehr. Aufgrund der Situation der letzten zwei Jahre ist der Lehrermarkt abgegrast.“

Auf dem Papier liest sich das Ganze zwar recht einfach. Für junge Flüchtlinge gibt es die sogenannten VABO-Klassen. Das steht für „Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen“. Am Ende des Schuljahrs steht eine Deutschprüfung in A2/B1 – wobei B1 für gute Sprachkenntnisse und A2 für vertiefte Grundsprachkenntnisse steht. Doch das ist graue Theorie. Die Praxis sehe ganz anders aus, klagt Schmider: „Es gibt Jugendliche, die noch nie eine Schule besucht haben und erst einmal alphabetisiert werden müssen.“

Kulturelle Hürden verstärken das Problem

Hinzu komme die kulturelle Thematik: „Wer beispielsweise aus einem afghanischen Bergdorf kommt und jetzt in unserem dicht besiedelten urbanen Raum lebt, der ist mit vielem überfordert. Das macht auch die Betreuung abseits der Schule zunehmend schwierig.“ Die jungen Leute müssten sich zudem erst einmal an einen Schulrhythmus gewöhnen und pünktlich kommen. In den Ländern, aus denen die Mehrzahl der jungen Flüchtlinge stamme – Syrien, Irak und Afghanistan – gebe es kein richtiges Schulsystem. Die Folge seien „rudimentärste Kenntnisse“. Doch auch Angehörige ethnischer Minderheiten aus dem Balkan oder in der Ukraine hätten oft noch nie eine Schule von innen gesehen. Und selbst wenn Vorkenntnisse vorhanden seien, müsse man nicht nur die deutsche Sprache unterrichten, sondern beispielsweise auch Dinge wie den Geldwert erklären. „Da kann man nicht nach den klassischen Bildungsplänen vorgehen.“

Die Vorstellung, dass die Schüler nach einem Jahr schon in eine sogenannte AV-Dual-Klasse gehen könnten, sei daher in den allermeisten Fällen eine Illusion. „Die Verweildauer ist deutlich länger; für die VABO kann man mit bis zu drei Jahren rechnen, für die dann folgende AV Dual – Ausbildungsvorbereitung Dual, für die Nachfrage ebenfalls riesig ist, – kommt dann noch mal ein Jahr obendrauf“, rechnet Schmider vor. Weil die Kenntnisse nach einem Jahr in der Regel nicht ausreichten, seien die 20 VABO-Klassen, die es im neuen Schuljahr wieder geben werde, bereits jetzt zur Hälfte belegt. „Der Stau baut sich immer weiter auf.“ Das sei nicht nur eine Belastung für die Schulen, man werde auch den jungen Menschen nicht gerecht. Zudem gebe es Wartezeiten von „locker bis zu einem halben Jahr“.

Situation noch dramatischer als vor knapp zehn Jahren

Mit einer Besserung rechnet Schmider jedoch nicht. „Wir sind alle hilflos. Aus meiner Sicht ist die Situation noch dramatischer als 2015/2016. Ich merke nicht, dass man irgendwelche Lehren gezogen hat.“ Dafür spricht auch die Rückmeldung aus dem staatlichen Schulamt in Ludwigsburg, das für das kommende Schuljahr die Zahlen zum Übergang aus den Vorbereitungsklassen der Sekundarstufe I an die beruflichen Schulen erhoben hat. „Demnach wechseln zum Schuljahr 2024/2025 voraussichtlich 44 Schülerinnen und Schüler von einer Vorbereitungsklasse in das VABO und 19 Schülerinnen und Schüler in das AV Dual“, so die Schulamtsdirektorin Sabine Conrad. Ganz genau könne man das aber nicht sagen, da individuell geprüft werde, ob ein Abschluss an der besuchten allgemeinbildenden Schule auf absehbare Zeit möglich erscheine oder ob eine Entscheidung für den Wechsel an die berufliche Schule der geeignetere Weg sei.

Dem Kultusministerium sei bewusst, dass „die Situation herausfordernd“ ist, teilte eine Ministeriumssprecherin mit. Es sei aber möglich, den Stundenplan nach Bedarf anzupassen. Eine Alphabetisierung könne auch bei anderen Anbietern geschehen. Das Kultusministerium ermögliche die Einbeziehung externer Anbieter wie etwa Volkshochschulen, wenn die Ressourcen personell und räumlich ausgeschöpft seien. Doch: „Generell ist die Bewerbungslage für vorhandene Stellen (Lehr- und Unterstützungskräfte) angespannt“, so die Sprecherin weiter.

Und was passiert, wenn die Jugendlichen nach der Berufsschule den Sprung in den Arbeitsmarkt nicht geschafft haben? „Wenn sie 19, 20 Jahre alt sind, verschwinden sie aus dem schulischen Radar und diffundieren so in die Gesellschaft“, sagt Schmider. Laut Kultusministerium können sie, wenn es freie Plätze gibt, in Bildungsgänge des Übergangsbereichs aufgenommen werden, aber auch beispielsweise durch Maßnahmen der Arbeitsagentur gefördert werden.

StZ Kreis Ludwigsburg
Montag - Samstag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus Ludwigsburg und dem Kreis im kompakten Überblick: Von Montag bis Samstag schicken wir Ihnen unseren Newsletter mit den fünf beliebtesten Themen unserer Leserinnen und Leser in Ihr E-Mail-Postfach. So bleiben Sie immer auf dem Laufenden.